
© Arxiu de la família Branyas Morera
Wie man 117 Jahre alt wird: Und was wirklich zählt
Maria Branyas Morera wurde 117 Jahre alt – und stellte ihr Erbgut der Forschung zur Verfügung. Daraus lässt sich einiges lernen für das persönliche Trainingsprogramm im neuen Jahr.

Stand:
Jahrzehntelang lebte Maria Branyas Morera ein ziemlich normales, wenn auch außergewöhnlich gesundes Leben. Zur Attraktion wurde sie erst im hohen Alter – eben wegen ihres hohen Alters: Eine Zeit lang galt sie als die älteste Frau der Welt, bis sie im August 2024 starb.
Anders als ähnlich Hochbetagte stellte sich die Spanierin allerdings der Forschung zur Verfügung. Ein Team um Manuel Esteller von der Universität Barcelona analysierte ihr Erbgut und nahm in den letzten Lebensjahren immer wieder Blut-, Speichel-, Urin- und Stuhlproben der Frau. Das Ziel: herauszufinden, was manche Menschen gesund altern lässt. Die Formel für ein langes Leben.
Das Ergebnis wurde 2025 im Fachblatt „Cell Reports Medicine“ veröffentlicht: Zwar zeigten Moreras Chromosomenenden, die Telomere, die charakteristischen, mit dem Alter einhergehenden Verkürzungen. Auch ihr Immunsystem, insbesondere die B-Zell-Population, war nicht mehr auf der Höhe. Doch ihrer biologischen Uhr nach war sie gut 20 Jahre jünger, wies keine Anzeichen von chronischen oder altersbedingt typischen Erkrankungen wie Demenz auf, hatte keine verengten Blutgefäße und auch ihr Fettstoffwechsel funktionierte ungewöhnlich gut: wenig schlechtes Cholesterin (LDL), viel gutes HDL-Cholesterin und damit ein geringes Schlaganfall- oder Herzinfarktrisiko. Vielleicht eine Folge ihres Joghurtkonsums? Dreimal täglich hatte Morera ihr Mikrobiom im Darm mit Milchsäurebakterien gefüttert.
Joghurt allein wird es wohl nicht gewesen sein, was Maria Morera ein langes Leben ermöglichte. In ihrem Erbgut fand Estellers Team auch bestimmte Genvarianten, die mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht werden, etwa das APOE4-Gen, das vor Herzkreislauferkrankungen und Alzheimer-Demenz schützt.
Die eine, todsichere Formel, die ein 117-jähriges, gesundes Leben verspricht, konnte Esteller aus den Gesundheitsdaten der Frau, die zwei Weltkriege und den spanischen Bürgerkrieg überlebt hatte, allerdings nicht ableiten. Jedenfalls nichts, was über die Binse, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben, hinausginge.
Wäre das denn überhaupt sinnvoll? Was würde die Langlebigkeitsdiät dem Familienvater nützen, dessen Krebsdiagnose ihm nur noch ein paar Wochen gibt? Was helfen zigtausend gejoggte Kilometer, wenn plötzlich die Schlagader platzt? Oder der Autounfall das Leben abrupt beendet? Kommt es wirklich darauf an, wie viele Tage man auf dieser Erde weilt, oder eher, wie man die Tage, die einem gegeben sind, verbracht hat?
Wie wäre es, sich zu Jahresbeginn, statt selbstquälerische Diät- und Fitnesspläne zu entwerfen, Gedanken darüber zu machen, wie wir jeden Tag nicht nur uns selbst, sondern vor allem andere glücklich machen können? Damit man sich an uns nicht aufgrund irgendeiner Zahl von Lebensjahren erinnert, sondern aufgrund des Lebens, das wir in diesen Jahren hatten.
Vielleicht war das ja das Geheimnis von Maria Branyas Morera. Bis zu ihrem Tod spielte sie Klavier und traf sich mit ihren Freunden und ihrer Familie.
Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.
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