10.316 Tage Berlin mit und ohne Mauer : Reinhard Meys grenzenlose Sehnsucht

Er hoffte immer, dass seine Stadt wieder heilen wird: Für den Liedermacher Reinhard Mey war die Einheit ein Lebenstraum.

Einfach in die Ferne sehnen. Sänger Reinhard Mey im Cockpit eines „Rosinenbombers“ aus Luftbrückenzeiten.
Einfach in die Ferne sehnen. Sänger Reinhard Mey im Cockpit eines „Rosinenbombers“ aus Luftbrückenzeiten.Foto: privat

Ein Gefühl für das Unrecht, das geschah, für Willkür und Gewalt, bekam Reinhard Mey schon früh, so mit sechs oder sieben Jahren. Die Familie lebte damals in Schulzendorf, im Westteil Berlins, aber der Großvater hatte einen Garten in Wilhelmsruh, im russischen Sektor. Für den Jungen war dieser Garten mit kleiner Laube ein Paradies, in dem es Äpfel gab und Stachelbeeren, in dem man Johannisbeeren direkt vom Strauch naschen konnte.

Immer wieder geschah es, dass Mutter und Großmutter dort Körbe mit Obst geerntet hatten und an der Grenze von den Vopos angehalten wurden. Die nahmen ihnen die Körbe mit der hart erarbeiteten Tagesernte einfach ab. Man konnte nichts dagegen machen, musste es einfach hinnehmen. „Alles, was Berlin betrifft, habe ich immer sehr persönlich genommen“, sagt der Liedermacher, der über seine Heimatstadt Berlin immer wieder auch sehr bewegende Lieder gesungen hat. Verlassen, wie so viele andere, hat er sie nie. Weggehen, mochten die Zeiten auch noch so schwer sein, kam für ihn nie in Frage.

Nicht lange nach der Einschulung in die 20. Grundschule in Tegel begann der Junge, der früh schon selbständig war, sich ganz Berlin zu erschließen. Um seinen Hals herum baumelte eine kostbare Monatskarte. Die Eltern waren beide berufstätig. Machte nichts: „Ich war ein glückliches Schlüsselkind.“

Als Ruinen zu Spielplätzen wurden

Er merkte schnell, dass es Unterschiede gab, das Grau im Osten kontrastierte mit dem helleren, farbenfroheren Westen. Der Osten bot aber auch Möglichkeiten. Für Ostmark konnte er sich die Bockwurst an der Friedrichstraße leisten. Seine Schwester kaufte dort Nagellack, der im Westteil für sie nicht erschwinglich gewesen wäre. Wenn die Insulaner im RIAS kamen, klebte die ganze Familie vor dem Radio. Die Eltern lachten sich oft schlapp bei den Pointen.

Reinhard Mey denkt heute manchmal, dass sich sein Sinn fürs Kabarettistische damals entwickelt hat. Den Refrain „Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder 'n schönes Festland wird!“, hat er sich früh zu eigen gemacht. Er sah die Ruinen, spielte auch darin. Hielt sich aber immer an die Regeln. Nach Granaten grub er nicht. Die Eltern konnten sich auf ihn verlassen. Früh schon war er beseelt von dem einen, sehnlichen Wunsch: „Ich wollte, dass Berlin wieder heil wird, dass es wieder schön wird.“

Als er in die erste Klasse des Französischen Gymnasiums in Wedding ging, versammelten sich Aufständische des 17. Juni. Was er als 10-jähriger zu sehen bekam, hat ihn nie wieder losgelassen: Menschen, die mit bloßen Fäusten gegen Panzer kämpften, Menschen, die getötet wurden vor seinen Augen. Das war ein tief gehendes Erlebnis für die Kinderseele. Diese grausame Gewalt konnte er einfach nicht fassen. Später hat er das in einem Lied beschrieben. Die Kinder wurden an jenem Tag früh nach Hause geschickt. Bis heute findet er, dass der 17. Juni der eigentliche Gedenktag hätte bleiben sollen. Das hätte den niedergeschlagenen Aufstand in die geglückte friedliche Revolution mit einbezogen.


Sehnsucht nach dem Kindermädchen

Reinhard Mey war schon 18 Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Zusammen mit seinem besten Schulfreund Christian war er zu einem Sprachkurs nach Spanien gefahren, erfuhr in der Nähe von Barcelona davon. „Aber aus der Ferne hört sich das milder an, als wenn man es aus der Nähe sieht.“ Am schlimmsten war der Verlust von Eka, einer Lieblingsschülerin seiner Mutter, die Gewerbelehrerin war. Über viele Jahren lebte Eka im Hause Mey, offiziell als Kindermädchen, aber eigentlich als drittes Geschwisterkind. Die Liebe zu einem Kunstmaler hatte sie in den Ostteil der Stadt gezogen. Und plötzlich gab es kein Zurück mehr. In die Familie Mey war eine tiefe Lücke gerissen worden, über die sie erst 28 Jahre später hinwegkommen sollte. Zwischendrin gab es Briefe, auch Päckchen mit Kaffee, Schokolade, Nylonstrümpfen.

Anfang September 1961 kehrte Reinhard Mey mit der Eisenbahn aus Spanien nach West-Berlin zurück. Die Mauer war noch rudimentär, eilig zusammengehauen, in Frohnau lief ganz in der Nähe des elterlichen Hauses die Grenze. Nachts hörte er öfter Schüsse, sah die Leuchtkugeln und fragte sich, „welchen armen Hund es nun wohl wieder erwischt hat“. Aber auch das Schreckliche, das Monströse ist nicht gefeit vor einem gewissen Gewöhnungsbedarf. Die Natur überwucherte die Zeichen der Grenze, an der oben im Westen ein Spazierpfad entlanglief. Man dachte nicht mehr immer an die Teilung, wenn man da langging.

In der Zeit, als Reinhard Mey eine Lehre bei Schering machte, führte er französische Besuchergruppen erst durchs Unternehmen, dann durch die Stadt. Ein Besuch in der Bernauer Straße gehörte immer dazu. Und die Besucher, erinnert er sich, bekamen regelmäßig eine Gänsehaut, wenn sie sahen, wie noch Vorhänge aus eilig zugemauerten Fenstern wehten.

Reinhard Mey hatte oft Mühe, Westdeutschen klar zu machen, wie es ist, wenn der Bürgersteig noch zur einen, die Straße aber schon zur anderen Seite zweier verfeindeter Weltreiche gehört.

Willy Brandt in der Erinnerung

Er erinnert sich noch gut an die Worte des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, der auf dem Ernst-Reuter-Platz im Zusammenhang mit dem S-Bahn-Boykott von „Ulbrichts schaukelnder Geisterbahn“ sprach. Traumatisiert hat ihn das alles nicht. Zu tief war das Wissen: Das ist meine Heimat.“ Als viele die Stadt verließen aus Angst vor den Russen, blieb in ihm immer ein Funken Hoffnung erhalten, dass seine Stadt eines Tages doch heilen würde, auch wenn er zu wissen glaubte, dass das nicht realistisch war.

Schrecklich waren die Fahrten nach Westdeutschland, die endlos langen Wartezeiten an der Grenze in Dreilinden und in Helmstedt. Die wiederkehrenden Befehle: „Machen Sie mal das Ohr frei! Nehmen Sie die Brille ab! Und jetzt mal den Kofferraum aufmachen!“ Da half kein Prominenten-Status, nichts. „Mein Rekord waren 26 Stunden Wartezeit“, erinnert sich der Künstler. Die Schlagbäume blieben damals 24 Stunden lang unten, „weil sich die Russen über irgendetwas geärgert hatten“. Mit den drei Kindern später wurden die Grenzübertritte besonders schlimm.

Das war ja auch komisch: Der Papa, der sonst immer alles möglich machte, war hier auch lieber still, gab keine Widerworte. Es war eine für alle gedrückte Stimmung. Und dass die Kinder dann von allein so schweigsam waren, wie hypnotisiert von dem Gefühl des Unfreundlichen, der Entmündigung, bedrückte die Eltern zusätzlich. Fahrten durch „die Zone“ waren wie ein Eintauchen in die Finsternis.

Und wenn man wieder in West-Berlin ankam oder in Westdeutschland, dann war es „wie ein Auftauchen ins helle Licht der Freiheit". Am Ende haben sie den Hund, der sonst immer umständlich dem DDR-Tierarzt vorgeführt werden musste, so dressiert, dass er muckmäuschenstill unter dem Sitz liegen blieb. Er hat dann auch nicht einmal geknurrt, wenn die Grenzer Papiere verlangten.

Ost-Berlin? Nein, danke!

Nach Ost-Berlin zog es den Barden kaum in jenen Jahren. Besonders vor dem Transitabkommen war das immer mit Demütigungen und langen Wartezeiten verbunden. Er ließ es lieber.

Mit den Jahren aber wurde eine Sehnsucht immer stärker, ein Wunsch, der freilich unerfüllbar schien für einen Chansonnier, der die Freiheit und das Individuum so hochachtete. „Ich würde gern einmal in Dresden singen,/ In Weimar, Halle oder Heinrichsruh!/Namen sind das, die für mich nach mehr Ferne klingen,/Als Singapur, Los Angeles, La Paz oder Katmandu...“, sang er sieben Jahre vor dem Mauerfall.

Es gab einen Punkt, da hatte Reinhard Mey plötzlich das Gefühl, es könne sich etwas ändern. Das war 1988. Der Kinderausweis seines Sohnes Frederik war an der Faltstelle auseinandergegangen, und er hatte ihn mit Tesafilm provisorisch repariert. Der Grenzer hätte das beanstanden und die Familie lange warten lassen können. Mit dem Anflug eines Lächelns ging er darüber hinweg. „Für mich war das ein gutes Omen.“

Nicht lange danach, Anfang 1989 geschah ein Wunder. Da kam plötzlich eine Anfrage des DDR-Fernsehens, ob er in der Sendung "Showkolade", die in der Semper-Oper in Dresden aufgezeichnet wurde, drei Lieder singen wolle. Um die Papiere würde man sich schon kümmern. Am 7. November fuhr er los mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche. Die Raststätten hinter der Grenze waren teils schon verwaist wegen der vielen Flüchtlinge, die über Ungarn ausgereist waren.

Im Interhotel Bellevue, wo man auch Westfernsehen gucken konnte, erlebte er gemeinsam mit Frau Hella und der Crew des Ostfernsehens den legendären Auftritt von Günter Schabowski. Der Jubel war unbeschreiblich, alle lagen sich in den Armen. Und Reinhard Mey investierte seine DDR-Gage in Sekt für alle, Schloss Wackerbarth. Am nächsten Tag sagte der Regisseur, man wolle doch zusätzlich zu den vorab vereinbarten Liedern „Über den Wolken“ proben, was in der DDR, dem Land ohne Reisefreiheit, natürlich ein absolutes Tabu war. Jetzt war die Hoffnung grenzenlos.

Mit belegten Broten zurück in den Westen

Am 11. November war der Auftritt, wie geplant, in der Semper-Oper, und selbst ein so wortmächtiger Dichter wie Reinhard Mey kann nicht wirklich beschreiben, wie es war, als er sang "…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…" Alle hatten Tränen in den Augen, die Zuhörer, die Crew und er selber auch. Ein Lebenswunsch war in Erfüllung gegangen.

Einen Tag später machte er sich mit Frau Hella auf den Heimweg. Im Gepäck belegte Brote, wegen der zu erwartenden Staus, und die Blumen, die er am Ende des Konzerts überreicht bekommen hatte. „Wenn der Vopo lächelt“, sagte Reinhard Mey zu Frau Hella, „dann bekommt er die Blumen“. Es war ein großer Moment für ihn, als er den Strauß überreichte.

Als er nach Hause kam, war die Luft blau von den Abgasen der Trabis. Aufgeregt kamen die Kinder ihm entgegengelaufen, ganz davon erfüllt, an einem Weltereignis teilzuhaben. „Sie waren völlig aus dem Häuschen.“ Sohn Frederik bestieg bald darauf mit seinen Freunden verlassene DDR-Wachttürme in der Umgebung, begann Ost-Telefone zu sammeln und andere DDR-Reliquien.

Wiedersehen mit Eka

Damals sang Reinhard Mey:

„Mein ganzes Leben hab’ ich in der halben Stadt gelebt?/ Was sag’ ich jetzt, wo ihr mir auch die andre Hälfte gebt?/ Jetzt steh’ ich hier, und meine Augen sehen sich nicht satt/ An diesen Bildern, Freiheit, endlich Freiheit über meiner Stadt!“ Bald nach dem Mauerfall kaufte Reinhard Mey einen VW-Bus. In dem erschloss die Familie sich die andere, bislang unbekannte Hälfte des Landes. Sie fuhren an die Küste, ins Elbsandsteingebirge, nach Thüringen, immer mit großen Picknickkörben an Bord, weil die Verpflegung in den Gaststätten noch äußerst mäßig war. Ein Symbol für jene Zeit sind für ihn die glitzernden Wimpel, die an langen Leinen die Autohäuser schmückten, die wie Pilze aus dem Boden schossen.

Auch den Ostteil der Stadt erschloss sich die Familie. Das Wiedersehen mit Eka stand natürlich ganz am Anfang. Man fuhr dann in die Ackerstraße, wo Reinhard Meys Mutter aufgewachsen war und nach Friedrichshain, wo sein Vater herstammte.

In den Hansa-Studios hatte er ein Büro, „so groß wie drei Telefonzellen, aber mit einem Fenster zum Potsdamer Platz.“ Dort sah er, wie aus einer Brache die Häuser emporwuchsen. Er beobachtete die Glücksritter, die in der nun herrschenden Goldgräberstimmung kamen. Und er bedauert eines. Warum hat in dieser Zeit der Freude und Euphorie keiner die Leute dazu animiert, wirklich brüderlich und schwesterlich zu teilen mit den Menschen im Osten? Mehr Solidarität wäre möglich gewesen, so sieht er es rückblickend. Dass es heute immer noch Gehaltsunterschiede gibt zwischen Ost und West, findet er unmöglich.

Einen besonderen Aspekt der Wiedervereinigung erlebte er durch seinen Sohn Frederik, der mit einer Brandenburgerin in Potsdam lebt und ihm zwei Enkel geschenkt hat.

Dass nach der großen Freude irgendwann Ernüchterung folgen würde, war ihm immer klar. „So viel Unrecht ist geschehen, das nicht wieder gut zu machen ist.“ Das gilt für die Mauerzeiten, aber auch für die Zeit danach, da viele Menschen plötzlich vor dem Nichts standen. Und doch ist er überzeugt, dass die Freiheit am allerwichtigsten ist. „In Freiheit gibt es immer noch Hoffnung, sich aus einer misslichen Situation zu befreien.“

Dass er fliegen gelernt hat, das hatte natürlich auch mit der Mauer zu tun. Mochte nicht weit hinter seinem Haus auch der Stacheldraht Welten trennen. Er glaubte immer fest an den Spruch der Bremer Stadtmusikanten, in´ dem er nur das Wort „Tod“ ersetzt hat: „Etwas Besseres als die Unfreiheit findest du allemal.“

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