• 50 Jahre Vietnamkongress in Berlin: Die Studenten und ihr Traum von der Weltrevolution

50 Jahre Vietnamkongress in Berlin : Die Studenten und ihr Traum von der Weltrevolution

"Jeder sah, wie viele wir geworden waren" – für viele Studenten ist der Vietnamkongress im Februar 1968 der Höhepunkt. Dabei markiert er bereits den Anfang vom Ende. Eine Spurensuche.

Das Podium des Vietnamkongresses am 17. Februar 1968 im Audimax der Technischen Universität Berlin.
Das Podium des Vietnamkongresses am 17. Februar 1968 im Audimax der Technischen Universität Berlin.Foto: Volkmar Hoffmann/dpa

So ist das in Hochschulen, oft liegen nur ein paar Meter zwischen Welten: „Tierknochen“ steht auf der Schachtel. Das hier ist das Magazin der „Prähistorischen Archäologie“ der Freien Universität Berlin, gleich gegenüber aber, ebenfalls hinter einer Stahltür, lagert das Archiv der Apo, der Außerparlamentarischen Opposition. Es führt zurück in ein Jahr, das einer Generation seinen Stempel aufgedrückt hat: 1968.

Das Jahr ist Chiffre geworden für eine Art Zeitenwende. Doch während etwa die Bedeutung der neolithischen Revolution, als der Mensch lernte, Tierknochen mit Steinen zu bearbeiten, unter Prähistorikern kaum zum Zwist taugt, wird bis heute über 1968 durchaus gestritten.

War es eine linke Minderheit, die sich anschickte, das Wertesystem der bürgerlichen Mitte zu zertrümmern, wie zuletzt CSU-Politiker Alexander Dobrindt schrieb? Oder ein Aufbruch, der Demokratie ein wenig selbstverständlicher machte, den Deutschen den Kinderladen bescherte und die Frauenbewegung, wie Siegward Lönnendonker sagt?

Lönnendonker, graumeliert, mit Schnauzer und von seinen 78 Jahren kaum gebeugt, ist damals Student der Soziologie an der FU.

"Für den Sieg der vietnamesischen Revolution" verkündet ein Banner

1968 wird er Zeuge eines der prägenden Ereignisse jenes symbolträchtigen Jahres: Am 17. und 18. Februar findet im Audimax der Technischen Universität der Internationale Vietnamkongress statt. Warum nicht hier in Dahlem? Die FU-Leitung hatte das verweigert, „vielleicht waren die Charlottenburger Kommilitonen auch die besseren Organisatoren“, sagt Lönnendonker. Tausende Teilnehmer aus 44 Ländern kommen zum Diskutieren oder nur zum Zuhören. Ein Motto gibt es auch: „Für den Sieg der vietnamesischen Revolution“ heißt es unübersehbar auf einem Banner über dem Podium. Und weiter: „Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.“

Vordergründig geht es also um Vietnam, darum, aller Welt zu beweisen, wie ungerecht der Krieg der amerikanischen Supermacht gegen ein aufmüpfiges Land in Fernost ist. Dahinter steht viel mehr. „In diesen Februartagen hatten wir das erste Mal das Gefühl, nicht einfach eine kleine radikale Minderheit zu sein“, erinnert sich Lönnendonker. Es ist der Höhepunkt einer Bewegung, die sich nur wenig später, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April, anfängt zu zerlegen.

"Es ist Unsinn, alles auf 1968 zu reduzieren"

Lönnendonker hat den Schlüssel zum Apo-Archiv der Freien Universität. Es ist auch seine Geschichte, die dort in langen Reihen voller Leitzordner abgeheftet ist – genau 4286 Stück, abgestellt auf 1300 Regalmetern aus grauem Stahlblech. Er ist es, der schon 1963 anfängt zu sammeln, als kaum einer ahnt, dass nach Jahrzehnten noch interessieren könnte, was die Studenten bewegt.

Abschlusskundgebung. Nach dem Vietnamkongress zogen 15.000 Studenten durch West-Berlin.
Abschlusskundgebung. Nach dem Vietnamkongress zogen 15.000 Studenten durch West-Berlin.to: p-a/Klaus Rose

"Es ist Unsinn, alles auf 1968 zu reduzieren“, sagt er. „Denken Sie an 1967“, am 2. Juni fallen an der Deutschen Oper die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg, der gegen den Besuch des Schahs von Persien protestiert. „In dieser Nacht ging die Polizei auf uns los, wenn mehr als drei beisammenstanden.“ Das ist für viele der Beginn der Revolte.

Oder schon der Februar 1966, als nach einer Demonstration gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam Eier fliegen, an die Fassade des Amerikahauses in der Hardenbergstraße. Aber höchstens 1500 sind gekommen. Und denen schlägt die Wut der Passanten entgegen, die sich um das Verhältnis zur Schutzmacht sorgen.

Die Amerikaner hatten dem Westen der Stadt durch die sowjetische Blockade geholfen. Ihr Militär garantiert den Status quo. Darf man die mit Eiern bewerfen? „Wer gegen die Amerikaner war, von dem nahm man automatisch an, er sei für die Russen“, sagt der Archivar. So eine Veranstaltung ausgerechnet in Berlin abzuhalten, wo der Unwillen der ansässigen Bevölkerung über demonstrierende Studenten selbst bei geringen Anlässen in Hass umschlagen konnte „und wir schon Prügel kriegten, wenn Hertha BSC verlor“, ist Teil der gewollten Provokation.

Zum Abschluss des Vietnamkongresses gehen dann im Februar 1968 mindestens 15.000 Menschen auf die Straße, „und jeder sah, wie viele wir geworden waren“.

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