200. Geburtstag von Theodor Fontane : Ganz Brandenburg ist fontanisiert

2019 wird das Geburtstag des Schriftstellers groß gefeiert: Seine unbekannteren Seiten sollen gezeigt werden. Wanderungen durch die Mark Brandenburg, wo bereits die Vorbereitungen laufen.

In den besten Jahren. Theodor Fontane wurde für dieses Porträt 1869 fotografiert. Er war damals 50 Jahre alt.
In den besten Jahren. Theodor Fontane wurde für dieses Porträt 1869 fotografiert. Er war damals 50 Jahre alt.Repro: Andreas Klaer

Die munter plätschernden Fontänen vor dem herrschaftlichen Gebäude sind wegen des ersten Frostes versiegt. Aber selbst im Winter wirkt das Alte Gymnasium im Herz der Neuruppiner Altstadt wie ein klassizistisches Schlösschen. Doch am Giebel des 1790 errichteten Schulhauses steht ein pädagogisch ehrgeiziger Spruch: „Civibus Aevi Futuri“ – Den Bürgern des künftigen Zeitalters.

Hier ging Theodor Fontane in seiner frühen Jugend von 1832 bis 1833 zur Schule. Später lobte er die Lehrer des Alten Gymnasiums für ihren milden Unterrichtsstil – nachdem er anderswo rigorose Zuchtmeister erlebt hatte. Das reichte ihm für eine Attacke auf bildungsbürgerliche Glaubenssätze. „Ich bekämpfe den Satz und werde ihn bis zum letzten Lebenshauche bekämpfen, dass der Normalabiturient ... die Blüte der Menschheit repräsentiert“, schreibt Fontane im Kapitel über Neuruppin und das Alte Gymnasium im ersten Band seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, der 1862 erschien. Und dann macht er klar, warum er den „Nicht-Mustermenschen“ besonders schätzt: „Das Beste, was wir haben, ist ohne diese vorgängigen Proben geleistet worden.“

"Das könnten auch heutige Comedians auf der Pfanne haben"

Wenn der Berliner Schauspieler Alexander Bandilla (68) literarisch interessierte Menschen auf den Spuren des berühmten Autors durch dessen Geburtsstadt Neuruppin führt, zitiert er diese Sätze mit besonderem Vergnügen. „Klingt aktuell“, sagt er, rückt seine Schirmmütze zurecht und lacht. „Das könnten auch heutige Comedians auf der Pfanne haben angesichts von Numerus clausus & Co.“ Bandilla liegt daran, Fontane „mal anders vorzustellen“, als ihn die meisten Menschen nach der Schullektüre zu kennen glauben. Fontane teils langatmig und spröde? Von wegen.

Deshalb liegt Bandilla voll auf der Linie des ambitionierten Jubiläumsprogrammes zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes im kommenden Jahr. Unter dem Motto „Fontane 200“ soll der Romancier, Dichter, Journalist, Theaterkritiker, Kriegsberichterstatter, Chronist und literarische Wandersmann vom 30. März bis Ende Dezember 2019 abseits vertrauter Darstellungen neu entdeckt werden. Mit mehr als 100Ausstellungen, Lesungen, Führungen, Theatershows und vielfältigen anderen Events in gut 20 brandenburgischen Gemeinden und Städten, veranstaltet vom Land und den Kommunen, von zahlreichen Museen und Kulturvereinigungen.

Wie hat Fontane seine Welt erlebt?

Wie hat Fontane recherchiert und geschrieben? Wie hat er seine Welt erlebt? Welches Bild haben die meisten Menschen von ihm und seinem Werk? Was ist an seiner Person und seinen Schriften bis heute faszinierend? Also: Spot an, um vor allem Fontanes bislang eher unbekannte Seiten endlich ins rechte Licht zu rücken. Auf den Punkt lässt er sich nicht bringen. Man kann sich ihm nur auf verschiedenen Ebenen nähern. Wenn das keine Steilvorlage ist für Fontane-Fans wie Alexander Bandilla. Ab April wird der Schauspieler regelmäßig durch Neuruppin führen.

Im Fontane-Archiv in Potsdam lagern tausende Originaldokumente

Ganz Brandenburg ist 2019 fontanisiert. Literaturwissenschaftler und Fontane-Freunde sind derzeit mit Hingabe aktiv, um den runden Geburtstag vorzubereiten. Zum Beispiel Peer Trilcke in der „Villa Quandt“ am Fuße des Pfingstbergs in Potsdam. Grüne Fensterläden, klare, klassizistische Linien, eine schicke Freitreppe. Die Villa gehört zum Unesco-Kulturerbe, sie ist nach ihrer einstigen Besitzerin im frühen 19. Jahrhundert Ulrike Augusta von Quandt benannt und beherbergt das Theodor-Fontane-Archiv der Uni Potsdam. Peer Trilcke, Professor für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, leitet das Archiv seit 2016.

Prof. Dr. Peer Trilcke steht vor dem Fontane-Archiv in Potsdam.
Prof. Dr. Peer Trilcke steht vor dem Fontane-Archiv in Potsdam.Foto: Sebastian Gabsch

Jetzt öffnet er im Lesesaal eine Flügeltür. Man kann sie nicht durchschreiten, eine Sicherheitsscheibe versperrt den Weg. Dahinter fällt der Blick auf das Allerheiligste: Alle Erstausgaben von Fontanes Werken stehen in einem historischen Buchschrank, drumherum nüchtern-graue Archivregale. Rund 20.000 Originalhandschriften und Notizen, Manuskripte und Drucke lagern in den klimatisierten Räumen der Villa, gesichert wie in Banktresoren. Alle wurden in den vergangenen Jahren digital erfasst. Und weil Fontane leidenschaftlich korrespondierte, besitzt das Archiv auch eine umfangreiche, gleichfalls gut gesicherte Briefesammlung. Der Lesesaal ist hingegen für alle offen, egal ob Forscher oder interessierte Bürger. Auch Führungen werden angeboten.

Aber zur Zeit konzentrieren sich Peer Trilcke und sein Team auf ein geradezu ultimatives Fontaneprojekt. Anlässlich „Fontane 200“ bereiten sie in Potsdam einen internationalen Kongress im Campus am Neuen Palais vor. Titel: „Fontanes Medien 1819–2019“. Rund 100 Literatur- und Medienwissenschaftler nehmen vom 13. bis 16. Juni teil. Was bedeuteten die Medien einst für sein publizistisches Schaffen? Wie lesen und reflektieren wir seine Texte heute in den neuen Medien?

Seine Arbeitsweise wirkt überraschend modern

Darum geht es, denn betrachtet man Theodor Fontanes Arbeitsweise näher, so wirkt er überraschend modern – „wie ein Prototyp des heutigen publizistischen Free Lancers“, sagt Peer Trilcke. Die rasanten Fortschritte von Telegrafie, Fotografie und des Zeitungswesens seit Beginn der Industrialisierung erlebte er nicht nur während seines Einsatzes als preußischer Korrespondent in London, immerhin galt die „Times“ damals als die innovativste Tageszeitung der Welt. Auch in Neuruppin bewunderte Fontane „die zivilisatorische Aufgabe“ des „Ruppiner Bilderbogens“ von Gustav Kühn, „der den Ereignissen nicht nachhinkt, sondern auf dem Fuß folgt“. Die Bilderbögen wurden als fliegende Blätter verkauft. Kurz, die neuen Chancen faszinierten ihn, er nutzte sie begeistert – weshalb man an Fontanes Karriere den damaligen Kommunikations- und Medienwandel gut nachvollziehen und das 19. Jahrhundert besser verstehen kann.

Er musste sich in der Welt der neuen Medien permanent gut verkaufen

Um all das zu illustrieren, holt Trilcke nun ein paar Schätze aus dem Archiv-Fundus. Nummer eins ist das Wirtschaftsbuch von Fontanes Ehefrau Emilie. „Februar 1893, keine Einnahmen“ hat sie am Monatsende vermerkt. Die Familie war oft in Geldsorgen, Emilies Mann war lange Zeit kein vermögender Autor. Das zeigt auch ein Brief, den der jugendlich wirkende Archivchef, blaue Krawatte, blütenweißes Hemd, nun auf den Tisch legt. Theodor hat ihn aus London an seine Emilie geschickt. Billigpapier, extrem enge Zeilen. Um Papier und Porto zu sparen, sind sogar die Seitenränder beschrieben und schräg die Ecken.

Fontane musste sich in der damaligen Welt der neuen Medien permanent gut verkaufen. Nur als publizistisches Multitalent konnte er überleben. Also eignete sich der gelernte Apotheker leidenschaftlich das journalistische und schriftstellerische Handwerkszeug an, verfasste neben Romanen und Gedichten auch jahrzehntelang wöchentlich Kritiken über Berliner Theaterpremieren sowie die Projekte der kleinen und großen Künstler seiner Zeit – und leistete teils Kärrnerarbeit in Zeitungsredaktionen. Heute würde man sagen: Er produzierte am Desk.

"Fontanes Strategie ähnelt heutigen TV-Serien"

Zugleich warb er für den Abdruck seiner Erzählungen mit kleinen Exposés und erweiterte den Kreis seiner Förderer, indem er – aktuell ausgedrückt – eifrig netzwerkte. „Fontane wusste genau, wie man Themen für ein bestimmtes Zielpublikum platziert“, sagt Peer Trilcke. Griff ein Verleger zu, so erschienen seine Geschichten in der Regel erst mal häppchenweise als Serie in populären Wochen- und Monatsmagazinen. Trilcke sieht auch hier Parallelen. „Die Strategie ähnelte heutigen TV-Serien. Man wollte die Leser neugierig machen und an sich binden.“ Erst ganz zum Schluss kam die krönende Gesamtausgabe.

Der 36-jährige Professor zieht sich weiße Handschuhe an, dann hält er ein Buch in die Höhe. Ein lockiges Mädchen und verschnörkelte Goldschrift verzieren das Cover im frühen Jugendstil. Es ist die erste gebundene Komplettveröffentlichung von Fontanes letztem großen Roman „Der Stechlin“, herausgebracht 1898 vom damaligen illustrierten Unterhaltungsblatt „Über Land und Meer“.

Der familäre Ton des Autors war recht machohaft

Wie zum Kontrast legt Peer Trilcke ein chaotisch beschriebenes Originalblatt daneben. Durchgestrichene Wörter, Kritzeleien. Es ist das Schlusskapitel des „Stechlin“, eine der letzten Fassungen. Es zeigt den unermüdlichen Textarbeiter, der seine Entwürfe oft überarbeitete. Trilcke: „Es war Knochenarbeit.“ Seine Ehefrau musste die Seiten jedes Mal leserlich abschreiben. Dabei soll der familiäre Ton des Autors zuweilen recht machohaft gewesen sein. Das werde im Jubiläumsjahr keineswegs verschwiegen, sagt Trilcke. „Wir betreiben keine Denkmalpflege, stellen Fontane auf keinen Sockel.“ Alles werde reflektiert – auch seine herrischen wie fürsorglichen Seiten.

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