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„Alex abgeholt“

© Danielle Graf, Katja Seide, Günther Jakobs (Ill.), Alex, abgeholt! ©2021 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Tagesspiegel Plus

Alternativen zu Jim Knopf und Pippi Langstrumpf : Von Popos, Rosa Parks und mutigen Prinzessinnen

Viele Kinderbuchklassiker sind Eltern zu sehr mit Klischees beladen, wenn nicht sogar mit Rassismus und anderen Diskriminierungen. Wir haben Alternativen.

Viele Eltern freuen sich darauf, ihrem Nachwuchs die Kinder- und Jugendbuch-Klassiker, die sie selbst so geliebt haben, vorzulesen oder zum Selbstlesen zu geben. Aber beim erneuten Lesen nach vielen Jahren stellen sie dann fest, dass viele dieser Geschichten heute einfach nicht mehr funktionieren. Zumindest dann nicht, wenn sie ihren Kindern die alten Stereotype über Hautfarben, Geschlechterrollen, ethnische Hintergründe, Behinderungen, Körperformen, Gefühle und den (früher seitens der Erwachsenen oft wenig respektvollen) Umgang mit Kindern nicht als Normalität vermitteln wollen.

Über problematische Inhalte in Klassikern wie „Pippi Langstrumpf“, „Jim Knopf“, „Emil und die Detektive“, der „kleinen Hexe“ und natürlich besonders bei „Winnetou“ ist schon viel geschrieben worden. Und die allgegenwärtige sehr weiße und blonde „Conni“ können viele Eltern auch abgesehen von den dort verwendeten Stereotypen nicht mehr sehen – auch wenn die neuesten Conni-Bände versuchen, etwas mehr Vielfalt zu zeigen. Wir wollen an dieser Stelle Alternativen vorstellen, die das Zeug zu neuen Klassikern haben – und den Kindern die Welt so zeigen, widewidewitt, wie sie uns gefällt, und wie sie in Berlin auch tatsächlich ist.


Alex abgeholt
In „Alex abgeholt“ geht es um ein Alltagsdrama, das die meisten Eltern gut kennen: Beim Abholen aus der Kita rastet ein Kind in der Garderobe wegen einer Kleinigkeit aus. So einfach die Geschichte ist – die Bloggerinnen und Autorinnen der bekannten Eltern-Ratgeber-Reihe „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“, Danielle Graf und Katja Seide, und der Zeichner Günther Jakobs haben mit ihrem zweiten Kinderbuch das perfekte Beispiel geliefert, wie es geht, dass wohl alle Kinder sich irgendwie in einem Buch wiederfinden.

Protagonist:in Alex ist of Color und könnte sowohl Mädchen als auch Junge – oder sogar nonbinär sein. Die Familien der anderen Kinder sind so divers, wie man es sich nur wünschen kann: Es gibt verschiedene Hautfarben, ein Kind mit zwei Müttern, eine sportlich aussehende Mutter mit Kopftuch, ein Kind mit Rollstuhl und sogar mehrere Papas, die ihre Kinder aus der Kita abholen (das ist nämlich leider in Kinderbüchern heute immer noch keine Selbstverständlichkeit).

Und das alles ganz nebenbei – es wird nicht thematisiert oder problematisiert. Alle Kinder sind in diesem Buch mal fröhlich, mal wütend oder traurig, und die Eltern reagieren einfühlsam darauf. Auf den letzten beiden Seiten erklären die Autorinnen, wie Eltern mit Wutanfällen ihrer Kinder umgehen können. (Beltz Verlag, 22 Seiten, ab 2 Jahren, 10,95 Euro.)
Daniela Martens


© Bohem Verlag

Kalle und Elsa
Kalle und Elsa sind beste Freunde. In den drei bislang erschienen Bänden der Reihe „Kalle und Elsa“ erleben sie ganz Alltägliches: Sie spielen im Garten, übernachten gemeinsam und gehen an den Strand. Kinderbücher dieser Art gibt es unzählige, doch das schwedische Künstlerpaar Jenny und Jesús Verona erzählt die Geschichten von Kalle und Elsa so liebevoll und mit derart poetischen Bildern und ohne Klischees, dass sie weit vor allem Ähnlichen liegen. Kalles Hautfarbe ist übrigens keine Erwähnung wert. („Kalle und Elsa“, „Kalle und Elsa lieben die Nacht“, „Kalle und Elsa. Ein Sommerabenteuer“, Bohem Verlag, ab 3 Jahren, jeweils 32 Seiten und 16,95 Euro.)
Daniela Martens


© Klett Verlag

Überall Popos
Mila geht mit ihren Eltern ins Schwimmbad. In Dusche und Sauna trifft sie nackte Frauen und Kinder jeder Hautfarbe und Körperform. Als ihr Papa bei einem Bauchplatscher seine Badehose verliert, tritt Superheldin Mila in der Spiderman-Badehose auf den Plan. Das Buch gibt Kindern die Möglichkeit, Körpervielfalt als etwas Normales zu erleben. So sind sie vielleicht gewappnet, wenn sie irgendwann mit Ideen à la „Germanys Next Top Model“ konfrontiert werden, und können hoffentlich gegenhalten. Vor allem ist das Buch aber sehr witzig, auch für Eltern. (Klett-Kinderbuch, ab 4 Jahren, 32 Seiten, 14 Euro.)
Daniela Martens


© Hawandel Verlag

Nelly und die Berlinchen
„Nelly und die Berlinchen – Die Schatzsuche“ ist Karin Beeses und Mathilde Rousseaus zweites Kinderbuch. Die Geschichte über die Dreier-Mädchenbande entstand, da die beiden Berlinerinnen einen eklatanten Mangel an Diversität in deutschen Kinderbüchern feststellten. Überall nur blonde Kinder mit weißer Haut. Kinder mit anderen Haut- oder Haarfarben konnten sich hier kaum wiederfinden. Die Illustrationen in „Nelly und die Berlinchen“ bilden nun in kräftigen Tönen eine Welt ab, wie man sie in Berlin kennt: Frauen mit Kopftuch, Kinder, die nur bei ihrer Mutter leben, und Kinder mit allen Hauttönen, mit Brille, lockigem oder aalglattem Haar. Die Geschichte „Die Schatzsuche“ spielt an einem Ort, der an das Tempelhofer Feld erinnert.

Die Mädchen treffen auf eine Jungenbande und starten gemeinsam eine Rätseljagd. Die Handlung wird ausschließlich in Reimen erzählt, was für den Vorlesenden teils etwas anstrengend ist – trotz schöner Wortspiele holpert es an der ein oder anderen Stelle. Die Kinder lieben das Buch hauptsächlich wegen seiner bildhaften und individuellen Figuren. Der erste Band von „Nelly und die Berlinchen“ wurde mit dem „Respekt gewinnt!“-Sonderpreis des Berliner Ratschlags für Demokratie ausgezeichnet. (Hawandel Verlag, 2 bis 6 Jahre, 36 Seiten, 9,90 Euro.)
Saara von Alten


© Knesebeck Verlag

Julian ist eine Meerjungfrau
Julian liebt Meerjungfrauen und wäre selbst gern eine. Er bastelt sich ein Kostüm aus Omas Topfpflanze und dem Vorhang. Seine Oma sieht erst etwas wütend aus, doch dann hängt sie ihm noch eine passende Kette um und nimmt ihn mit zu einem Meerjungfrauen-Fest. Mit wenig Text und großartigen Bildern erschafft dieses Buch eine Welt der Toleranz, in der jeder so sein darf, wie er sein möchte. Im zweiten Band „Julian feiert die Liebe“ geht er mit seiner Oma zu einer Hochzeit von zwei Bräuten und erlebt zauberhafte Abenteuer mit der neuen Freundin Marisol. Deren Oma ist übrigens genauso verständnisvoll wie seine eigene. (Knesebeck Verlag, ab 4 Jahren, jeweils 32 Seiten und 13 Euro.)
Daniela Martens


Erklärbücher aus dem Usborne-Verlag
Erklärbücher mit Klappen gibt es von vielen Verlagen. In den meisten sind allerdings alle Kinder weiß und leben in der typischen Mutter-Vater-zwei-Kinder-Familie. Anders ist das bei den Büchern vom Usborne-Verlag, zum Beispiel in „Warum muss ich schlafen?“, „Warum muss ich Zähne putzen?“, „Erklär mir, was Sterne sind“, (alle ab 3 Jahren, 9,95 Euro) oder „Reise in den Weltraum“ (ab 4 Jahren, 11,95 Euro).
Daniela Martens


© Insel Verlag

Little People Big Dreams: Rosa Parks, Maya Angelou und Harriet Tubman
Die Reihe „Little People Big Dreams“, in der Lebensgeschichten ausgewählter Persönlichkeiten kindgerecht und in stilisierten Bildern mit hohem Wiedererkennungswert erzählt werden, ist mittlerweile relativ bekannt. Hier sollen vor allem die Bücher über die afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivistinnen Rosa Parks, Maya Angelou und Harriet Tubman empfohlen werden. Denn bei so vielen in Deutschland bekannteren Persönlichkeiten in der umfangreichen Reihe würden sonst viele Eltern vielleicht nicht gerade diese drei auswählen – die auf sensible, altersgerechte Art den Kindern vermitteln, was Rassismus eigentlich bedeutet. (Insel Verlag, 4–10 Jahre, jeweils 32 Seiten und 13,95 Euro.)
Daniela Martens


Der Junge, der einen Wald pflanzte
Auch in „Der Junge, der einen Wald pflanzte“ wird die wahre Lebensgeschichte eines besonderen Menschen erzählt: Jadev Payeng sorgte mit einer unglaublichen Beharrlichkeit über Jahre dafür, dass aus einer Flussinsel, die durch Umwelteinflüsse fast zu einer Sandbank geworden war, wieder ein Lebensraum für viele Tiere wurde. In Zeiten des Klimawandels hat das schön bebilderte Buch über den jungen Inder, der im Verlauf der Geschichte vom Kind zum Mann wird, ein wichtige Botschaft: Wenn es einem wirklich wichtig ist und man viel für sein Ziel tut, kann man etwas bewegen – sogar etwas ziemlich Großes, das andere für unerreichbar halten. (Zuckersüß Verlag, ab 3 Jahren, 32 Seiten, 24,99 Euro.)
Daniela Martens


Forschungsgruppe Erbsensuppe
Evi, Nils und Lina gehen in eine Klasse und sind eine Bande. Nils, der Ich-Erzähler, ist ein sehr ruhiger Junge, Evi unglaublich aufbrausend und ein bisschen wie eine moderne Pippi Langstrumpf in die reale Welt übersetzt. Und Lina war schon in ihrer Heimat Syrien, aus der sie vor Kurzem mit ihrem Vater, aber ohne ihre Mutter geflohen ist, Chefin einer Detektivbande. Eine Bande braucht eine besondere Aufgabe, und ihre finden die drei, als Nils’ Oma sich immer merkwürdiger benimmt. Sie hortet zum Beispiel auf einmal Unmengen von Erbsensuppe. Also werden die drei zur „Forschungsgruppe Erbsensuppe“ und finden heraus, was die Dosen mit der Vergangenheit der Oma und diese wiederum mit der Gegenwart und Linas Situation zu tun hat.

Die Geschichte ist tiefgründig, aber witzig erzählt. Ein kleines Manko: Alle, die sich mit Diversität in Kinderbüchern auseinandersetzen, fordern eigentlich, dass diese nicht als „Problem“ dargestellt werden sollte. Das ist hier leider bei Linas Herkunft aus Syrien teilweise anders. Trotzdem überwiegen die Vorzüge des Buches von Rieke Patwardhan, die für „Forschungsgruppe Erbsensuppe oder wie wir Omas großem Geheimnis auf die Spur kamen“ mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteratur 2020 als „Neues Talent“ ausgezeichnet wurde.

Ein zweiter Band über die Dreierbande ist auch schon erschienen: „Forschungsgruppe Erbsensuppe auf neuer Mission oder wie wir ein Haus kaperten und Linas Geheimnis auf die Spur kamen“. Die Autorin hat zwei weitere lustige Kinderbücher geschrieben, über die Schwestern „Fräulein Schmalzbrot und Billie Ballonfahrer“, deren Vater aus Indien stammt. Die Bücher sind bei Knesebeck erschienen. Die beiden Erbsensuppe-Bücher sind ab 8 Jahren empfohlen, die Fräulein-Schmalzbrot-Bücher ab 5 Jahren (Knesebeck Verlag, jeweils 13 Euro).
Daniela Martens


© 360 Grad Verlag

Trockenland/Regenland
Neneh lebt in der Wüste und macht sich mit dem Wüstenfuchs Farouk auf die Suche nach Wasser. Lamar lebt in einer grauen überschwemmten Landschaft, wo es nicht aufhört zu regnen. Er bricht mit dem Huhn Dolores auf, um dem ewigen Regen zu entkommen. Die beiden sind anscheinend die einzigen Menschen in dieser seltsamen Welt. „Trockenland/Regenland“ ist ein sehr poetisches Buch, das viel Raum für Fragen und Interpretationen lässt.

„Eine Geschichte von heute – für morgen“ ist der Untertitel. Und ohne dass es explizit erklärt wird, weiß man, dass es um den Klimawandel geht. Autor Michael Engler hat das Buch so konzipiert, dass jedes der beiden Kinder eine Hälfte des Buches für sich hat – es ist egal, ob man bei Neneh oder Lamar beginnt. Auf den Seiten in der Mitte des Buches wird aus zwei Geschichten eine. Die grau-grünen Regenzeichnungen stammen von Zeichner Jan Birck, die gelblichen Trockenland-Bilder von Joelle Tourlonias. Auch so wird ein interessanter Kontrast geschaffen (360 Grad Verlag, 18 Euro).
Daniela Martens


© Reprodukt Verlag,

Akisssi
Zwei Comic-Bücher gibt es schon über den Alltag der Erstklässlerin Akissi in der ivorischen Stadt Abidjan: „Auf die Katzen, fertig, los!“ und „Vorsicht, fliegende Schafe!“. Ein drittes ist in Vorbereitung. Akissi lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern und nimmt es mit einer Fisch klauenden Katze auf und mit zwei Männern, die ein Schaf essen wollen, das bei einem Unfall vom Dach eines Sammeltaxis geflogen ist.

Es geht in den Comics für Grundschüler auch um soziale Probleme, der Alltag in der Stadt an der Elfenbeinküste dürfte für die meisten Berliner Kinder etwas erklärungsbedürftig sein und sie werden so manches Mal den Atem anhalten – aber meistens sind die Geschichte sehr lustig. Die Autorin Marguerite Abouet hat auch schon einen lesenswerten Erwachsenen-Comic über Akissis große Schwester Aya veröffentlicht, Akissi mit den vielen abstehenden Zöpfchen wird aber von einem anderen Zeichner aufs Papier gebracht: von Mathieu Sapin. (Reprodukt Verlag, 96 Seiten, ab sechs Jahren, 18 Euro.)
Daniela Martens


Leon und Jelena
Bücher über den Kindergartenalltag gibt es viele, die Reihe „Leon und Jelena“ aber macht einiges anders. Hier steht im Mittelpunkt, dass Kinder das Recht haben, mitzuentscheiden: wie der Garten gestaltet wird, wohin der Ausflug geht, wie der neue Fisch genannt wird – und sogar bei der Wahl der neuen Erzieherin. Dazu gibt es regelmäßig Kinderkonferenzen. Dass die beiden zur Wahl stehenden Erzieherinnen sehr unterschiedliche Hautfarben haben, wird übrigens überhaupt nicht thematisiert – wichtig ist nur, wie gut jede vorlesen und Fußball spielen kann.

Zwar heißt die Reihe mit den quadratischen Heften „Leon und Jelena“, die beiden sind jedoch nur zwei Kinder unter vielen in der Gruppe, die alle ganz verschiedene Hintergründe haben, und stehen nicht direkt im Mittelpunkt. Schön ist zum Beispiel der Band „Ein Name für den Fisch“, in dem Adil und Esma neu in die Gruppe kommen, die aus Syrien nach Deutschland gelaufen sind. Die anderen Kinder können sich nicht auf einen Namen für den neuen Fisch im Aquarium der Kitagruppe einigen – bis sie von den beiden lernen, dass Samak Fisch auf Arabisch bedeutet. Von da an heißt er „Samaki“. (Verlag Bertelsmann Stiftung, je 30 Seiten, ab 3 Jahren, je 3 Euro.)
Daniela Martens


Hexenfee
Rosmarinchen ist eine Fee in rosa Kleid und rosa Hut. Ihr Mutter erwartet von ihr, dass beides immer sauber und ordentlich bleibt. Und verbietet ihr ihre Herzenswünsche: Bootfahren und Rollschuhlaufen. Rosemarinchen weiß, dass Hexen sich schmutzig machen dürfen – und Spaß haben. Also will sie eine Hexe sein und zieht zum Entsetzen ihrer Mutter ganz allein in den Hexenwald, obwohl die anderen Feen sie gewarnt haben, dass alle Hexen gemein seien, gefährliche Zaubertränke brauten und Leute in Frösche verwandelten. Und sie behält recht mit ihrer Entscheidung: Die Hexen im Hexenwald sind sehr nett zu ihr und sie hat endlich eine Menge Spaß. Als es dunkel wird, beginnt ihre Mutter sich Sorgen zu machen und fliegt hinterher.

So versöhnen sich die beiden noch vor dem Schlafengehen. Die Mutter sieht ein, dass ihr Kind weiß, was gut für es ist. Und von da an lebt Rosemarinchen glücklich und zufrieden in beiden Welten: „Manchmal ist Rosmarinchen eine Hexe. Dann wohnt sie im Wald und fliegt mit ihrem Besen umher. Wenn Rosmarinchen eine Hexe ist, zieht Mama zu ihr ins Baumhaus. Mama hat Rosmarinchen ganz doll lieb und Rosmarinchen Mama auch. Rosmarinchen ist keine echte Fee und auch keine echte Hexe. Sie ist eine Hexenfee.“ (Bohem Verlag, Ab 3 Jahren, 48 Seiten, 24,95 Euro.)
Daniela Martens


© (Ilvie Little & Friends Publishing,

Ilvie Little und die unerschrockenen Seefahrerinnen
Ilvie Little sieht aus wie ein ganz normales Kind im Grundschulalter. Sie ist aber eine Elfe aus dem Elfenland. Doch dort ist es ihr zu langweilig und sie beschließt, auf Reisen zu gehen und mit ihrem kleinen ängstlichen Affen Theo Abenteuer zu erleben. Sie haben das Elfenland noch nicht lange hinter sich gelassen, da treffen sie auf Leonie – mit Brille und zugeklebtem Auge.  

Die erzählt ihr von ihrer Urgroßmutter Grace, einer „sehr, sehr berühmte Seefahrerin und Piratin“. Auf einem sepiafarbenen Foto sieht man sie mit Augenklappe. Die beiden beschließen, mit dem alten Schiff der Urgroßmutter in See zu stechen und einen Schatz zu suchen, denn Leonie kann segeln, seit sie drei Jahre alt ist. Als Koch heuern sie Carlos an – der allerdings zuerst glaubt, er würde als Kapitän gebraucht.

Doch die Mädchen nehmen ihm da schnell die Illusionen: „Ähm … sorry, Carlos. Du hast da etwas missverstanden. Wir brauchen keine Hilfe, wir wollen eine Crew anheuern. Und wir brauchen ganz sicher keinen Kapitän. Die Kapitänin bin nämlich ich. Ich befehlige das Boot, ich führe die Mission und die Crew.“ „Öhm … aha … äh … wie …“, macht Carlos und blickt die beiden Mädchen verwirrt an. „Aber es sagen doch alle, dass ich einmal Kapitän werde. Mein Vater sagt das, meine Mutter und alle meine Verwandten. Carlos wird mal Kapitän!“ Und Carlos richtet sich noch ein bisschen mehr auf. „Ja klar, du kannst gern Kapitän werden, wenn du das unbedingt willst“, sagt Leonie ruhig. „Aber halt nicht auf der Anastasia. Denn die hat schon eine Kapitänin.“ Carlos akzeptiert das sofort – er ist erleichtert, denn er ist „viel viel lieber Schiffskoch als Kapitän“. Als Vierte im Bunde kommt noch Leonies Freundin Amelie mit.

Die Autorin, Susanne Stemmer, die eigentlich Künstlerin, Regisseurin und Fotografin ist, hat versucht, gegen alle Klischees anzuschreiben. Das macht sie nicht besonders subtil und manchmal wird das Buch auf vorlesende Eltern dadurch vielleicht etwas hölzern wirken, aber Kindern wird das nicht auffallen. Kinder werden wahrscheinlich die glamourösen Fotos in poppigen Farben lieben, die etwas an Hochglanzmagazine erinnern. (Ilvie Little & Friends Publishing, ab 5 Jahren, 160 Seiten, 24,90 Euro, online zu beziehen hier.)
Daniela Martens


© Verlagshaus Jacoby Stuart

Einsteigen bitte! Mücke und Flo fahren U-Bahn
Mücke ist acht Jahre alt, wohnt in Neukölln und geht in die dritte Klasse. Eigentlich heißt sie „Mügé“, was auf Türkisch Maiglöckchen bedeutet. Aber in Berlin nennen sie alle Mücke, auch Florian, ihr wesentlich jüngerer Nachbar, auf denn sie aufpassen soll. Sie passt auf, indem sie ihn mit auf eine ganz alltägliche, aber für den kleinen Florian doch abenteuerliche Fahrt mit der U7 nimmt, weil sie so gern U-Bahn fährt – vom Rathaus Neukölln bis zur Berliner Straße.

Unterwegs beobachten sie alle möglichen Menschen, die alle möglichen Sprachen sprechen – wie das eben in der Berliner U-Bahn so ist. Das Buch ist im Comic-Stil gezeichnet und geschrieben – von Sabine Knauf, die eigentlich Ärztin ist. Es ist auch für Jugendliche und Erwachsene interessant. (Verlagshaus Jacoby Stuart, 32 Seiten, ab 5 Jahren, 14,95 Euro.)
Daniela Martens


© Klett Verlag

Mio war da!
Zur Klasse 1d gehört ein Pinguin namens Mio. Das niedliche Kuscheltier lässt Autorin Tanja Székessy in diesem Buch vollkommen vorurteilsfrei erzählen, wie es bei den Kindern aus der Klasse zu Hause so zugeht – er darf nämlich zu jedem eine Nacht mit nach Hause. Die Kinder und ihre Eltern sind sehr unterschiedlich: Da gibt es niedliche kleine Schwestern, streitende Eltern, abwesende Eltern, ein Familienfest, bei dem er im Ranzen vergessen wird. Manche Kinder sind still, andere sehr lebhaft.

Und so bekommen die Kinder, die das Buch lesen oder vorgelesen bekommen, ganz nebenbei mit, wie vielfältig das Leben ist. Gerade in Corona-Zeiten, in denen es wesentlich weniger Besuche bei Klassenkameraden gibt beziehungsweise gab, ist das Buch interessant. (Klett Verlag, 40 Seiten, ab 5 Jahren, 14 Euro.)
Daniela Martens


© 360 Grad Verlag

Fast vergessene Märchen
In Märchen geht es oft um zarte, weiße Prinzessinnen, die von einem Prinzen gerettet werden. In der Anthologie „Fast vergessene Märchen“, erzählt von Isabell Otter, ist das ganz anders. Die Märchen, die aus vielen verschiedenen Ländern stammen, erzählen alle von interessanten, starken Mädchen, die die unglaublichsten Abenteuer erleben, wie Maru-me aus Japan, die viel stärker als ein großer Sumo-Ringer ist und ihn für einen entscheidenden Kampf trainiert, gemeinsam mit ihrer starken Mutter und Großmutter. (360 Grad Verlag, ab 7 Jahren, 114 Seiten, 18 Euro.)
Daniela Martens


© fairytales-retold.com

Fairy Tales Retold – Schneewittchen
Märchen ohne Klischees zu erzählen, das haben sich auch die Macher des kleinen Verlags „Fairy Tales Retold“ vorgenommen – und kurzerhand Schneewittchen umgeschrieben. Sie ist jetzt nicht mehr weiß. Die Stiefmutter beneidet sie nicht um ihre Schönheit, sondern um ihren Mut. Die sieben Zwerge stammen aus allen Ecken der Welt. Und am Ende bricht sie dorthin ins Abenteuer auf, begleitet von dem Prinzen, der sie zwar wiederbelebt hat, aber nur weil er versehentlich gestolpert ist. Sie ziehen als gleichberechtigte Freunde ins Abenteuer und nicht als Mann und Frau. (fairytales-retold.com, 56 Seiten, 19,95 Euro.)
Daniela Martens


© Dragonfly Verlag

Amari und die Nachtbrüder
Wer die Idee eines mythischen Paralleluniversums interessant findet, sich aber etwas mehr Diversität und weniger Fat-Shaming als bei Harry Potter wünscht, liegt mit „Amari und die Nachtbrüder“ richtig. Die zwölfjährige Amari, die in einer US-amerikanischen Sozialbausiedlung lebt und sich an der Schule, für die sie ein Stipendium hat und auf die nur weiße reiche Kinder gehen, nicht wohlfühlt, gerät bei der Suche nach ihrem verschwundenen großen Bruder in eine Welt, in der es Drachen, Einhörner und intelligente Fahrstühle gibt und Orte wie Atlantis wirklich existieren.

Amari nimmt an einer Sommerakademie in dieser Welt teil und entdeckt, dass sie eine Magierin ist. Aber anders als bei Harry Potter ist das in dieser mythischen Welt nichts Gutes. Sie wird von den anderen Schülern der Akademie abfällig behandelt. Doch damit kommt sie zurecht, das ist so ähnlich wie in ihrer normalen Schule mit ihrer Hautfarbe und sozialen Herkunft. Ein sozialkritischer und sehr spannender Fantasyroman. (Dragonfly Verlag, ab 10 Jahren, 400 Seiten, 16 Euro.)
Daniela Martens


© Rowohlt Verlag

Wie ein Himmel voller Seehunde
Lollo und Anna sind zwei schwedische Teenie-Mädchen, die ihre Sommerferien zufällig auf derselben Insel verbringen. In Stockholm, wo sie beide zur Schule gehen, wären sie sich wohl nie begegnet – zu verschieden sind ihre Familien, ihre Schichten. Wie sich die Mädchen dann zaghaft annähern und miteinander das Kribbeln der ersten Liebe erleben, erzählt die 1980 geborene Autorin Sara Lövestam in ihrem Jugendroman „Wie ein Himmel voller Seehunde“ auf wunderbar leichte, aber nie seichte Weise.

Immer abwechselnd aus Lollos und Annas Sicht entspannt sich die Geschichte, in der auch Zettel-Nachrichten eine wichtige Rolle spielen. Eine hilfreiche und unterhaltsame Lektüre zum Thema Coming-out – sowohl für Jugendliche als auch für Eltern. (Rowohlt Verlag, 254 Seiten, 12,99 Euro.)
Nadine Lange


Nennt mich Nathan
Ein französischer trans Teenager steht im Zentrum des Comics „Nennt mich Nathan“. Catherine Castro (Text) und Quentin Zuttion (Zeichnungen) beschreiben in einer anschaulichen Geschichte Nathans Coming-out und seine Transition, also seine körperliche Geschlechtsangleichung. Sein Weg zur ersten Testosteron-Spritze ist weit, er muss viele Konflikte in Familie und Schule überstehen. Doch er erlebt auch viel Positives, etwa wenn sein Sportlehrer ihn ganz selbstverständlich in die Jungsgruppe einteilt. Ein ermutigender Band mit eindrücklichen Zeichnungen. (Splitter Verlag, 142 Seiten, 22 Euro.)
Nadine Lange


© cbj Verlag

The Hate U Give
Als Teenager hat man es schwer genug zwischen den Erwartungen der Eltern und dem Gruppenzwang in der Clique. Die 16-jährige Starr hat aber noch größere Probleme. Sie lebt in einer afroamerikanischen Nachbarschaft, die Eltern haben sie an eine Schule in einem weißen Vorort geschickt; ihre Tochter soll es einmal besser haben. So wechselt Starr jeden Tag zwischen diesen völlig verschiedenen Welten: Ihre Klassenkameradinnen tragen teure Klamotten, hören Taylor Swift. Starr weiß kaum noch, wo sie hingehört.

Als eines Nachts ihr bester Freund Khalil bei einer Polizeikontrolle vor ihren Augen erschossen wird, muss sie jedoch lernen, was es bedeutet, in den USA als schwarzes Mädchen aufzuwachsen. Mit den Themen Rassismus und Polizeigewalt ist „The Hate U Give“, nach einem Song des Rappers 2Pac, keine leichte Lektüre. Aber Angie Thomas gelingt in ihrem Debüt, das 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, ein differenziertes Bild der amerikanischen Gesellschaft durch die Augen einer 16-Jährigen. Aus einer schmerzvollen Erfahrung zieht Starr eine hoffnungsvolle Lehre. Es liegt an jedem Einzelnen, dem Hass und den Vorurteilen, die die Leben so vieler Familien zerstören, ein Ende zu bereiten. (cbj Verlag, ab 14 Jahren, 512 Seiten, 9,99 Euro.)
Andreas Busche


© (Orient Verlag,

Zwei Meter bis zum Meer
Ein Kind ist mit einem Handy beschäftigt, während sein Vater tischlert. Schnell wird es jedoch auf einen Zollstock aufmerksam, der sich ihm in Form einer züngelnden Schlange nähert. Was lässt sich nicht alles daraus formen: ein Haus, ein Auto, die verschiedensten Tiere vom Elefanten bis zum Wal! Dessen Wasserfontäne verwandelt die Tischlerwerkstatt flugs in ein Meer. Beide steigen zusammen ins Boot und segeln ... wohin wohl?

Diese wunderbare Geschichte von Bruna Barros ganz ohne Worte ist in vielerlei Hinsicht anregend: Mit dem beigefügten Zollstock lassen sich unzählige Tiere und Gegenstände legen und Größen und Entfernungen messen. Und nicht zuletzt ist dies eines der wenigen deutschen Bücher, in denen PoCs die Hauptrolle spielen. Dass dabei der Vater die Bezugsperson des Kindes ist, ist auch in Bezug auf die Darstellung männlicher und schwarzer Personen in Kinderbüchern bedeutsam. (Orient Verlag, ab 3 Jahren, 48 Seiten, 22,90 Euro.)


Das Spiel
In dem Buch von Baptiste Paul und Jacqueline Alcánta geht es um Fußballfieber: Ein Ball und ein Feld ... Schuss ... Tor! Mit Leidenschaft und Begeisterung wird so mit einfachsten Mitteln auf der ganzen Welt Fußball gespielt. Und genauso erinnert es auch der Autor Baptiste Paul aus seiner eigenen Kindheit auf der karibischen Insel Santa Lucia. Genau diese großen Gefühle für das runde Leder zeichnen die wunderbar farbenfrohen und dynamischen Illustrationen von Jacqueline Alcánta aus. Da wird von Mädchen und Jungen gemeinsam gedribbelt, gedreht und gestoßen – ob Sonne, ob Regen, ob Staub, ob Matsch. Ein schönes Detail dieses verspielten Fußballtages: Er wird zweisprachig in Deutsch und Kreol erzählt. (Nord Süd Verlag, ab 4 Jahre, 32 Seiten, 15 Euro.)


© Moritz Verlag

Ein Zebra unter meinem Bett
Gerade ist Hanna mit ihren beiden Papas in ein neues Viertel gezogen, da findet sie unter ihrem Bett ein Zebra. Das Zebra heißt Bräuninger, liebt Nutellabrote, kann sprechen und begleitet Hanna in die Schule. Mit viel Sinn für Humor erzählen Markus Orths & Kerstin Meyer, wie Hanna durch die Begleitung des Zebras Bräuninger an Selbstbewusstsein gewinnt und so gut in ihrer neuen Klasse ankommen kann. Hannas Familienkonstellation, ihre beiden Papas, fließt dabei ganz selbstverständlich in die Geschichte ein und wird so als das dargestellt, was sie ist: eine Familienkonstellation unter vielen. (Moritz Verlag, ab 6 Jahren, 9,95 Euro.)


Lars, mein Freund
Lars kommt neu in eine Klasse. Umständlich wird zuerst nur Amanda von ihrer Lehrerin erklärt, dass Lars besonders sei und deshalb eine Patin brauche, um den Einstieg in der Gruppe zu schaffen – Lars ist ein Junge mit Downsyndrom. Amanda, entsetzt über diese Aufgabe, wünscht sich selbst einen Platz unter den Beliebten und Anerkannten. Zwar hat sie eine tolle beste Freundin, aber eben nur diese, und sie schielt sehnsüchtig nach der großen Gruppe.

In allen Facetten erzählt Iben Akerlie vom Auf und Ab Amandas, die einerseits völlig begeistert ist von Lars’ fröhlichem Wesen; die andererseits aber sehr wohl bemerkt, dass die meisten Kinder ihn gerade mal komisch finden. Sich für und mit Lars zu positionieren, wird für Amanda zur großen Herausforderung. Ein Buch, das offen und einfühlsam von den Schwierigkeiten, vor allem auch von den großen Chancen der Inklusion erzählt und von einer Kinderjury in Norwegen zum Buch des Jahres gewählt wurde. (dtv, ab 10 Jahren, 12,95 Euro.)

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