"Durch Fontane ging in Paretz der ganze Tourismus los"

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200. Geburtstag von Theodor Fontane : Ganz Brandenburg ist fontanisiert
2019 feiert ganz Brandenburg den 200. Geburtstag Theodor Fontanes.
2019 feiert ganz Brandenburg den 200. Geburtstag Theodor Fontanes.Foto: Christoph Stollowsky

In Paretz bei Ketzin im Havelland sind die Aktiven des „Vereins Historisches Paretz“ dem publizistischen Tausendsassa der Mark aber erst mal „unendlich dankbar“. So bringt es ihr Vorsitzender Matthias Marr auf den Punkt. „Durch Fontane ging hier der ganze Tourismus los“, sagt er. Ausflugsdampfer schipperten schon zur Kaiserzeit von Berlin nach Paretz, die Passagiere wollten „Schloss Still-im-Land“ kennenlernen, wie Fontane das Paretzer Refugium von Preußens populärer Königin Luise und ihrem Mann Friedrich Wilhelm III. nannte.

Das bürgerlichste aller preußischen Königspaare ließ sich 1797 seine Sommerresidenz in Sichtweite zur Havel bauen, und Architekt David Gilly gestaltete zugleich ganz Paretz zum Musterdorf im Sinne der Romantik um. An diesem idyllischen Landsitz tanzten nun Luise und ihr Mann aus der Reihe, feierten ausgelassen Erntedank mit dem ganzen Dorf. König und Königin mischten sich unter die Landleute, Bauern und Adel vergnügten sich zusammen, die Etikette war weitgehend außer Kraft.

Wer heute durchs Schloss in Paretz spaziert, erlebt ein kleines Wunder

Wo bei Regenwetter „die Dungwagen steckengeblieben waren, schaukelten nun die königlichen Kutschen“, schildert Fontane in seinen Wanderungen durchs Havelland die Anfahrt der Reisegesellschaft nach Paretz. Fünf Mal war er ab 1860 im Dorf, ließ sich vom damaligen Hofgärtner Sulpiz Wilken, dessen Großvater das Königspaar noch in Paretz erlebt hatte, die Geschichten aus Luises „glücklichsten Tagen“ in Paretz erzählen. Und als er das Schloss besuchte, war ihm die Vergangenheit ganz nahe: „Als sich die Läden öffneten, schoss das Licht hinein ... es war, als solle das schöne königliche Paar, das hier lebte und lachte, jeden Augenblick wieder seinen Einzug halten.“

Wer heute durchs Schloss spaziert, erlebt ein kleines Wunder. Das noch in den 90ern arg heruntergekommene klassizistische Gebäude wurde bis 2001 liebevoll restauriert, vieles ist noch zu sehen, das Fontane beschreibt. Luises kleines Klavier, die reich verzierten Papiertapeten, das gemeinsame Schlafzimmer, eigentlich ein Graus für die damaligen höfischen Anstandswahrer. Die frühere Gutsscheune wurde als Kulturtreff wieder hergerichtet, die Dorfkirche sieht aus wie einst, überhaupt: Ganz Paretz ist inzwischen mustergültig saniert als Beispiel preußischer Landbaukunst. Die Stiftung Paretz und der Verein Historisches Paretz stärken das Gemeinschaftsgefühl, sie führen Fontanes Vermächtnis weiter. „Er hat ja die Erinnerung literarisch gesichert und die Wahrnehmung unseres Ortes bis heute maßgeblich geprägt“, sagt Vereinschef Matthias Marr.

Klar, dass sich auch die Paretzer bei „Fontane 200“ ins Zeug legen. Es gibt szenische Führungen im Schloss, Konzerte, Theater und als Höhepunkt am 28./29. September das vom Königspaar geliebte Erntefest mit „Markt und Tanz auf der Tenne“, genau so, wie es Fontane beschrieb.

In Plaue war Brandenburgs eifrigster Wanderer ein Genussmensch

Von dessen Umtriebigkeit will auch Brandenburg an der Havel 2019 mehr denn je profitieren, besonders im Ortsteil Plaue an der Westspitze des Plauer Sees. Auch dort sind Fontane-Fans ihm selbst und seinem Werk auf der Spur, zum Beispiel Gunter Dörhöfer vom Förderverein Schlosspark Plaue e.V. Dass Brandenburgs eifrigster Wandersmann auch ein „Genussmensch" war, erzählt Dörhöfer immer wieder gern, schließlich gibt es in Plaue dafür eine Steilvorlage.

Legt man nach einer Schiffsfahrt ab Brandenburg (Havel) über den Plauer See im Städtchen Plaue an, so steht der pensionierten Geologe Dörhöfer mitunter am Kai und führt seine Gäste erst mal zum Barockschloss am linken Havelufer und dann hinein in den Schlosspark. Die Besitzer des Anwesen von 1839 bis 1945, die Grafen von Koenigsmarck, ließen die wildromantische grüne Oase Mitte des 19. Jahrhunderts anlegen. Park und Schloss gefielen auch Fontane, über wenig Orte hat er so viel geschrieben wie über Plaue. „Am schönsten ist es aber doch am Rand des Sees. wo Weidicht und Rohr abwechseln“, schwärmte er vom Park. Vermutlich hat er dabei jene Stelle im Auge gehabt, an der heute unter Bäumen seine von Dirk Harms geschaffene Skulptur steht. Der Dichter in Eile, mit gezogenem Hut. Zeit für ein Selfie mit Fontane.

"Die Verpflegung ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste"

Aber nun zurück zum Schloss, einer dreiflügeligen Anlage, die Andreas Keuchel vom Berliner Busunternehmen „Gulliver Reisen“ seit vielen Jahren mit langem Atem herrichtet und gastronomisch sowie als Pension betreibt. Vieles ist hier noch stark sanierungsbedürftig, doch wer morbiden Charme mag, der wird Schloss Plaue lieben. Von der Schlossschenke sind es dann nur noch ein paar Schritte zur alten, jugendstilgeschmückten Plauer Stahlfachwerkbrücke und über diese hinweg zu jenem Ort, an dem sich Theodor Fontane vis-à-vis vom Schloss besonders wohlfühlte. Leider herrscht aber auch hier noch teils Verfall und Morbidität.

Ziel sind der einstige Gutspark und die darin seit langem leerstehende Villa des zu Fontanes Zeiten illustren Privatiers Carl Ferdinand Wiesike. Der war ein lebensfreudiger, wohl etwas skurriler älterer Herr, leidenschaftlicher Anhänger der Homöopathie und Verehrer des Philosophen Arthur Schopenhauer. Fontane besuchte ihn von 1874 bis 1880 alljährlich im Sommer, beide verstanden sich bestens, genossen zusammen so manches Gläschen Wein und gutes Essen. Ganz im Sinne des Gastes. „Die Verpflegung“, heißt es in einem seiner Briefe, sei „für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste“. Es waren verplauderte Stunden, Fontane zählte sie zu den „glücklichsten und bestangelegten“ seines Lebens. Seine Präsenz in Plaue wird 2019 nun gewürdigt: mit Theater im Park, einem Fontaneweg – und im Schloss mit einer erfreulichen Weinkarte.

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