Zum Tod von Peter Deuflhard : Er hat die Berliner Mathematik neu erfunden

Peter Deuflhard war ein überaus innovativer und engagierter Mathematiker, dem die Wissenschaftsstadt Berlin viel zu verdanken hat. Ein Nachruf.

Porträtfoto von Peter Deuflhard.
Peter Deuflhard (1944 bis 2019), ehemaliger Präsident des Zuse-Institus Berlin und Mathematik-Professor an der FU Berlin.Foto: TU Berlin/Ulrich Dahl

„Angewandte Mathematiker mischen überall mit“, sagte Peter Deuflhard einst im Interview mit dem Tagesspiegel. So werbe er an Berliner Gymnasien um Nachwuchs für sein Fach. Und so hat er es gehalten, seitdem er 1986 einen Ruf an die Freie Universität annahm. Als Wissenschaftler, der sich der angewandten Mathematik in all ihren Ausprägungen gewidmet hat. Und als Wissenschaftsmanager, der maßgeblich dazu beitrug, dass Berlin zu einer Welthauptstadt der Mathematik und der Digitalisierung wurde.

Mathematik als Beruf? Das habe er sich als Student nicht vorstellen können, erzählte Deuflhard. Die erste Wahl des 1944 im oberbayerischen Dorfen geborenen Abiturienten also war die Physik an der TU München. Doch dann wechselte er Ort und Fach und promovierte in Köln zu Newton-Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen. Nach der Habilitation über numerische Verfahren – wieder an der TU München – wurde Deuflhard mit 34 Jahren 1978 Professor für Numerische Mathematik in Heidelberg.

Seine akademische Bilderbuchkarriere führte Deuflhard schließlich 1986 an die FU Berlin – und hier sollte er bleiben. Freilich ohne dass alles bleiben sollte, wie es war. Er wechsele alle paar Jahre die Disziplin, wurde Deuflhard 2012 anlässlich seiner Emeritierung von einer FU-Publikation zitiert.

Habe er für „eine Problemklasse einen guten Vorschlag gemacht“ und sei die Idee „reif für die Lösung schwieriger Probleme in den Anwendungen“, suche er sich neue Herausforderungen.

Brückenbauer zwischen vielen Disziplinen

Ausgehend von der Numerischen Mathematik und der mathematischen Modellierung komplexer Anwendungsfragen wirkte Deuflhard interdisziplinär in einer enormen Breite von Anwendungsbereichen. Da sei es etwa um Raumfahrtmissionen, Nanooptik, Systembiologie, Medizin und Medizintechnik oder Wirkstoffdesign gegangen, schreibt der Mathematiker Martin Grötschel, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in einem Nachruf für die BBAW. Grötschel würdigt Deuflhard als „Brückenbauer zwischen vielen Disziplinen“.

Ein Beispiel aus der Medizin: Deuflhard forschte zur Simulation von Operationsergebnissen in der plastischen Chirurgie. Mithilfe seines Modells lässt sich beispielsweise voraussagen, wie das Lächeln des Patienten nach dem Eingriff aussehen wird – ein Beitrag also zur personalisierten Medizin.

Auch Deuflhards Kollegen Christof Schütte, Ralf Kornhuber und Rupert Klein heben in einem Nachruf für die FU hervor, die Vielfalt seiner Anwendungsgebiete sei „atemberaubend“. Auch wenn Deuflhard mit seinem sehr interdisziplinären und anwendungsorientierten Ansatz in der mathematischen community nicht unumstritten gewesen sei: „Kurzatmige Resultate“ hätten ihn nicht interessiert, er habe vielmehr zu nachhaltigen Veränderungen in der Wissenschaftswelt beitragen wollen.

Zuse-Institut und Matheon: Peter Deuflhard als Gründer

Das gilt ebenso für Deuflhards institutionelle Innovationen. Kaum in Berlin angekommen, legte er 1986 einen Plan zur Gründung des Zuse-Instituts vor, der ersten deutschen Einrichtung, an der wissenschaftliches Rechnen (Scientific Computing) erforscht werden sollte. Deuflhard baute das nach dem Berliner Computer-Pionier Konrad Zuse benannte Institut auf, machte es mit seinen Mitstreitern zu einer weltweit anerkannten Modelleinrichtung für interdisziplinäre mathematische Forschung und war 25 Jahre lang sein Präsident.

Gescheitert ist indes Deuflhards Plan, dem Namensgeber am Dahlemer Standort des ZIB eine Straße zu widmen. Eine neue Zuse-Straße bekam dann aber die Wissenschaftsstadt in Berlin-Adlershof.

Auch bei der Gründung des von 2002 bis 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Berliner Forschungszentrums Matheon gehörte Deuflhard zu den führenden Köpfen. Mit dem Matheon (heute Math+) zeigte Deuflhard nebenbei: Die großen Berliner Unis, die nach der Wiedervereinigung in einem teilweise ruinösen Konkurrenzkampf um finanzielle und personelle Ressourcen standen, konnten exzellent zusammenarbeiten.

Dass die nach diesem Modell konstruierte Berlin University Alliance im Juli dieses Jahres im Wettbewerb der milliardenschweren Exzellenzstrategie von Bund und Ländern erfolgreich war, durfte er noch erleben. Nachhaltig wirkt er auch mit seinen Büchern Numerische Mathematik I und II, die bis heute zu den Standardlehrwerken gehören.

Nach kurzer, schwerer Krankheit starb Peter Deuflhard am 22. September im Alter von 75 Jahren in Berlin.

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