
© Mario Heller/Tagesspiegel/Mario Heller
Auf einen Kaffee beim Tagesspiegel : Betroffene berichten – Temperatur im Schlafzimmer streckenweise nur knapp zwei Grad
Der große Stromausfall beschäftigte den Südwesten der Stadt tagelang. Am Mittwoch öffnete der Tagesspiegel für Betroffene seine Türen – mit kostenlosem Kaffee, Tee und Suppe.
Stand:
Tagelang befand sich die Stadt im Ausnahmezustand. Der Brandanschlag auf ein Stromkabel im Südwesten Berlins beschäftigte nicht nur die unmittelbar Betroffenen, viele Menschen überlegen, wie sie helfen können. Die Anteilnahme und die Hilfsbereitschaft der Stadtgesellschaft waren und sind riesig.
Die Chefredaktion des Tagesspiegel wollte die Ausnahmesituation nutzen, um mit betroffenen Lesern in den Austausch zu kommen – und gleichzeitig einen Beitrag zu ein bisschen Wärme leisten. Am Mittwoch hieß es deshalb „Auf einen Kaffee beim Tagesspiegel“. Von 13 bis 18 Uhr waren Zehlendorfer und Lichterfeldener herzlich im Verlagshaus am Anhalter Bahnhof eingeladen.
Tatsächlich, so die große Überraschung am Mittwochvormittag: Die Stromversorgung ist auf dem gesamten betroffenen Gebiet wieder gewährleistet. Entsprechend wenige Menschen folgten der Einladung. Viele waren wohl und verständlicherweise damit beschäftigt, ihre Häuser und Wohnungen wieder zu heizen.
Batteriebetriebes Radio, Dynamo-Taschenlampe und Teelichter helfen
Gabriele und Ingo Ewert kamen trotzdem. Bewundernswert gut gelaunt berichtete das Ehepaar Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar von den vergangenen Tagen und vor allem Nächten. Sie gehörten zu den vielen, die trotz verspäteter Angebote des Senats, zu Hause blieben und der Kälte ausharrten. Ihre Geschichte steht exemplarisch für eine Situation, auf die Berlin ganz offenkundig nicht vorbereitet war. Die einzelnen Schicksale bleiben dabei individuell.
Direkt am Sonnabendmorgen hatte Gabriele Ewert gemerkt, dass etwas nicht stimmte, als die Kaffeemaschine nicht funktionierte. Relativ schnell kam die Erkenntnis: Das Problem betrifft nicht nur ihr Haus. Mit einem batteriebetriebenen Radio und einer Dynamo-Taschenlampe waren sie zunächst gut vorbereitet. In weiser Voraussicht fuhr Ingo Ewert dennoch nach Teltow, um Teelichter zu kaufen.
Mit Tüchern und Decken verkleinerten sie die Räume und dichteten Fenster und Türen ab. Trotz allem maß die Temperatur im Schlafzimmer streckenweise nur knapp zwei Grad. Die Tochter und Enkeltochter, die aus München zu Besuch waren und eine Woche bleiben wollten, hielten es nicht so lange aus und reisten ab. Nachbarn, die ebenfalls in Hotels oder zu Freunden und Familien in andere Stadtteile flüchteten, klopften bei den Ewerts mit der Bitte, ein Auge auf deren Häuser zu werfen. Aus Angst vor Einbrechern. Am Ende sind sie glimpflich davongekommen und die Ewerts sind ein Abenteuer reicher.

© Mario Heller/Tagesspiegel/Mario Heller
Viele Berichte der Tagesspiegel-Leser ähneln sich. Viele wollten es wenigstens versuchen, in den eigenen vier Wänden auszuharren. Mit zwei Hosen, drei Pullovern, vier Decken und Kerzen. Tagsüber beschäftigte man sich mit Ausflügen in Brandenburger Cafés oder Berliner Museen.
Zehntausende seit Tagen ohne Strom und Heizung
Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppierung bekannte, waren am Sonnabend im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen ohne Strom.
Inzwischen sind fast alle Haushalte und Gewerbe wieder an das Stromnetz angeschlossen. Schulen bleiben weiterhin geschlossen; es wird eine Notbetreuung angeboten. Es gab mehrere Einbrüche und Einbruchsversuche. Eine Frau starb im betroffenen Gebiet aus bisher unbekannter Ursache. Die linksextremistische Vulkangruppe hatte sich dazu bekannt, einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde verübt zu haben.
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