Allein, aber nicht einsam : Wie Singles gut durch die Corona-Krise kommen

Manche Alleinlebende fühlen sich derzeit ins soziale Abseits katapultiert. Das muss nicht sein, meint unsere Autorin.

Fast die Hälfte aller Berliner Haushalte besteht aus nur einer Person – und die müssen sich auch sonst Gemeinschaft organisieren.
Fast die Hälfte aller Berliner Haushalte besteht aus nur einer Person – und die müssen sich auch sonst Gemeinschaft organisieren.Foto: Annette Riedl/dpa

Als Single muss man im Moment damit rechnen, dass Freunde sich Sorgen machen: „Wie geht es dir so allein?“ Glücklich, wer solche Freunde hat, das ist nicht selbstverständlich. Sowohl alte Menschen als auch junge, die alleine sind, suchen derzeit verstärkt professionellen Rat.

Dabei kann man im Homeoffice auch positive Aspekte entdecken. Natürlich fehlt die Infrastruktur des normalen Arbeitsplatzes, viele Unterlagen und vor allem die Technik. Glücklicherweise hilft die IT auch am Telefon. Leider ist sie nicht für das Licht im Flur zuständig. Alles, was der Single nicht selber kann, bleibt halt liegen im Moment.

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Es ist vermutlich für viele Alleinlebende komplett ungewohnt, zu Hause zu sein. Tagsüber sind sie bei der Arbeit, abends unterwegs. Normalerweise. Anders als das Klischee es will, sind Singles nicht über die Maßen anfällig für Einsamkeit, jedenfalls gelernte Singles nicht, die das freiwillig sind.

Auch in diesen Zeiten kann man sich auf ein Glas Wein verabreden, nur eben am Telefon. Die Freunde, die mit anderen zusammenleben, stellen den Apparat auf Lautsprecher. Anstoßen und es sich ein bisschen gemütlich machen, das geht auch ohne persönlichen Kontakt.

Die Freunde in den USA sind so weit weg wie die in Berlin - einen Anruf weit

Dazu bleibt im Moment sogar mehr Zeit als sonst. Schließlich fallen Veranstaltungen weg, die Fahrten zu Terminen und Verabredungen. Und die Distanzen schrumpfen, wovon diejenigen profitieren, die einen weit verstreuten Freundeskreis haben. Die Lieben in den USA sind derzeit nicht weiter entfernt als die Freunde in Brandenburg oder Berlin: genau einen Anruf weit.

Da es gerade jetzt wichtig ist, sich auf etwas zu freuen, verabrede ich mich gerne abends mal mit den Freunden am Telefon. Oder ich rufe alte Bekannte an, mit denen ich lange keinen Kontakt mehr hatte. Manche leiden wirklich unter der Isolation und freuen sich sehr über Anrufe und Berichte aus der neuen Arbeitswelt im Homeoffice.

Schlimm dran sind die unfreiwillig Einsamen

Ein Freund, selber Single, schickt neuerdings immer seinen Speiseplan und ist ganz stolz auf seine neuerworbenen Kochkünste. Früher hätten wir uns niemals über so etwas ausgetauscht, aber jetzt ist es ganz lustig, auch mal diesen Aspekt seiner Persönlichkeit kennenzulernen. Derzeit gehören wir zu den Privilegierten. Zwar leben wir allein, aber wir sind nicht einsam.

Wirklich schlimm dran sind diejenigen, die unfreiwillig einsam sind und nichts dagegen tun können. Stephanie Wegener von Tengg kennt solche Fälle. Sie leitet das Einsamkeits-Telefon „Redezeit“ der Malteser. Das hat gerade in dieser Krise großen Zulauf – nicht nur von Betroffenen, sondern auch von Ehrenamtlichen, die bereit sind, über längere Zeit jeweils einmal die Woche eine Stunde lang mit einem Menschen ohne soziale Kontakte zu telefonieren.

Ausdrücklich ermutigt Wegener von Tengg jeden, der Gesprächsbedarf hat, „über seinen Schatten zu springen“ und sich auch tatsächlich zu melden. „Durch die derzeitige Welle der Hilfsbereitschaft sind wir in der Lage, bei Bedarf neue Gesprächspartner zu schulen.“

Immer mehr jüngere suchen Gesprächspartner

Bislang sind etwa 20 Ehrenamtliche im Einsatz, die jeweils bis zu drei Menschen betreuen. „Sonst wird es zu unpersönlich.“ Das Angebot richtet sich vor allem an ältere Menschen, allerdings kämen mehr und mehr Endfünfziger dazu, Menschen ohne Freundeskreis. Über die Telefonnummer 348 003 269 können sie sich einen festen Ansprechpartner vermitteln lassen. „Daraus entsteht oft eine Beziehung, die über Jahre andauert“, sagt die „Redezeit“-Leiterin.

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Einmal die Woche spricht man jeweils eine Stunde lang miteinander. Es geht um Fehler, die man im Leben gemacht hat, um Ursachenforschung, wieso eine Familie zerrüttet ist, aber auch um aktuelle Ängste. „Wie fühlt man sich, wenn man beim Einkauf nur noch Menschen mit Masken sieht?“, nennt Stephanie Wegener von Tengg ein aktuelles Beispiel. Manche sehr alte Menschen erleben, dass sie allein übrig geblieben sind von einem großen Freundeskreis.

Seit knapp sechs Jahren gibt es die „Redezeit“. Im Moment ringen sich Menschen allerdings leichter dazu durch, anzurufen. Um das zu tun, muss man sich zunächst eingestehen, dass man einsam ist. „Das fällt vielen sehr schwer.“

Einsamkeit kann auch erholsam sein

Wer freiwillig Single ist, wird in der Regel sowieso einen großen Freundeskreis pflegen, sicher auch Hobbys, wird jede Menge berufliche Kontakte haben und sein ganzes Leben lang trainiert haben, auf Menschen zuzugehen. Was in der Familie von selbst kommt, Gemeinschaft, muss im Singleleben auch in normalen Zeiten bewusst organisiert werden. Dazu gehören Ausflüge, Geburtstage, Feiertage. Zusammen zu sein mit anderen Menschen, etwa zu Ostern, ist niemals selbstverständlich. Jetzt werden die Zusammenkünfte eben anders organisiert.

Und natürlich gibt es Dinge, die man in freiwilliger Isolation angenehm findet, während sie denen, die, ohne es zu wollen, allein sind, vielleicht nicht mal auffallen. Mehrere Abende hintereinander einfach vor dem Fernseher zu sitzen und zu zappen, kommt mir wie ein Bildungsurlaub vor, der durchaus auch erholsam ist.

In Stresszeiten, wenn der Terminkalender aus allen Nähten quillt, verwildert manchmal die Wohnung. Auf dem Wohnzimmerboden lagern zerfledderte Zeitungen wie ein postmoderner Teppich, im Kühlschrank weinen die älteren Joghurts hinter denen, die noch lange haltbar sind, an der Flurgarderobe quetschen sich Arbeits- und Abendklamotten der letzten Woche. Kurzum, es ist ein bisschen ungemütlich.

Wer immer zu Hause ist, achtet hingegen auf Ordnung, macht morgens das Bett und spült zeitnah Töpfe und Pfannen, die sonst oft lange nicht gebraucht werden. Die ordentliche Wohnung hebt die Stimmung wie auch die entspannte Kleidung, die jetzt das Business-Outfit ersetzt.

„Freundschaften aus den sozialen Medien sind oft zu oberflächlich“

Jungen Leuten fehlen oft die Techniken, es in einer Ausnahmesituation zu Hause auszuhalten. Christiane Obermüller leitet bei der Caritas den Online-Notdienst U25, der sich an Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 25 Jahren richtet. Per Mail werden sie von Gleichaltrigen beraten. Wie die Älteren sucht auch diese Gruppe gerade sehr viel häufiger Hilfe als sonst – so viel, dass nun sogar die Warteliste voll ist (auf u25-deutschland.de gibt es weitere Angebote).

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Normalerweise sind 70 Prozent der Ratsuchenden bei U25 Mädchen, aber jetzt, während der Coronavirus-Krise, haben die Jungen massiv aufgeholt. „Vielleicht liegt es daran, dass Mädchen doch kommunikativer sind und eher anrufen als Jungs“, vermutet Christina Obermüller.

Die Anfragen kommen aus allen Bereichen, auch angehende Ärzte und Sozialpädagogen sind darunter oder junge Erzieherinnen, die sich noch gebraucht fühlen, jetzt, da die Kitas geschlossen sind. „Manche liegen den ganzen Tag im Bett und sehen keinen Sinn mehr darin, überhaupt aufzustehen“, erzählt Christina Obermüller. Denen wird geraten, eine Struktur in den Tag zu bringen und sich für jeden Schritt auf die Schulter zu klopfen. Kaffee getrunken. Check. Geduscht. Gut gemacht.

Einsamkeit und Isolation sind die zentralen Themen. „Die Freundschaften aus den sozialen Medien sind oft zu oberflächlich, die Mitschüler fehlen.“ Der Rat der U25-Mitarbeiter klingt einfach, ist für manche trotzdem schwer umzusetzen: Man könnte sich ja mit den besten Freunden einfach mal zum Telefonieren verabreden. „Oder Oma und Opa anrufen.“

Das wenigstens ist nicht anders als in normalen Zeiten: Wer Freude gibt, bekommt sie vielfach zurück.

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