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Als Kaiser Wilhelm den Trump machte: Befreier, Bohrlöcher – und ein Krieg zwischen Deutschland und Venezuela
Der Präsident wurde in Caracas entmachtet. Es war nicht das erste Mal. Lesen Sie unseren Crashkurs in 200 Jahren venezolanischer Geschichte.
Stand:
Spektakuläre Natur, Bodenschätze, Karibikstrände. In den letzten Jahren ein zunehmend korruptes Unrechtsregime unter Präsident Nicolas Maduro. Und jetzt Trumps Coup. Das ist in etwa die Beschreibung, die einem Europäer oder einer Europäerin zu Venezuela einfallen könnte.
Dabei reicht die Geschichte und Vorgeschichte des Landes zwischen Anden, Karibik und Amazonas weit über die aktuellen Ereignisse hinaus. Vor etwa 16.000 Jahren siedelten dort, soweit heute bekannt, erstmals Menschen. Vor gut 200 Jahren war es die Reise Alexander von Humboldts, die das damals noch unter spanischer Herrschaft stehende Gebiet auch in Deutschland erstmals populär machte.
Unser Überblick schließt an diese Epoche an und beginnt vor genau zwei Jahrhunderten. Er erzählt aber auch die fast vergessene Geschichte einer gewalttätigen und ziemlich an 2026 erinnernden Intervention – durch deutsche Soldaten.
1826: Simón Bolívar, Libertador
Venezuela wird in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts regiert von dem Mann, der noch heute der größte Nationalheld des Landes ist: Simón Bolívar, dem „Libertador“. Doch der „Befreier“ residiert 1826 nicht in seiner Geburtsstadt Caracas, sondern in Lima. Das Jahr markiert den Höhepunkt der Macht des Mannes, der seit 1811 mehrfach und in verschiedenen Rollen an Versuchen teilgenommen hatte, die Unabhängigkeit der südamerikanischen Kolonialgebiete von Spanien und eine republikanische Verfassung zu erreichen.
Seit 1820 ist er Präsident des neuen Staates „Gran Colombia“, der das heutige Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador umfasst. 1825 wird er zudem gleichzeitig Präsident und „Diktator“ von Peru. In jenem Jahr benennt Bolívars Verbündeter General Sucre auch ein weiteres Land, in dem Bolívar nun auch zum Präsidenten ausgerufen wird, nach ihm: Bolivien.

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Das Projekt „Gran Colombia“ fußt auf Bolivars Idee einer Art zentralistisch verwalteter Vereinigter Staaten von Südamerika, die nach republikanischen Prinzipien funktionieren sollten.
Vor ziemlich genau 200 Jahren aber muss er den ersten ernsthaften Rückschlag hinnehmen. Am 30. April 1826 revoltieren Kräfte unter General José Antonio Páez in Venezuela. Es dauert mehr als ein halbes Jahr, bis Bolívar vor Ort eintrifft, eine Amnestie für Páez und dessen Leute erlässt und damit die Lage stabilisiert. Dafür flammt aber anderswo, nicht zuletzt in der zentralen Hauptstadt Santa Fe – heute Kolumbiens Hauptstadt Bogotá – Widerstand auf.
1830: Staatsgründung
Letztlich gelingt es Bolívar nicht, seine Ideen eines Zentralstaates gegen die verschiedensten Partikularinteressen einerseits und spanientreue Kräfte andererseits auf der riesigen und schwer zu kontrollierenden Fläche umzusetzen. Nach einem versuchten Attentat im September 1828, bei dem ihn seine Geliebte, die heute als Vorreiterin des Feminismus in Südamerika verehrte Manuela Sáenz, retten konnte, entschließt sich Bolívar, ins Exil nach Europa zu gehen.

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Bevor ihm das gelingt, stirbt er 1830 allerdings im Hause eines Freundes in der Nähe des Karibikhafens Santa Marta in Kolumbien verarmt an Tuberkulose. 1830 ist auch bereits das Jahr, in dem sich eine venezolanische Junta von Gran Colombia löst. 1831 wird dann endgültig, und bis heute gültig, der unabhängige Staat Venezuela ausgerufen. Die Todesstunde des „Libertadors“, des Befreiers Bolivar, ist damit auch die eigentliche Geburtsstunde der venezolanischen Nation.
1863: Bürgerkrieg
Der General, der 1826 mit seiner Rebellion die Wende in Bolivars Erfolgsgeschichte eingeleitet hatte, José Antonio Páez, wird zu einem der prägenden venezolanischen Staatsmänner der folgenden Jahrzehnte. Er ist mehrfach Präsident, und – Ironie der Geschichte – hält sich auch mehrfach in New York im Exil auf. Da, wo sein bisher letzter Nachfolger, Nicolás Maduro, derzeit gefangen gehalten wird. Auch nach dem Ende des venezolanischen Bürgerkrieges 1863 kehrt er in die US-amerikanische Stadt zurück. Es ist seit den Unabhängigkeitskriegen gegen die Spanier die blutigste Periode der Geschichte des Karibikstaates.
Mehr als 100.000 Menschenleben soll der Krieg gekostet haben. Gegenüber stehen sich, ähnlich wie zeitgleich etwa auch in Kolumbien (beschrieben etwa im Roman „100 Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez), konservative und sich „liberal“ nennende Kräfte. Letztere behalten schließlich die Oberhand und setzen eine föderalistische Verfassung mit mehr Rechten für die Provinzen durch – eine weitere Erosion der Prinzipien Bolivars. Welthistorisch ist diese politische Wende aber aus einem speziellen Grunde ein Meilenstein: Venezuela ist 1863 der erste Staat weltweit, der offiziell per Gesetz die Todesstrafe abschafft. Das Gesetz gilt bis heute.
1902: „Krieg“ mit Deutschland
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Zeit der Caudillos: autokratisch oder diktatorisch regierende Männer. Die breiten Volksmassen sind arm, die Eliten leben gut von ihren Ländereien und vereinzelt etwas Bergbau und Goldminen.

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Ende des Jahrhunderts mischen sich die USA erstmals aktiv in die venezolanische Politik ein: In einem Territorial-Disput zwischen Caracas und den Londoner Kolonialherren des benachbarten British Guayana schlägt sich Washington auf die Seite seiner eigenen ehemaligen Kolonialmacht. Ein Schiedsgericht in Paris wird hauptsächlich mit aus Sicht der USA verlässlichen Personen besetzt, und die Entscheidung 1899 fällt zum Nachteil Venezuelas aus.
Wenige Jahre später folgt eine weitere Venezuela-Krise: Primär aufgrund nicht beglichener Schulden nehmen Deutschland und Großbritannien gemeinsam, später ergänzt durch italienische Schiffe, eine Seeblockade vor.
Im Dezember 1902 kapert und versenkt die Kriegsmarine des Kaisers mehrere venezolanische Kriegsschiffe, liefert sich Gefechte mit venezolanischen Truppen an Land und zerstört ein Fort am Zugang zum Maracaibo-See. Deutschland befindet sich 1902 mit Venezuela „sozusagen im Kriege“. Diese Formulierung stammt von Kaiser Wilhelm II. persönlich, obwohl er sich nicht öffentlich so äußert. Aufgrund der Monroe-Doktrin bedeutet dies aus deutscher Sicht auch das Risiko eines Krieges mit den USA. Die Krise wird letztlich schiedsgerichtlich beigelegt. Die Blockade endet am 15. Februar 1903. Wie viele Menschleben der Konflikt kostete, ist nicht dokumentiert.

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1922: Öl sprudelt
1908 reißt Vizepräsident Juan Vicente Gómez in einem Staatsstreich die Macht von Cipriano Castro an sich, der schon zur Zeit der deutsch-britischen Blockade Machthaber gewesen war. Er konsolidiert sie in den Folgejahren unter anderem mithilfe eines effektiven Geheimdienstes und eines der weltweit besten Telegrafennetze. In seine Regierungszeit fällt die Periode, während der klar wurde, wie reich an Erdöl das Land wirklich ist.
Als Meilenstein gilt hier die riesige Fontaine einer unter dem Druck des flüssigen Bodenschatzes zerborstenen Förderanlage namens „El Barroso“ auf dem Gebiet der Stadt Cabimas 1922. Dort sprudeln, bevor Arbeiter die Situation nach mehr als einer Woche unter Kontrolle bringen können, 100.000 Barrel täglich aus dem Boden. Gomez vergibt Konzessionen an ausländische Ölfirmen, hauptsächlich US-amerikanische.
Die Konditionen werden mit Anwälten, die US-Interessen vertreten, ausgehandelt. Ergebnis ist, dass der Präsident und seine Familie sich bereichern, die Ölfirmen kaum Steuern zahlen und wenig vom Ölreichtum letztlich bei der Bevölkerung ankommt. So sollte es lange bleiben. Gomez verhindert auch, dass Raffinerien auf venezolanischem Boden gebaut werden. Soweit bekannt, ist der Grund dafür, dass er Gewerkschaften und die Macht einer sich organisierenden Arbeiterklasse fürchtet. Damit zementiert er die Rolle seines Landes als reiner Rohstofflieferant mit wenig verarbeitendem Gewerbe.
1947: Freie Wahlen
Gomez stirbt 1935. Seine Nachfolger López Contreras und Medina Angarita beginnen, politische Parteien zuzulassen. Es gibt Streiks von Ölarbeitern. Ein Staatsstreich linker Kräfte gegen Angarita 1945 führt letztlich zu den ersten freien Wahlen mit Wahlrecht für alle 1947. Rómulo Gallegos wird zum ersten frei gewählten Präsidenten des Landes.
Doch nach nur neun Monaten übernehmen 1948 in einem praktisch gewaltfreien Putsch Militärs die Macht. Zehn Jahre später putschen dann linke Kräfte in einem Staatsstreich gegen Diktator Jimenez zurück. Nach freien Wahlen wird Rómulo Betancourt von der Partei Acción Democrática Präsident. Er gilt als eigentlicher Vater der venezolanischen Demokratie.
Es folgen Jahre relativer Sicherheit und Stabilität mit hohem Wirtschaftswachstum, niedriger Inflation und massiven Investitionen in die Bildung. Und es gibt erstmals demokratische Machtwechsel. Der Wandel und zunehmende Wohlstand zumindest von Teilen der Bevölkerung bringen dem Land nun den Beinamen einer „Schweiz Südamerikas“ ein.
Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft bringen die Regierungen aber auch dazu, sehr viel Geld auszugeben. Als der Ölpreis in den Achtzigerjahren einbricht, führt das zu hoher Staatsverschuldung und Inflation, gefolgt von neoliberalen Tendenzen und sozialen Unruhen. Eine der prägenden Figuren dieser Zeit ist Carlos Andres Pérez, Präsident von 1974 bis 1979 und noch einmal von 1989 bis 1993.
1992: Chávez putscht
Im Februar 1992 versucht ein Oberstleutnant der venezolanischen Armee mit ein paar Getreuen, Pérez zu stürzen. Eine Fernsehansprache macht jenen Militär namens Hugo Chávez populär. Doch der Coup scheitert, wie später ein weiterer seiner Gefolgsleute. Chávez wird inhaftiert, aber nach zwei Jahren vom neuen Präsidenten Rafael Caldera begnadigt. Kaum in Freiheit, erklärt Chávez seine Absicht, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Er wolle, so sagt er, Venezuela gerechter machen und den Reichtum des Landes unter der Bevölkerung verteilen.

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Er nimmt sich Zeit, um seine „Bewegung für eine fünfte Republik“ zu organisieren. Einer seiner engsten Mitstreiter ist ab 1997 der ehemalige Busfahrer Nicolás Maduro. Im Dezember 1998 wird Chávez mit 56 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Er setzt eine neue Verfassung durch und nennt seine Ideologie nach Simón Bolívar „Bolivarianismo“. Bei von ihm selbst angesetzten Neuwahlen im Jahr 2000 bekommen er und seine Partei dann noch höheren Zuspruch.
Zwei Jahre später wird Chávez in einem Staatsstreich entmachtet und inhaftiert, kehrt aber nach wenigen Tagen in sein Amt zurück. Später im selben Jahr scheitert ein Referendum, mit dem die Opposition Chávez’ Amtsenthebung erreichen wollte. 2006 wird er erneut mit mehr als 60 Prozent Zustimmung gewählt. Im Vorfeld der Wahlen fallen bereits die institutionelle Propaganda und unausgewogene mediale Berichterstattung auf, internationale Beobachter beurteilen sie aber insgesamt noch als weitgehend reibungslos und internationalen Standards entsprechend.
Chávez verkündet, sein Ziel sei der weitere Aufbau eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Mit den USA kommt es zunehmend zu Spannungen, unter anderem, weil im Zuge einer zunehmenden Verstaatlichung der Ölindustrie auch Anlagen von Firmen wie ExxonMobil und ConocoPhillips enteignet werden. Beide Firmen erheben bis heute Milliardenforderungen gegen den venezolanischen Staat. Seit 2006 verhängen die USA Sanktionen gegen das Land.
2013: Maduro folgt
2012 gewinnt Chávez, bereits schwer erkrankt, erneut eine Präsidentschaftswahl. 2013 verstirbt er, veranlasst aber zuvor noch die Machtübernahme seines Stellvertreters: Nicolás Maduro. Es werden Neuwahlen angesetzt, Maduro gewinnt nach offiziellen Angaben knapp. Wahlkampf und Urnengang sind geprägt von Unregelmäßigkeiten, Einschüchterungsversuchen und medialer Unausgewogenheit.
Bei den Parlamentswahlen 2015 unterliegt Maduros Partei. Dieser beginnt nun, mit Notverordnungen zu regieren. 2016 verhindert die Regierung, obwohl die verfassungsmäßigen Voraussetzungen mehr als erfüllt sind, ein Amtsenthebungsreferendum gegen Maduro. 2017 versucht er mithilfe des ihm ergebenen Obersten Gerichtes, das Parlament zu entmachten.

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Maduros schärfste Widersacherin ist Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz. Sie wird 2017 ihres Amtes enthoben, obwohl das dafür zuständige Parlament dagegen gestimmt hatte. Sie wurde selbst angeklagt und floh schließlich nach Kolumbien. Sie erklärte aus dem Exil, Beweise für Tötungen und Menschenrechtsverletzungen zu haben, die für eine Anklage Maduro vor dem internationalen Strafgerichtshof ausreichen würden.
Dazu kommt das Thema Korruption: Unter Chávez und Maduro hat sich das Problem, das schon zuvor alle Bereiche der Wirtschaft und Verwaltung belastete, noch verschärft. Venezuela gilt laut internationaler Indizes als eines der weltweit korruptesten Länder. Eine Gallup-Umfrage ergab schon 2014, dass 75 Prozent der Venezolaner glaubten, Korruption sei in der gesamten Regierung weitverbreitet. Zahlreiche Hinweise wurden in den vergangenen Jahren öffentlich, etwa verdeckte Zahlungen auf Konten einer bulgarischen Bank. 2016 verlieh die Nichtregierungsorganisation „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ Maduro den Titel der „Person, die weltweit am meisten zur Förderung organisierter Kriminalität und Korruption beigetragen hat“.
2026: Trump attackiert
Maduro hält sich die nächsten Jahre nach Meinung internationaler Beobachter zunehmend illegal an der Macht. Die Wirtschaft kollabiert. Sie ist zu stark vom korruptionsdurchsetzten Ölgeschäft abhängig, das 95 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht. Millionen Venezolaner fliehen, hauptsächlich nach Kolumbien, wo dies eine Art Flüchtlingskrise auslöst. 2019 veröffentlicht Michelle Bachelet, Hohe Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Belege über Folter und außergerichtliche Hinrichtungen in Venezuela durch die Maduro-getreuen sogenannten Spezialaktionskräfte. De facto gibt es in dem Land, das diese als erstes überhaupt gesetzlich abschaffte, demnach wieder die Todesstrafe.

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Im Juli 2024 wird Maduro erneut zum Sieger einer Präsidentschaftswahl erklärt. Dass die Wahl weder frei noch fair war und zudem die Ergebnisse manipuliert wurden, ist bei internationalen Fachleuten praktisch unumstritten. Seine schärfste Widersacherin, María Corina Machado, hatte nicht antreten dürfen. Gewonnen hat aus Sicht vieler Beobachter ihr Ersatzkandidat Edmundo González.
Machado bekommt im Oktober 2025 den Friedensnobelpreis zugesprochen, flieht spektakulär, um zur Preisverleihung in Stockholm zu sein, und dankt Donald Trump dafür, dass dieser massiven Druck auf das Maduro-Regime ausübt. Anfang Januar 2026 wird im Zuge von Operationen des US-Militärs und der Geheimdienste Nicolás Maduro zusammen mit seiner Frau aus Venezuela entführt und vor einem US-Gericht in New York angeklagt.
Wie es in Caracas weitergeht, ist unklar. Jedenfalls passiert zunächst offenbar das, was in Venezuela vielleicht so oft wie nirgends anders auch schon in der Vergangenheit passiert ist und mehr Stabilität suggeriert, als es dort jemals gab. Die Person, die bislang das Amt des Vizepräsidenten innehatte, übernimmt das Präsidentenamt: Delcy Rodríguez.
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