100 Jahre Novemberrevolution : "Es lebe die deutsche Republik!"

Berlin, November 1918: Arbeiter formieren sich zu Marschkolonnen, auf der Chausseestraße fallen Schüsse. Und der Kanzler wartet auf Nachricht vom Kaiser.

Revolutionäre Matrosen und Zivilisten demonstrieren auf dem Kaiser-Franz-Josef-Platz (heute Bebelplatz) Unter den Linden.
Revolutionäre Matrosen und Zivilisten demonstrieren auf dem Kaiser-Franz-Josef-Platz (heute Bebelplatz) Unter den Linden.Foto: akg-images / Sammlung Berliner Verlag

In Berlin beginnt der Tag trübe. Nieselregen fällt, das Thermometer zeigt neun Grad. Die Straßenbahnen fahren wie immer, die Vorortzüge auch, dennoch fehlt es nicht an Vorahnungen, dass dies kein gewöhnlicher Sonnabend wird. Tatsächlich wachen die Deutschen am 9. November 1918 zum letzten Mal in einem Kaiserreich auf.

Theodor Wolff, Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatt“, notiert, dass in den südlichen Vororten Villenbesitzer ihre Häuser verlassen, weil sie sich in der Abgeschiedenheit des Grunewalds oder am Havelufer nicht mehr sicher fühlen. Von seinem Barbier in der Königin-Augusta-Straße, dem heutigen Reichpietschufer, erfährt er sei Militär mit Maschinengewehren in Stellung gegangen.

Der Sonnabend ist 1918 regulärer Werktag. Aber nach der Frühstückspause verlassen die Arbeiter in den Fabriken im Norden der Stadt zu Tausenden ihren Arbeitsplatz und formieren sich in elf langen Marschkolonnen, die sich jetzt auf das Stadtzentrum zubewegen.

Auf der Chausseestraße marschiert Erich Habersaath, 24 Jahre alt, Werkzeugmacher in der Maschinenfabrik Schwartzkopff. Am Vorabend hat er einer Freundin gezeigt, wie man einen Revolver reinigt. Jetzt erreicht Habersaath die Maikäferkaserne der Garde-Füsiliere an der Chausseestraße auf dem heutigen BND-Gelände. Am Tor fuchtelt ein Offizier mit seiner Pistole herum, gibt Feuerbefehl, die Truppe zögert. Es kommt zum Handgemenge, jetzt fallen Schüsse. Der Offizier geht verletzt zu Boden, Erich Habersaath gehört zu den ersten Toten dieses Tages.

An der Küste meutern seit Tagen die Matrosen

Im deutschen Hauptquartier unweit der immer noch umkämpften Westfront verkündet der Kaiser, sollte es in Berlin zum Aufstand kommen, dann werde er an der Spitze seiner Truppen diesen zusammenschießen lassen. Seine Offiziere wissen längst, dass der Krieg verloren ist. Über einen Waffenstillstand wird bereits verhandelt. 23 Generäle verneinen die Frage, ob ein Aufstand daheim mit Gewalt niedergehalten werden kann. 15 weitere äußern Zweifel, nur einer glaubt an einen Sieg im Bürgerkrieg.

An der Küste meutern seit Tagen die Matrosen, verweigern die letzte Seeschlacht gegen den übermächtigen Feind. Zu Hause sind in diesem Krieg bereits 800.000 Menschen an Unterernährung gestorben, nach zwei Hungerwintern droht der dritte in Folge. Und das Heer hat seit März, seit der letzten Offensive, die den Durchbruch bringen sollte, 900.000 Soldaten verloren.

Überall im Reich bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Ihre Forderung: Schluss mit dem Krieg, Schluss mit Monarchie und Militärdiktatur. Bolschewisten nennen sie die einen dafür und verweisen auf die Revolution in der Sowjetunion, in deren Feuer gerade die Zarenfamilie ausgelöscht wurde. Im Rückblick sehen manche Historiker in den Arbeiter- und Soldatenräten eher Parallelen zu den runden Tischen der untergehenden DDR.

In der Berliner Alexanderkaserne, heute in der Geschwister-Scholl-Straße Teil der Humboldt-Universität, sind am Vorabend die Naumburger Jäger eingezogen. Jetzt soll das Elite-Regiment die anrückenden Volksmassen stoppen. Doch die Jäger senden eine Delegation zum SPD-Parteibüro in der Lindenstraße 2-4, um die Lage zu erkunden. Der Sozialdemokrat Otto Wels ruft der Truppe zu: „Es lebe der Frieden. Der freie Volksstaat, er lebe hoch!“ Einen Tag später wird er Stadtkommandant von Berlin sein.

Demonstranten ziehen vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor und weiter zum Reichstag. Unter den Linden ist ein weiterer Zug auf dem Weg zum Schloss, 20 Mann breit, vorneweg Matrosen, die aus Kiel eingetroffen sind. Sie haben sich die Reichskokarden von den Uniformen gerissen, tragen rote Fahnen.

Selten ist eine Monarchie so lautlos verschwunden

Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz steht ungefähr dort, wo heute das Alexa ist. Damals wird der gewaltige Bau mit seinen massiven Ecktürmen wegen der Ziegelfarbe „Rote Burg“ genannt. Im Innenhof steht Infanterie, Maschinengewehrläufe werden aus den Fenstern geschoben. Draußen tauchen bewaffnete Demonstranten auf.

Im Reichskanzlerpalais, Wilhelmstraße 93, wartet Kanzler Prinz Max von Baden um 12 Uhr auf Nachricht aus dem deutschen Hauptquartier in Belgien. Wird der Kaiser auf den Thron verzichten? Der Prinz kriegt keine Verbindung, setzt darauf eine Falschmeldung ab: Wilhelm II., „der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen“.

Max von Baden bittet den Sozialdemokraten Friedrich Ebert, die Geschäfte zu übernehmen. Wilhelm II. meldet sich erst zwei Stunden später, aber das ist inzwischen unwichtig geworden. Selten ist eine Monarchie so lautlos verschwunden wie 1918 in Deutschland.

Zwei Stimmen verkünden dem Volk die neue Nachricht. Die erste gehört Philipp Scheidemann. Von einem Balkon des Reichstages, der zweite links neben dem Hauptportal, ruft er: „Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen. Es lebe die deutsche Republik!“ Zwei Stunden später meldet sich Karl Liebknecht zu Wort, erst vom Dach eines Lastwagens vor dem Schloss, dann vom Balkon des Portals zum Lustgarten. Seine Botschaft: Nieder mit Kapitalismus und Militarismus, es lebe die freie, sozialistische Republik.

Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz wird ebenso kampflos übergeben wie das Schloss, für Jahrhunderte Symbol der Hohenzollernherrschaft. „Die Tore wurden geöffnet“, berichtet ein Zeitzeuge, „wenige Minuten später füllten brüllende und tobende Massen den Schlosshof“. Von Liebknecht berichtet ein Reporter, er habe sich ins Bett des Kaisers gelegt, es sei unter ihm zusammengebrochen.

Erich Habersaath war der erste Tote dieses Tages, er bleibt nicht der einzige. 15 Menschen sterben in Berlin. Tragisch, aber doch glimpflich angesichts des aufgebotenen Gewaltpotenzials und der mörderischen Zeiten, denn noch ist der Krieg mit seinen Millionen Toten nicht zu Ende. Doch die Revolution ist nicht vorbei.

Die Arbeiterschaft ist gespalten

Die Arbeiterschaft ist gespalten. Links von den Mehrheits-Sozialdemokraten um Friedrich Ebert, Otto Wels und Philipp Scheidemann gibt es die Unabhängigen, die USPD, die mit Emil Eichhorn den neuen Polizeipräsidenten stellen. Die USPD ist wiederum in sich uneins, ihren linken Flügel bildet der Spartakusbund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ihr Vorbild: die Sowjetunion.

Offenkundig werden die Mehrheitsverhältnisse, aber auch die Spaltung einen Tag später im Circus Busch, einem runden Kuppelbau am Spreeufer schräg gegenüber vom Dom. Dort tagen die Arbeiter- und Soldatenräte, um den Rat der Volksbeauftragten zu bestätigen. SPD und USPD sollen die Geschäfte unter der Leitung von Friedrich Ebert führen, bis die Nationalversammlung gewählt ist. Im Circus haben die Spartakisten zwar eine laute Stimme, doch niemand folgt ihnen.

Der Obrigkeitsstaat, er verschwindet praktisch über Nacht, die Zensur ist aufgehoben. Die nächste Wahl zur Nationalversammlung wird frei sein, gleich, geheim und direkt. Erstmals werden Frauen eine Stimme haben, Gewerkschaften und Großindustrie einigen sich auf den Acht-Stunden-Tag, große Leistungen in kurzer Zeit. Ein großer Erfolg, schreiben die Historiker und „Welt“-Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff in ihrem Buch „Lob der Revolution“.

Die Hypothek der neuen Regierung ist gewaltig. Vor allem, als der Krieg am 11. November mit dem Waffenstillstand endet und die ungeheuren Forderungen der Sieger bekannt werden. Sie lasten auf der noch im Entstehen begriffenen Weimarer Republik ebenso wie die Lügen, die sie von Anfang an begleiten. Allen voran die Dolchstoßlegende, mit der sich die Heeresführung aus der Verantwortung stiehlt: Die Truppe sei im Feld unbesiegt, die Meuterer schuld an der Misere.

Etwas anders beurteilt der Historiker Joachim Käppner, Journalist der „Süddeutsche Zeitung“, das Geschehen in seinem Buch „1918. Aufstand für die Freiheit“. Kardinalfehler der jungen Republik war es danach, keine Schutztruppe aufzustellen, sondern die Verteidigung der Republik in die Hände ihrer erbitterten Gegner zu legen: der Militärs der Kaiserlichen Armee.

An Versuchen, das zu verhindern, habe es nicht gefehlt, allen voran mit der Bildung der Volksmarinedivision. Die Truppe besteht zunächst aus gestrandeten Matrosen, ist nie stärker als 3000 Mann, empfiehlt sich aber als eine Art republikanische Garde. Ihr Hauptquartier ist der Neue Marstall, die heutige Musikschule Hanns Eisler. Sie übernimmt vor allem den Schutz des Schlosses.

Spartakusaufstand, Ermordung von Luxemburg und Liebknecht

Spätestens zu Weihnachten gerät die zunächst eher gemäßigte und den Sozialdemokraten nahestehende Marinedivision in den Mittelpunkt des eskalierenden Konfliktes um Militärkontrolle und Sozialisierung der Industrie. Den Matrosen geht es eher ums Geld. Sie fordern ausstehenden Sold, den will der sozialdemokratische Stadtkommandant Otto Wels nur gewähren, wenn die Volksmarinedivision das Schloss räumt. Begleitet wird das Hickhack von Presseberichten über Plünderungen im einstigen Hohenzollernsitz. Da dringen Matrosen in das nahe Kommandantenhaus ein und entführen Wels als Geisel ins Schloss.

Die Sozialdemokraten setzen auf die Unterstützung durch das Militär, das die Gelegenheit dankbar nutzt. Keiner von ihnen wird sich je fragen lassen müssen, welche Verantwortung er am Weltkrieg trägt. Dafür kommt es mitten in Berlin an Weihnachten zu einer Schlacht, ausgetragen mit Minenwerfern und Maschinengewehren. Ein Wunder, dass Otto Wels überlebt. 1933 wird er den Nazis im Reichstag mutig entgegentreten.

Das Portal, von dem Liebknecht aus die sozialistische Republik verkündet hatte, wird zerschossen, doch die Matrosen halten sich. Zurücktreten soll nun der linke Polizeipräsident Eichhorn. Die nächsten Unruhen, im Januar 1919, folgen. Diesmal ausgefochten vor allem im Zeitungsviertel, denn wer die Zeitungen kontrolliert, hat die Kontrolle über die öffentliche Meinung. Der Spartakusbund, inzwischen zur Kommunistischen Partei formiert, steht erst daneben, setzt sich dann aber an die Spitze des Aufstandes.

Wieder sucht die Regierung Ebert die Unterstützung durch Freiwilligenverbände des alten Heeres, die sogenannten Freikorps. Die Söldnertruppe, die sich im Frieden nicht zurechtfindet, schlägt den Spartakusaufstand brutal nieder, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden in der Mannheimer Straße 27 in Wilmersdorf entdeckt, entführt und ermordet.

Nicht einmal eine Woche nach Ende des Spartakusaufstandes am 12. Januar 1919 wird die Nationalversammlung gewählt. Die SPD wird mit 37,1 Prozent stärkste Partei, koaliert fortan mit den Bürgerlichen, der Weg in die parlamentarische Demokratie scheint entschieden, das Rätemodell am Ende. Wegen der aufgeheizten Stimmung in Berlin tagt die Nationalversammlung zunächst in Weimar, berät dort über eine neue Verfassung.

In Berlin bleibt die Lage gespannt, am 3. März wird zum Streik aufgerufen. Der Ausnahmezustand wird verhängt. Der Sozialdemokrat Gustav Noske, der schon während des Januaraufstandes von sich gesagt hatte, „einer muss der Bluthund sein“, erteilt als Reichswehrminister Freikorpstruppen den Befehl zum Einmarsch in die Stadt. In der Französischen Straße 32 locken sie Angehörige der Volksmarinedivision in eine Falle, 30 Mann werden erschossen. In Lichtenberg und Friedrichshain werden schwere Waffen eingesetzt, zum ersten Mal fallen sogar Bomben auf Berliner Straßen. Am Ende sind 1600 Berliner tot.

Die Revolution ist im März 1919 vorbei, die Hypothek für die junge Republik aber nicht kleiner geworden. Lehren aus diesem Konflikt werden erst viel später gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es der erklärte Wille, das Militär dürfe in Deutschland nie wieder eine politische Rolle spielen.

Die Revolution in Bildern

Die Revolution, die im November 1918 begann, machte Deutschland zur Republik. Wir zeigen die Schauplätze der dramatischen Ereignisse damals in Berlin – und wie unsere Fotografen Kitty Kleist-Heinrich und Kai-Uwe Heinrich dieselben Orte heute, 100 Jahre später, vorfanden.

Die Ereignisse des Revolutionswinters zum Nachlesen und Betrachten

Stadtführungen

„Chaos, Kämpfe, Republik. Die lange Revolution vor hundert Jahren“ ist ein neues Programm von Stattreisen Berlin. Die Fußgängertour beginnt am 10.11. um 14 Uhr vor der Hochschule für Musik Hanns Eisler, Schlossplatz 7, und dauert etwa zwei Stunden. Weitere Termine: 24.11. und 22.12. und ab Januar, jeweils 14 Uhr. 13 Euro, ermäßigt 10 Euro

Literatur

„1918/1919 in Berlin. Über 40 Schauplätze der Revolution in Wort und Bild“ Von Ingo Huchler, bebra-Verlag, Berlin 2018. 128 Seiten, 16 Euro.

„1918. Aufstand für die Freiheit“ Von Joachim Käppner, Piper Verlag, München 2017. 524 Seiten. 28 Euro.

„Lob der Revolution. Die Geburt der deutschen Demokratie“ Von Lars-B. Keil, Sven F. Kellerhoff, Wbg Theiss, Darmstadt 2018. 288 S., 24 Euro.

„Kaisersturz“ Von Lothar Machtan, WBG Theiss, Darmstadt 2018. 350 Seiten. 24 Euro.

„Die unbewältigte Niederlage“ Von Gerd Krumeich: Herder, Freiburg 2018. 331 Seiten. 25 Euro.

„Die deutsche Revolution“ Von Sebastian Haffner, Verlag Rowohlt, 2018 (Neuausgabe, erstmals erschienen 1969). 256 Seiten. 14 Euro.

Ausstellungen

Kulturprojekte Berlin kündigt ein stadtweites Gemeinschaftsprojekt mit 250 Ausstellungen und Veranstaltungen an verschiedenen Standorten der Stadt an, das bis in den März reicht. Das Programm im Einzelnen unter:

www.100jahrerevolution.berlin

Eine Auswahl

„Berlin in der Revolution 1918/1919“ 9. November bis 3. März. Museum für Fotografie, Jebensstraße 2. Die Ausstellung zeigt eine Bildgeschichte der Revolution in Berlin sowie ein Panorama der Unterhaltungskultur dieser Monate. Dienstags bis sonntags 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. 10 Euro, ermäßigt 5 Euro.

„Berlin 18/19. Das lange Leben der Novemberrevolution“ Sonderausstellung im Märkischen Museum. 23.11. bis 9.5. Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin. Dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, Eintritt 7, ermäßigt 4 Euro.

„Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe“ Berlinische Galerie. Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin. Mittwoch bis Montag, 10 bis 18 Uhr. Eintritt 10 Euro, erm. 7.

Seltene Filmaufnahmen aus den Revolutionstagen mit Klavierbegleitung zeigt das Zeughauskino im DHM, Unter den Linden 2. Donnerstag, 8.11. um 20 Uhr, Sonntag, 11.11. um 15 Uhr, Eintritt 5 Euro.

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