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Antisemitische Attacke in Berlin : Adam Armush: "Ich wollte mir das nicht gefallen lassen"

Am Dienstagabend startet Adam Armush eine Art Experiment. Er geht mit einer Kippa durch Prenzlauer Berg - und wird deshalb verprügelt. Tags darauf schildert er die Attacke.

Adam Armush lebt eigentlich gern in Berlin. Wegen seiner Kippa wurde er im April angegriffen.
Adam Armush lebt eigentlich gern in Berlin. Wegen seiner Kippa wurde er im April angegriffen.Hannes Heine

Adam Armush startet am Dienstagabend eine Art Experiment. Er läuft mit einem Freund die Raumerstraße in Prenzlauer Berg entlang. Circa 50 Männer und Frauen, so wird Armush es später zumindest auch der Polizei erzählen, sitzen in den nahen Cafés, flanieren zum Helmholtzplatz, schlendern den Gehweg entlang. Armush und sein Freund tragen Kippa – um zu prüfen, wie die Lage für Juden in Deutschland dieser Tage sei. Das sagt Armush am Tag danach laut dpa der Deutschen Welle: „Ich bin nicht jüdisch, ich bin Israeli, ich bin in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen.“ Die Kippa habe er getragen, nachdem ein Freund ihn gewarnt habe, dass man in Deutschland damit nicht sicher sei.

Folgendes – so die vorläufigen, vor Abschluss der Ermittlungen bekannten Angaben – ist daraufhin geschehen: Drei junge Männer werden auf das Kippa tragende Duo aufmerksam. Einer von ihnen brüllt auf Arabisch, fuchtelt mit den Fäusten, zieht einen Gürtel – schlägt zu. Der Angreifer schreit: „Yahudi! Yahudi!“ – also „Jude! Jude!“ auf Arabisch. Armush, der seit einem Jahr in Berlin lebt, wehrt sich offenbar. „Ich zog mein Handy“, erzählt Armush am nächsten Tag der Presse in einem Schöneberger Café. Er habe gedacht, das Filmen schrecke die Angreifer ab. „Ich wollte einen Beweis für die Polizei haben – und dass die Deutschen sehen, ja im Grunde, dass die Welt sieht, wie schrecklich es ist, in diesen Tagen als Jude durch Berlins Straße zu laufen", sagte er der Deutschen Welle.

„Ich wollte mir das nicht gefallen lassen. Und den Täter festhalten“, berichtete Armush weiter. Er, der ziemlich zierliche, 21 Jahre alte Berliner, bekam den Angreifer aber nicht zu fassen – zumal der eine Glasflasche aufgehoben habe, sagt Armush. „Eine couragierte Zeugin ging dazwischen“, schrieb die Polizei, „und verhinderte durch ihr beherztes Vorgehen weitere Schläge des Täters.“ Die drei Männer fliehen, der Staatsschutz ermittelt. Noch sind Fragen offen: Woher kamen die Arabisch sprechenden Männer? Was machte Armushs Begleiter während des Angriffs? Ging der Tat womöglich etwas voraus, was geschah danach?

Beim Gespräch in Schöneberg knetet Armush jene Kippa, die er am Vortag aufgehabt habe, zwischen seinen Händen. Er sagt, er sei im nordisraelischen Haifa aufgewachsen, lebte dann in Hannover, studiere nun Tiermedizin in Berlin. „Ich mag die Stadt, sie ist eigentlich sehr offen.“ Ob er sich weiter mit Kippa zeigen werde? „Ja, wenn ich das Gefühl habe, mich so zeigen zu wollen.“

Dass die Täter offenbar Arabisch und kaum Deutsch sprachen, so der vorläufige Stand, überrascht wenige. Beamte berichten, derlei Übergriffe nähmen zu – auch wenn die Täter nicht immer Juden als „Yahudi!“ beschimpften, sondern Menschen, die nicht in ihr Weltbild passten. Wie berichtet, wurde vor einigen Wochen bekannt, dass Schüler in Tempelhof, deren Vorfahren aus Nahost nach Berlin kamen, ein Mädchen erst als „Ungläubige“, dann als „Jüdin“ bedrohten. Zuvor war ein jüdischer Junge in Spandau gemobbt worden.

In Friedenau haben 2017 Jungen einen jüdischen Mitschüler beleidigt, bedroht, schließlich geschlagen. Die Täter waren keine herkömmlichen Neonazis, sondern Kinder arabischer und türkischer Einwanderer. So war es offenbar auch 2016, als ein Jude in Treptow geschlagen wurde. Oder als in Mitte ein Burger-Brater zu einem Gast sagte, er bediene Juden nicht. Oder als Jugendliche 2015 einen Mann mit Kippa in Kreuzberg bespuckten – zuvor hatten schon 2014 dort Araber einen Juden verprügelt. Oder 2012, als ebenfalls in Friedenau arabischstämmige Jugendliche einem Rabbiner das Jochbein brachen – im Beisein seiner kleinen Tochter.

Die Zahl antisemitischer Straftaten in Berlin steigt. Im Jahr 2017 waren bei der Polizei 288 antisemitisch motivierte Taten registriert worden – was einer Verdopplung seit 2013 entspräche. Dies betrifft nur angezeigte Straftaten, also bei weitem nicht alle Bedrohungen, schon gar nicht alltägliche Pöbeleien: Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin zufolge nahm die Zahl antisemitischer Vorkommnisse in der Stadt 2017 um 60 Prozent auf 947 Fälle zu.

Zuletzt hatten sich immer öfter auch Juden aus Israel entschlossen, in Berlin zu leben. Offiziell sind 4700 israelische Staatsbürger hier gemeldet, wobei sich Tausende weitere zumindest regelmäßig in Berlin aufhalten dürften – für viele ist die Stadt ein Zweitwohnsitz. Ein feindliches Klima hat es in einigen Kiezen immer gegeben, einige berichten, zuletzt sei es brutaler geworden. In Bussen und Bahnen sprechen einige Israelis nur leise Hebräisch, alteingesessene Juden tragen Kippa oder Davidstern-Kette nicht mehr.

Adam Armush sagt am Mittwoch noch, er möchte nicht missverstanden werden: Der Angriff solle nicht dazu führen, Flüchtlinge aus Nahost generell zu verdammen. Aber es gelte auch: „Wem das hier alles nicht passt, wer die Gesetze hier nicht respektieren will, der muss ja nicht in Deutschland leben. Es gibt eine Vielzahl anderer Länder, in die er mit seinem Hass sicher gern gehen kann.“

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) verurteilte die Tat: „Antisemitismus gehört nicht zum Berlin, in dem wir leben wollen.“ Und Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, der den Vorfall in Prenzlauer Berg zuerst publik machte, sagte: „Früher habe ich immer meinen jüdischen Freunden und Bekannten geraten, keine Kippa zu tragen, um ihre jüdische Identität nicht zu zeigen. Ich habe meine Meinung geändert. Wir müssen den Kampf aufnehmen und in der Öffentlichkeit wieder sichtbar werden.“

Anmerkung der Redaktion: Am späten Mittwochabend gab es Irritationen, weil das Opfer der Deutschen Welle sagte, er sei kein Jude, sondern in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen. In einer früheren Version des Artikels hieß es, der betroffene Adam Armush sei Jude.

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