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Trocken gefallen. Die bronzezeitlichen Überreste waren bislang im Stausee versunken.
© Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Archäologische Sensation: Versunkene Metropole aufgetaucht

Forschende entdecken im trocken gefallenen Mossul-Stausee eine 3400 Jahre alte Stadt. Auslöser für den Fund ist auch der Klimawandel.

Von Rolf Brockschmidt

Der Irak leidet extrem unter den Folgen des Klimawandel. Eine verheerende Dürre herrscht zurzeit in dem Land, das seine Anbauflächen aufgrund des Wassermangels in diesem Jahr um 50 Prozent reduzieren musste. Daher wurde auch aus dem Mossul-Stausee, dem größten Wasserreservoir des Landes 40 Kilometer nördlich von Mossul am Tigris, Wasser abgepumpt, um die Felder zu bewässern und die Ernte zu retten.

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Und so – Glück im Unglück – traten die Ruinen einer 3400 Jahre alten Stadt bei Kemune hervor, die seit knapp 40 Jahren überflutet war und damals nicht archäologisch untersucht werden konnte. Der Damm wurde 1986 während des irakisch-iranischen Krieges (1980-1988) fertiggestellt, da war keine Zeit für archäologische Notgrabungen.

Handeln bevor das Wasser wieder steigt

Ein Team aus deutschen und kurdischen Archäologen unter der Leitung von Hasan A. Kasim, dem Direktor der Kurdistan Archaeology Organization (KAO), hatte mit Ivana Puljiz von der Universität Freiburg und Peter Pfälzner von der Universität Tübingen spontan beschlossen, in einem Wettlauf gegen die Zeit die einmalige Chance zu nutzen, um möglichst viele Teile dieser großen Stadtanlage freizulegen und zu dokumentieren, bevor der Wasserspiegel wieder ansteigen würde.

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Zusammen mit der Antikendirektion Dohuk (Region Kurdistan-Irak) wurde diese Notgrabung im Januar und Februar vor Einsetzen der Schneeschmelze in den Bergen der Türkei dank der Finanzierung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung durchgeführt. Wann genau die Schneeschmelze einsetzt, war nicht bekannt. Daher war es ein Wettlauf gegen die Zeit.

Die Archäologen vermuten, dass es sich bei dieser großen Anlage mit Palast, einer massiven Befestigungsanlage und Wehrtürmen, einem industriellen Komplex und einem mehrstöckigen Magazingebäude um die antike Stadt Zachiku, eine bedeutende Siedlung des Mittani-Reiches (1550-1350 vor Christus) handelt. Das Großreich von Mittani kontrollierte damals große Teile von Nordmesopotamien und Syrien.

Herausragende Stellung der Siedlung

„Das riesige Magazingebäude ist von besonderer Bedeutung, weil darin enorme Mengen an Gütern gelagert worden sein müssen, die wahrscheinlich aus der gesamten Region herbeigeschafft wurden“, erläutert Ivana Puljiz in einer Mitteilung der Universität Tübingen. Solche riesigen Magazingebäude deuten immer auf eine herausragende Stellung der Siedlung. 

Dass es dort einen Palast gab, wusste man von einer Kurzkampagne 2018, als der Wasserspiegel ebenfalls kurzzeitig gesunken war. „Der Fund ist eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte in der Region und veranschaulicht den Erfolg der kurdisch-deutschen wissenschaftlichen Zusammenarbeit“, sagte damals Direktor Kasim.

Erstaunlich fanden es die Archäologen nun, dass die Mauern aus ungebrannten Lehmziegeln, die über 40 Jahre unter Wasser lagen, so gut erhalten waren. Deutlich kann man auf den zum Teil meterhohen Mauern die einzelnen Lehmziegel erkennen. Vermutlich sei es einem Erdbeben zu verdanken gewesen, das um 1350 die Stadt zerstörte. Dabei bedeckten die einstürzenden Mauerteile viele Gebäude unter sich und konservierten sie somit.

Das Wertvollste, was Archäologen überhaupt finden können, sind nicht Gold und andere Preziosen, sondern schriftliche Zeugnisse, die Aufschluss über die Zeit geben. In diesem Fall wurden gleich fünf Keramikgefäße mit über 100 Tontafeln mit Keilschrift gefunden. Eine erste Untersuchung hat ergeben, dass sie aus mittelassyrischer Zeit kurz nach der Erdbebenkatastrophe stammen, das heißt, dass die Stadt auch nach der Katastrophe weiterhin existiert haben muss.

Erkenntnisse über die Anfänge der assyrischen Herrschaft

Die Forscher erhoffen sich aus der Auswertung der Schrifttafeln Erkenntnisse über das Ende des Mittani-Reiches und die Anfänge der assyrischen Herrschaft. Einige der Dokumente stecken sogar noch in ihren „Briefumschlägen“ aus Ton. „Dass die Keilschrifttafeln aus ungebranntem Ton so viele Jahrzehnte unter Wasser überdauert haben, grenzt an ein Wunder“, sagt Peter Pfälzner.

Mit der einsetzenden Schneeschmelze in den Bergen stieg der Wasserspiegel des Mossul-Sees mittlerweile wieder. Um die ausgegrabenen Mauern vor dem Wasser zu schützen, wurden sie ganz eng in Plastikplanen eingepackt und mit Kiesschüttungen bedeckt. Diese wichtige Schutzaktion wurden mit Mitteln der Gerda Henkel-Stiftung finanziert. 

Die Forscher gehen davon aus, dass noch weitere bedeutende Objekte in den Ruinen verborgen liegen könnten. Inzwischen ist der Fundort wieder vollständig überflutet. Die Hauptarbeit liegt nun in der Dokumentation der Grundrisse der Stadt und ihrer Gebäude sowie der Auswertung der Tontafeln. 

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