Wiarda will’s wissen : Echte Chancen für junge Muslimas

Die "katholische Arbeitertochter vom Land" hat einst den Bildungsaufstieg geschafft. Die muslimischen Töchter aus der Stadt sind genauso leistungsbereit, scheitern aber zu oft an Diskriminierung.

Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda.
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda.Foto: Privat

Werden muslimische Mädchen freier, sobald es ein gesetzliches Kopftuchverbot für Minderjährige gibt? Mit Macht ist die Debatte aus Österreich zu uns hinübergeschwappt. In der „Welt“ erschien neulich der, wie ich finde, äußerst passende Essay eines Berliner Lehrers. Rainer Werner hat an einer Gesamtschule gearbeitet. Dort sei ihm ausgefallen, schreibt er, wie benachteiligt vor allem die muslimischen Mädchen waren, wie sie sich, „die Haare oft unter dem Kopftuch verborgen“, in sich zurückzogen.

Klare Sache also? Nicht ganz. Denn später unterrichtete Werner an einem Gymnasium und beobachtete, dass ausgerechnet die muslimischen Mädchen besonders engagiert seien. „Auch wenn sie durch das Kopftuch ihre religiöse oder kulturelle Prägung signalisierten, taten sie alles, um durch gute Leistungen zu glänzen.“

Aufstiegsorientierter türkischer Mittelstand

Offenbar entscheidet nicht das Kopftuch, sondern die soziale Herkunft der Mädchen. Um noch mal Rainer Werner zu zitieren: „In Deutschland ist ein türkischer Mittelstand entstanden, der leistungs- und aufstiegsorientiert eingestellt ist und auch die Kinder in dieser Haltung erzieht.“

Dass Mädchen die Bildungsgewinner schlechthin sind – wenn man sie denn lässt! – ist ein hinlänglich erforschtes Phänomen. In den 1960er Jahren prägte Ralf Dahrendorf den Begriff der „katholischen Arbeitertochter vom Land“, deren Bildungsbenachteiligung gleich eine mehrfache war. Dass dieses Stereotyp kaum noch einer kennt, zeigt, wie erfolgreich die Politik darin war, neue Chancen zu schaffen, und wie großartig die Mädchen, wenn auch vorrangig die aus der Mittelschicht, sie genutzt haben.

Die muslimischen Töchter aus der Stadt folgen ihren Vorgängerinnen von einst, und obgleich das (noch) wenig an der Situation muslimischer Mädchen aus weniger liberalen Familien ändert, werden sie so doch zu den dringend nötigen Rollenvorbildern.

Mit türkischem Namen und Kopftuch benachteiligt

Es ist eine Geschichte von Emanzipation und hochfliegenden Plänen, aber sie endet allzu oft, sobald die Schule aus ist. Und das hat nichts mit mangelndem Willen oder vermeintlicher Engstirnigkeit von Muslimen zu tun: 2016 hat eine Studie der Universität Linz ergeben, dass deutsche Unternehmen Bewerberinnen mit türkischen Namen bei der Vergabe von Bewerbungsgesprächen systematisch benachteiligen.

Bei sonst identischer (fiktiver) Bewerbung und Foto erhielt „Sandra Bauer“ in 18,8 Prozent der Fälle eine Einladung, „Meryem Öztürk“ kam nur auf 13,5 Prozent. Trug Meryem Öztürk ein Kopftuch auf dem Bild, wollten nur noch 4,2 Prozent der potenziellen Arbeitgeber sie treffen. Was, möchte man fragen, nützt der schönste Bildungsaufstieg, wenn muslimische Mädchen dann an den Vorurteilen unserer Gesellschaft scheitern?

Bewerbungen anonymisieren: Leistung, nicht Herkunft sollte zählen

Anstatt sinnfreie Debatten um ein Kopftuchverbot fortzusetzen, sollte die Politik sich an anderer Stelle verdient machen. Zum Beispiel, indem sie den Unternehmen verbietet, in Bewerbungsschreiben Namen, Alter, Religion und Foto einzufordern. So jedenfalls würde es eine Gesellschaft tun, die wirklich über Leistung reden will und nicht über Herkunft.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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