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Mahlzeit. Wer Essen zubereitet für die Kinder, muss sich in Zukunft an strengere Regeln aus Brüssel halten.

© ddp

Neue Hygienevorschriften: Auch für Tagesmütter gilt das Reinheitsgebot

Ab Januar müssen sich Betreuer an Hygienevorschriften wie in einer Großküche halten – so mancher findet das übertrieben. Was halten Sie davon, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit!

Wenn Tagesmutter Jaqueline Stein aus Friedrichshain morgens ihren Kühlschrank öffnet, greift sie demnächst nicht zur Marmelade, sondern nach einem Thermometer. Die Temperatur notiert sie in eine Tabelle. Sollte sich eines ihrer Tagespflegekinder den Magen verderben, könnte sie nachweisen, dass es nicht am zu warmen Kühlschrank gelegen hat.

Durch die Umsetzung einer EU-Richtlinie in Berlin ist Stein ab Januar „Lebensmittelunternehmerin“. In der Küche ihrer Wohnung gelten dann viele Großküchenvorschriften: Registrierung als Lebensmittelunternehmerin, jährliche Schulungen, Wareneingangskontrolle, Desinfektionsvorschriften, ein Waschbecken für die Hände und eine getrennte „Vorrichtung zum Waschen von Lebensmitteln“. Kein frisches Ei, hat man ihr geraten. „Ich müsste sonst 100 Gramm von jedem Essen, das ich damit zubereite, aufbewahren.“ Im Lebensmittelüberwachungsjargon heißt das Rückstellprobe. Jaqueline Stein weicht für den Kuchen auf sogenanntes pasteurisiertes Eiprodukt aus. Das ist salmonellensicher und in Kanistern beim Großhandel zu bekommen.

Stein betreut seit 1999 in der Woche fünf Kinder in ihrer Privatwohnung. Weil sie Essen an Menschen ausgibt, die nicht zu ihrer Familie gehören, und dafür Geld bekommt, so die Begründung, gilt sie nach EU-Verordnung als Lebensmittelunternehmerin und unterliegt der amtlichen Lebensmittelkontrolle.

Vor allem kleine Kinder zwischen drei und sechs Jahren werden in Berlin in der Kindertagespflege betreut, 2010 waren es etwa zehn Prozent der Kinder. Mit Blick auf den stetig steigenden Bedarf an Kitaplätzen seien Tagesmütter in Berlin unverzichtbar, heißt es in der Senatsverwaltung für Bildung. Deshalb dürfe die Arbeit nicht durch Restriktionen unattraktiv gemacht werden, sagt ein Sprecher. Der Plan, den die Senatsverwaltungen für Bildung sowie Gesundheit zusammen mit den Veterinär- und Lebensmittelaufsichten in den Bezirken jetzt erarbeitet haben, sieht vor, die Tagesmütter zunächst in eine Hygieneschulung zu schicken. Im nächsten Schritt sollen je nach Bezirk Lebensmittelkontrolleure in die Wohnungen kommen und eventuelle Mängel aufzeigen. Ab dann sind auch Kontrollen möglich.

In Friedrichshain-Kreuzberg haben 85 Tagesmütter aus 65 Einrichtungen die Schulung bereits hinter sich. „Wir führen sie langsam an die neuen Anforderungen heran“, sagt die Amtsveterinärin Ingrid Middel-Erdmann. Die EU-Verordnung gelte schon seit 2006 für fast alle, die mit Lebensmitteln zu tun haben, „jetzt kommt einfach ein neuer Personenkreis hinzu“. Grund zur Aufregung sieht Middel-Erdmann nicht. Im Gegenteil: „Ich finde es wichtig, dass streng überwacht wird. Es geht nun mal um Kleinkinder mit einem reduzierten Immunsystem.“ Die Schulungen hätten zudem gezeigt, dass es Lernbedarf gebe.

Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf sind die Hygieneschulungen für Tagesmütter angelaufen. „Uns wurde aber kein Vorfall gemeldet, der es notwendig gemacht hätte, so eine Hygienevorschrift zu erlassen“, sagt Familienstadträtin Elfi Jantzen (Grüne). Wenn es europäisches Recht ist, müsse es aber umgesetzt werden. Manchmal würden eben Vorschriften gemacht, „die nicht ganz fachgerecht sind“. Allerdings: Die Vorschriften gäben einen großen Ermessenspielraum. So streng wie in den Großküchen solle die Überwachung nicht werden.

„Bei den Kindertagespflegen handelt es sich doch eher um eine große Familie als um eine professionelle Großküche“, sagt der Umweltstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck (SPD). Auch ihm ist keine Beschwerde über eine Kindertagespflege in seinem Bezirk bekannt. Dabei habe der Bezirk mit etwa 300 Tagesmüttern und 1000 Plätzen die größte Zahl an Kindertagespflegekräften. „Wir müssen aufpassen, dass das Vertrauen in die Tagesmütter nicht durch die neuen Vorschriften leidet“, sagt Schworck und kündigt an, dass es nur stichprobenartige Überprüfungen in den Wohnungen geben werde. Die Ämter bekämen nicht mehr Personal für die zusätzlichen Kontrollen. „Und es gibt andere Betriebe, wo die wichtiger sind.“

Tagesmutter Stein hat die Hygieneschulung hinter sich. Manches habe sie tatsächlich gelernt: Zum Beispiel, dass ein Kaktus nichts in der Küche zu suchen hätte, weil Sand und Erde nicht in der Nähe von Lebensmitteln stehen dürften. Stein hat sie unverzüglich entfernt. Jetzt wartet sie den Besuch der Kontrolleure ab. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, hofft Stein. Wenn dabei die vorgeschriebene Mindestgarzeit von zehn Minuten bei 70 Grad Kerntemperatur eingehalten wurde, könnte sie recht behalten.

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Pro

Wenn es gegen Brüssel geht, sind sich hierzulande alle einig. Man ist ja selbst nicht schuld und schon deshalb aus dem Schneider und kann endlich mal populistisch sein. Wie wohlfeil! Der Mainstream lässt grüßen. Anstatt erst einmal fünf Minuten darüber nachzudenken, warum die EU-Hygiene-Richtlinien auch für Tagesmütter erlassen wurden – übrigens schon im Jahr 2004 – wird alles in Bausch und Bogen niedergemacht: „Bürokratie“, „Schwachsinn“ oder gar „Schikane“.

Sicher kann man die eine oder andere Forderung für übertrieben halten – generell aber hat es Sinn, dass Menschen, denen Kinder anvertraut werden, ganz besondere Voraussetzungen erfüllen müssen. Man stelle sich nur einmal vor, was passieren würde, wenn Kinder durch Unachtsamkeit oder Unwissenheit einer Tagesmutter zu Schaden kämen. Viele, die jetzt gegen Brüssel zu Felde ziehen, würden dann fragen, wie das passieren konnte: Warum nicht geschult wurde. Warum keine Kontrollen erfolgten. Warum es keine Richtlinien für den verantwortungsvollen Beruf der Tagesmutter gibt.

Wenn die EU zum bewussteren Umgang mit Lebensmitteln beiträgt, soll man sie daher nicht schelten. Übertreibungen und Sinnlosigkeiten muss man ja nicht übernehmen. Auch wenn uns Politiker etwas anderes glauben lassen wollen: Es bleibt den Mitgliedstaaten überlassen, wie sie die EU-Richtlinien umsetzen. Sie haben durchaus einen – vernünftigen – Spielraum. Sandra Dassler

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Contra

Morgen gibt es Dosensuppe. So wie gestern und heute; sicher ist sicher. Außerdem lässt sich das Etikett von einer Dose leichter aufbewahren als das Sammelsurium der Verpackungen einer kompletten Mahlzeit mit Gemüse, Fleisch, Soße und Sättigungsbeilage. Finger weg vor allem von gemischtem Salat! Außerdem schafft die Dosenvariante Zeit zur Dokumentation der Kühlschranktemperatur.

Dazu ein Insider-Tipp: Schreiben Sie nie mehr als 6 Grad Celsius in den Vordruck, auch wenn es mal 16 waren oder Sie gar kein Kühlschrankthermometer haben. Ganz wichtig ist auch, die Küchenreinigung akribisch zu dokumentieren. Das ist künftig wichtiger, als die Küche wirklich zu putzen, zumal ja sonst kaum noch Zeit bleibt, sich um die Tageskinder zu kümmern. Denn in Zukunft zählt nicht mehr der gesunde Menschenverstand etwa der Eltern, die ihr Kind täglich bringen und abholen und dabei auch mal einen Blick ins Quartier der Tagesmutter werfen, die sie selbst ausgesucht haben und mit mehreren hundert Euro im Monat bezahlen.

Es schadet sicher nicht, Tagesmütter regelmäßig zu schulen und sporadisch einen unangemeldeten Kontrolleur vorbeizuschicken. Aber in Zukunft zählt die Bürokratie, die nicht nur lästig ist, sondern durch die absurde Selbstkontrolle sogar lächerlich. An der lokalen Umsetzung der EU-Richtlinie wird sich zeigen, ob zumindest die Berliner Ämter noch das wahre Leben kennen. Stefan Jacobs

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