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Gefahr für Risikogruppe. In mehreren Berliner Pflegeeinrichtungen wurden Covid-19-Erkrankungen festgestellt.

© Tom Weller/dpa

Update

Zahl der Infektionen mit Coronavirus höher als erwartet: 82 Bewohner in Berliner Pflegeheimen erkrankt

Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Pflegeeinrichtungen steigt deutlich. Von 288 Heimen sind bislang elf betroffen.

In Berliner Pflegeheimen sind derzeit 82 Infektionen mit dem Coronavirus und vier Todesfälle unter den Bewohnern bekannt. Zugleich seien 43 Beschäftigte mit dem Virus SARS-CoV-2 infiziert. Das bestätigte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit. Zuvor sprach Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Montagmorgen noch von 73 infizierten Bewohner.

Von 288 Einrichtungen seien bislang elf betroffen. Die Zahlen stiegen in den letzten Tagen offenbar deutlich: Noch am Donnerstag lag die Zahl der bestätigten Fällen in Pflegeheimen noch bei 42.

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Besonders dramatisch ist die Lage im Hermann-Radtke-Haus in Britz: Bereits am 30. März sind zwei Bewohner mit Vorerkrankungen verstorben, wie ein Sprecher des Bezirksamts Neukölln nun mitteilte - am Sonntag verstarb eine weitere Bewohnerin. Ein Ausgangspunkt des Ausbruchs war offenbar ein Kegeltermin am 13. März, bei dem ein Ehrenamtler teilnahm, der danach selbst stark erkrankte und zwischenzeitlich verstorben ist. Über dessen positives Testergebnis sei das Heim am 24. März informiert worden, sagt Marion Timm, Geschäftsführerin des Diakoniewerks Simeon. Daraufhin wurden alle 79 Mitarbeiter und alle 90 Bewohner getestet - 22 Personen waren infiziert.

Mitarbeiter unter Quarantäne

"Seit dem 27.03.2020 sind alle Mitarbeitenden unter eingeschränkter Quarantäne, das heißt, sie dürfen nur zur Arbeit und dann wieder nach Hause", erklärt Timm. Die Bewohner sind nach Angaben des Neuköllner Gesundheitsstadtrates Falko Liecke (CDU) in ihren Zimmern isoliert, vor den Zimmern der positiv Getesteten seien Schleusen installiert. Sowohl diese als auch gegebenenfalls nächste Woche sollen Bewohner wie Beschäftigte erneut getestet werden.

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Einen weiteren größeren Ausbruch gab es im Johanniter-Stift Berlin-Tegel: Nach Angaben des zuständigen Amtsarztes Patrick Larscheid sind dort nun zehn Fälle bekannt. Die Erkrankung der zuerst bekannten infizierten Bewohnerin - die am 1. März aufgrund anderer Probleme einen Klinikaufenthalt hatte - sowie beim Personal verlief asymptomatisch, erklärt eine Sprecherin. Testungen der anderen Bewohner sowie des Personals hätten am Tag darauf begonnen. Mindestens zwei Mitarbeiter sind infiziert.

Rätsel um Zeitpunkt der Infizierung

"Die uns zuerst bekannte infizierte Bewohnerin befindet sich derzeit im Krankenhaus", sagt sie Sprecherin. Eine Beatmung sei jedoch nicht notwendig. Ein weiterer Bewohner befinde sich ebenfalls im Krankenhaus, sei aber wie auch die anderen Bewohner stabil. Mitarbeiter hätten zum Teil Fieber, Gliederschmerzen und Husten. "Wann und wo eine Infizierung stattgefunden hat, können wir nicht genau sagen. Eine Liste aller Kontaktpersonen wurde zusammengestellt", sagt die Sprecherin.

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Schon seit knapp zwei Wochen trügen alle Mitarbeiter bei Bewohnerkontakt eine Mundnasenmaske. "Nach Bekanntwerden der Infektionen wurde sofort entsprechende Schutzausrüstung einschließlich FFP2-Mundschutz eingesetzt", erklärt die Sprecherin - die Einrichtung sei jedoch auch von den "allgemein vorherrschenden Materialengpässe" betroffen, auch wenn aktuell ausreichend klassifizierte Schutzausrüstung zur Verfügung stehe.

Nur in Vollschutzkleidung

Alle Bewohner auf dem betroffenen Wohnbereich im Johanniter-Stift Berlin-Tegel würden nur noch mit entsprechender Vollschutzkleidung versorgt. "Bewohner, die von einem Krankenhausaufenthalt zurück verlegt werden, gehen umgehend in eine 14-tägige Quarantäne und werden gesondert versorgt", erklärt die Sprecherin.

Dass es in Berlin noch keine Fälle wie in Würzburg oder Wolfsburg gebe, wo viele Bewohner verstorben sind, sei bloßes Glück, sagt Amtsarzt Larscheid. Ein Problem sei der erhebliche Mangel an ausgebildeten Fachpflegekräften. Es gebe in Pflegeheimen ein hohes Risiko von Übertragungen - sowohl über Personal als auch zwischen Bewohnern. Insbesondere bei Menschen mit Demenz ließe sich die Isolation kaum durchsetzen, da die Personen nicht "eingesperrt" werden können, sagt Larscheid.
Weite Ausbreitung von Covid-19 hätte "dramatische Konsequenzen".

Kritik an Idee der "Durchseuchung"

Die von manchen propagierte Idee einer "kontrollierten Durchseuchung" der Gesellschaft zur Erzeugung einer natürlichen Immunität kritisierte die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie am Montag mit deutlichen Worten: Es gebe überhaupt keinen Präzedenzfall für das Funktionieren dieser Strategie, erklärte ihr Präsident Bernd Salzberger. Wenn das Virus breit in der Bevölkerung zirkuliert, müssen man damit rechnen, dass die Infektionen bei Jüngeren auf andere Altersgruppen übertragen werden - "mit dramatischen Konsequenzen". Die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen - neben älteren Menschen solche mit schweren Grunderkrankungen - seien mit dieser Strategie nicht zu schützen.

Auch sei die Zahl der Todesfälle bei ungebremster Ausbreitung unter jüngeren Menschen gewaltig. "Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den unter 60-Jährigen rechnen", sagt sein Kollege Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln.

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