Unis sollten Lockerungsversuchungen widerstehen : Bleibt beim Digitalsemester!

Je älter die Lernenden, desto eher kann man ihnen Distanz beim Unterricht zumuten. Es ist daher richtig, dass die Unis beim Digitalsemester bleiben, sagt unser Kolumnist.

Die Unis sollten nicht wieder großflächig geöffnet werden, sagt unser Kolumnist.
Die Unis sollten nicht wieder großflächig geöffnet werden, sagt unser Kolumnist.Foto: Friso Gentsch/dpa

Es ist, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Mitte März lieferten sich die Bundesländer einen Wettstreit, wer am schnellsten am meisten gesellschaftliche Bereiche herunterfahren kann.

Seit ein paar Tagen, so scheint es, gibt es einen Preis für denjenigen Ministerpräsidenten, der am schnellsten die meisten Restaurants, Kneipen und Fitness-Studios an den Start bringt.

Endlich spielen auch die Belange von Kindern wieder eine Rolle

Und bei einigen Regierungschefs klingen die mitgelieferten Beteuerungen – „Nur unter Abstandswahrung! Nur unter Beachtung besonderer Hygieneregeln!“ – so heruntergeleiert, dass man Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit haben muss.

Positiv anzumerken ist, dass nach wochenlangem spitzenpolitischen Desinteresse auch die Belange von Kita- und Schulkindern wieder eine Rolle spielen. Kitas und Schulen laufen mit ihrer geplanten Öffnung in Stufen zwar weiter dem allgemeinen Trend hinterher.

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Doch je weiter sich dieser Trend Richtung Öffnungsorgien dreht, desto segensreicher ist es, dass im Bereich der Bildung zwar auch vieles reichlich chaotisch losgeht – es aber ausgerechnet dank der oft so ungeliebten Kultusminister zumindest den ausformulierten Anspruch an ein überlegtes Vorgehen und an übergreifende Sicherheitsstandards gibt.

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Teilhabe

Die Warnungen vor einer zweiten Infektionswelle sind nicht von der Hand zu weisen, ebenso wenig, dass Kitas und Schulen darin eine treibende Rolle spielen könnten. Zwar ist das Ansteckungsrisiko, das Kinder für sich und andere spielen, von der Forschung nicht abschließend geklärt, doch in jedem Fall bleibt es eine Abwägung: Das Recht jedes Kindes auf Bildung, auf Teilhabe und soziale Kontakte versus die dadurch ausgelöste Pandemierisiken für die Gesellschaft.

Eine Abwägung, die freilich bei anderen oft weniger infrage gestellten Öffnungen – etwa von Kneipen und Fitness-Studios – ebenso getroffen werden sollte.

Je jünger die Kinder, desto mehr Unterstützung brauchen sie

Die Antwort in der Bildung muss lauten: Je jünger die Kinder sind, je mehr ihre Bildung am Anfang steht und je angewiesener sie sind auf Unterstützung außerhalb der Familie, desto höher ist ihr Recht auf Rückkehr in Kitas und Schulen zu werten.

Berichte zu Schulschließungen und Homeschooling

Und desto mehr dürfen sie auch ein Stückweit gesellschaftliche Solidarität einfordern beim Tragen der dadurch entstehenden Risiken. Weiter gedacht bedeutet dies: Je älter die Lernenden werden, desto mehr Lernen über Distanz kann ihnen zugemutet werden.

Das gilt in den höheren Klassenstufen und für Hochschulen. Zumal die Forschung in die Richtung deutet, dass gerade die jungen Erwachsenen extrem zur Ausbreitung des Virus beitragen. Während sich also besonders die Schulen rasch der neuen Corona-Normalität einer – pädagogisch noch auszuklügelnden – Mischung aus Präsenzstunden und Homeschooling annähern sollten, sollten die Hochschulen den bereits spürbaren Versuchungen widerstehen.

Hochschulen sollten Versuchungen widerstehen

Den Versuchungen und Versuchen, das digitale Semester im Fahrwasser der Lockerungen doch mittendrin zu einem Präsenz-Semester light mit digitalen Anteilen ummodeln zu wollen. Unis sind Großveranstaltungen, die Kontaktdichte in vielen Mensen und Vorlesungen erinnert eher an Fußballstadien als an Kaffeekränzchen.

Ein Porträtbild von Jan-Martin Wiarda.
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.Foto: Privat

Die Abwägung der dadurch entstehenden Infektionsgefahren gegen die größere Selbstverantwortlichkeit junger Erwachsene muss daher zwangsläufig anders ausfallen an etwa an Kitas und Grundschulen. Sie kann es auch deshalb, weil die Hochschulen in den vergangenen Wochen Beachtliches geleistet haben bei der Digitalisierung der Lehre.

Es braucht einen Digitalpakt Hochschule

Bei allem, was den Studierenden und Hochschulen deshalb zugemutet wird und zugemutet werden muss, gerät die Politik in immer stärkeren Zugzwang. Von Politikerkomplimenten, sie hätten den Sprung zur virtuellen Lehre trotz teils widriger Technik mit Bravour gemeistert, können sie sich nicht die nötige Infrastruktur, die Geräte und Lizenzen kaufen.

Dafür braucht es jetzt einen Digitalpakt Hochschule, eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern. Die Wissenschaftsminister diskutieren bereits eine solche auf Initiative Berlins. Zu Recht: Wenn die Hochschulen in der Krise ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen, muss die Gesellschaft das gleiche für die Hochschulen tun.

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