Wo Fontane seine literarischen Wanderungen startete

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200. Geburtstag von Theodor Fontane : Ganz Brandenburg ist fontanisiert
In Karwe zeigt Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke ein Kruzifix, das schon Fontane in der Dorfkirche beschrieb.
In Karwe zeigt Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke ein Kruzifix, das schon Fontane in der Dorfkirche beschrieb.Foto: Christoph Stollowsky

Aber zurück in die einstige Grafschaft Ruppin. Aus der Luft besehen, schmiegt sich der Ruppiner See wie ein Halbmond ins Land. An seiner Südspitze liegt Karwe. In diesem Dorf und in Wustrau am gegenüberliegenden Seeufer startete der etwa 40-jährige Fontane ab 1859 seine literarischen Wanderungen. Kastanien und Lindenbäume, ein Kirchlein mit Friedhof, ein alter Gutspark, den Aktive des „Parkvereins Karwe“ wieder langsam herrichten. Nur das einstige Herrenhaus der Adelsfamilie deren „von dem Knesebeck“ fehlt, es wurde 1983 abgerissen. Auf Fontane wirkte es wie ein „düsteres Geisterhaus“, dennoch fühlte er sich dort offenbar recht wohl.

In Karwe durchstöberte er die Archive der Familie "von dem Knesebeck"

Mehrfach hat er die Knesebecks besucht, er durfte ihr Archiv durchstöbern und Memoiren ihrer Vorfahren studieren. Sie waren sein Vorbild für die Schilderungen der preußischen Adelswelt. Knapp 160 Jahre später sind in Karwe in diesen Tagen Gabriele Radecke und Günter Rieger dabei, eine Ausstellung über Fontanes „Arbeitsweise und seinen Umgang mit Informationsquellen am authentischen Ort“ zu gestalten. Die Räumlichkeiten ihrer Schau passen perfekt zu diesem Vorhaben: Die zwei Kuratoren können einen Teil des einstigen Pferdestalls des Knesebeckschen Gutes nutzen, wo in alten Zeiten mehr als 100 Kaltblüter standen. Freiherr Krafft von dem Knesebeck, Nachfahre der Adelsfamilie und gleichfalls Kurator der Ausstellung, hat den Stall zur gediegenen Wohnung umgebaut und stellt diese teils für die Schau zur Verfügung.

Günter Rieger ist Verleger und lebt in Karwe. Er hat seit der Wende gut 200 Bücher zur Kunst und Geschichte seiner Heimat herausgebracht. Man könnte sagen, Rieger setzt Fontanes Wanderungen durchs Ruppiner Ländchen mit frischem Blick neu ins Bild. Wenn der Dichter heute den weißhaarigen, 70 Jahre alten Verleger zum Kaffee besuchen würde, hätten die beiden viel zu plaudern.

Fontanes 67 Notizbücher sind nun endlich entschlüsselt

Riegers fachliche Partnerin Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin an der Uni Göttingen und gehört zu den bundesweit profiliertesten Fontane-Experten. Sie hat in den vergangenen Jahren eine „große Forschungslücke“, wie sie sagt, geschlossen. Unter ihrer Leitung wurde ein Schatz aus dem Nachlass des Dichters, den Berlins Staatsbibliothek seit 1933 aufbewahrt, buchstäblich lesbar gemacht. Es handelt sich um 67 Notizbücher, die Fontane von 1859 bis 1880 führte. Mit rasch hingeworfener Handschrift, mit Krakeln und Abkürzungen, weshalb sie als kaum zu entschlüsseln galten. Aber das Göttinger Team hat nun rund 10.000 Seiten mit raffinierten philologischen und digitalen Methoden in Druckschrift übersetzt, kommentiert und im Oktober als digitale Edition ins Netz gestellt.

Er notierte, skizzierte und aktualisierte ständig

Wie Fontane ständig Informationen sammelte, notierte, skizzierte, aktualisierte, „sozusagen irre fleißig work in progress betrieb“, so Radecke, bis hin zu eingeklebten Presseausschnitten, das zeigt die Ausstellung neben vielen Dokumenten aus der einstigen Lebenswelt der Knesebecks. Fontanes Notizen waren sein Ideen- und Stoffdepot. Er ließ sich erzählen, am liebsten in Pfarr- und Herrenhäusern, war aber primär kein Historiker, der den Dingen mit wissenschaftlicher Akribie nachging. Ihm ging es um Geschichte und Geschichten.

Gabriele Radecke streicht die rötlich-blonden Haare zurück, lacht und präsentiert vor Karwes Dorfkirche die Kopie einer Notizbuchseite. Zu sehen ist die skizzierte Feldsteinpforte zum Kirchhof. Die drei gotischen, himmelstrebenden Durchgänge sehen heute noch genauso aus. Erst notiert und später in seinen Wanderungen beschrieben hat der Dichter auch das Kruzifix und die zwei dazugehörigen Kerzenleuchter auf dem Alter des Kirchleins. Man kann sie in Karwe 2019 am selben Platz bewundern.

Würde der Dichter heute leben, er wäre gewiss auch Blogger

Würde Fontane heute leben, so wäre er gewiss auch Blogger und würde alle neuen Medien bespielen. Es ist ja kein weiter Weg vom Allesnotieren zur Lust an Sprache und Publikation. Dem widmet sich seine Geburtsstadt Neuruppin, nur ein paar Autominuten von Karwe entfernt, mit einer Leitausstellung zu „Fontane 200“ im Museum der Stadt. Auch dort kann man Notizblätter, Briefe und Manuskripte entschlüsselt lesen. „Alles dreht sich bei uns um die Schreib- und Textwelten des Meisters“, sagt Museumschefin Maja Peers-Oeljeschläger. Um seine oft fein gedrechselten, ab und an mit einem Augenzwinkern versehenen Texte, um die Konstruktion seiner Erzählungen, um Rhetorik, Syntax, „den besonderen Fontane-Sound – und seine Wort(er)findungen“.

Neuruppin zeigt rund 200 seiner Wortschöpfungen

Was hat er alles erfunden? Rund 200 seiner Sprachschöpfungen begegnen Neuruppin-Besuchern ab 30. März 2019 in der Altstadt, auf hölzerne Stellwände und Aufsteller gemalt – von der „Weltverbesserungsleidenschaft“ über „Menschheits-Beglückungs-Spekulationen“ bis zu „Zärtlichkeitsallüren“. Und von dieser kreativen Sprachgalerie ist es nun nicht mehr weit bis zur Poesie Fontanes. „Ja, er hat auch begeistert Gedichte und Aphorismen geschrieben. Das wissen viele gar nicht“, sagt Uta Bartsch vom „Fontanebüro“ der Stadt.

Ihre Lieblingsreime will die Kulturmanagerin im Mai, Juli und September in ihrem eigenen Garten rezitieren. An bestimmten Tagen verwandeln die Neuruppiner ihre Gärten und Höfe in literarische Salons. Jeder, der unter dem Motto „Hereinspaziert!“ in sein privates Refugium einlädt, kann „seinen“ Fontane dann so vorstellen, wie er ihn liebt.

Gedichte im Gemüsegarten, Hörspiele im Ziegenstall – alles ist möglich. „Fontane war ein Lebenskünstler“, sagt Uta Bartsch, „der es verstand, die Welt mit einem Quantum Mumpitz so zu nehmen, wie sie ist“. Auch mit dem Altern hat er sich arrangiert. „Ich kann mir’s länger nicht verhehlen, die Jugend geht, das Alter kommt“, rezitiert Uta Bartsch. „Beim Wein Geschichtchen zu erzählen, ist nun die Gabe, die mir frommt.“

Theodor Fontane war bei alledem bescheiden. Dem Berliner Verleger Wilhelm Hertz schrieb er 1889: „Alles, was ich geschrieben, auch die ,Wanderungen‘ mit einbegriffen, wird sich nicht weit ins nächste Jahrhundert hineinretten, aber von den Gedichten wird manches bleiben...“

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