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Aus Gehweg wird Radweg : Oberbaumbrücke wird für Radfahrer wieder geöffnet

Die Oberbaumbrücke wird saniert, Radler Richtung Westen sollen absteigen und schieben. Diese protestierten am Dienstagnachmittag – mit Erfolg.

Demonstranten stehen mit ihren Fahrrädern auf der Oberbaumbrücke.
Demonstranten stehen mit ihren Fahrrädern auf der Oberbaumbrücke.Foto: Britta Pedersen/dpa

Eine kleine Fehleinschätzung kann in Berlin ungeahnte Folgen haben. Das erfuhr Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) am Dienstag an der Oberbaumbrücke. Die Sperrung der Brücke für Radfahrer in Richtung Kreuzberg löste einen massiven Protest von Radaktivisten gegen die ihrer Ansicht nach schleppende Verkehrswende von Rot-Rot-Grün aus. „Der Rad- und Fußverkehr wird an den Rand gedrängt“, sagte ein Redner vom ADFC bei einer kurzfristig anberaumten Demo mit mehreren hundert Teilnehmern. Schilder wurden hochgehalten: „Autofreie Brücke“ und „Autofahrer umsteigen“. Auch Regine Günther eilte zur Oberbaumbrücke, um per Megafon eine neue Verkehrsregelung zu verkünden, die den Radfahrern entgegenkommt.

Grund des Ärgers sind Bauarbeiten auf der Brücke. In den nächsten fünf Monaten soll der rissige Asphalt ausgetauscht werden, eine Routinemaßnahme, aber wichtig, damit keine Feuchtigkeit in die Brückenkonstruktion dringt und die Oberbaumbrücke weiterhin der massiven Verkehrsbelastung standhält. Am Montag wurde die westliche Brückenhälfte gesperrt. Für Autofahrer bleiben je eine Spur pro Richtung. Zunächst durften Radfahrer auf der Autospur mitfahren, bei reduziertem Tempolimit (20 kmh), doch Polizei und Verkehrslenkung entschieden bei einer Ortsbegehung: Viel zu eng und deshalb gefährlich.

Die Radfahrer wurden auf den Gehweg geschickt, verbunden mit dem Hinweisschild: „Radfahrer absteigen“. Daran hielt sich jedoch am Dienstagnachmittag so gut wie niemand. Radfahrer schlängelten sich an Fußgängern vorbei, dabei kam es weder zu Streit noch zu Misstönen. Polizei und Ordnungsamt sahen es nicht für nötig an, vor Ort die neue Regelung zu kontrollieren. Radfahrer in Richtung Friedrichshain wurden auf den Fußweg unter dem U-Bahn-Viadukt geleitet, dort war für sie in Gelb ein recht breiter Radweg aufgemalt worden, eng wurde es deswegen für Fußgänger.

„In eine Richtung müssen Radfahrerinnen absteigen und schieben, in die andere werden sie auf einen der vollsten Gehwege der Stadt gejagt. Über den gesamten Sommer. Das kann nicht euer Ernst sein“, schrieb der ADFC auf Twitter, und auch bei anderen Radaktivisten führte die Radweg-Sperrung direkt zum Protest. Die Sperrung verstoße gegen das Mobilitätsgesetz. Das Netzwerk „RadXhain“ rief zu einer Sitzblockade auf der Friedrichshainer Seite der Brücke auf. Zuvor hatte sich auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) per Twitter eingeschaltet und ebenfalls die Streckenführung kritisiert. „Wenn man von Kreuzberg nach Friedrichshain fährt, kann man unter dem Viadukt fahren. Aber in die andere Richtung sollen die Radfahrer absteigen. Das macht kein Mensch, und es ist illusorisch, so zu planen“, sagte sie dem Tagesspiegel.

Inmitten der Demonstranten erklärte die Senatorin schließlich: „Schieben (von Rädern) kann erstens nicht umgesetzt werden und ist zweitens nicht beliebt.“ Deshalb soll nun freie Fahrt für Radfahrer gelten, auf dem Gehweg nach Kreuzberg. Die Fußgänger sollen in beide Richtungen den Weg unter dem Viadukt nutzen. Dort werde der breite Radweg schmaler und durch „Leitboys“ vom Gehweg getrennt. Allerdings müsse dazu noch eine provisorische Ampel für Fußgänger aufgestellt werden, sagte Günther, das dauere rund eine Woche. Forderungen von Demonstranten, die Brücke komplett für den Autoverkehr zu sperren oder zur Fahrradstraße zu erklären, wies die Senatorin zurück.

Das Dilemma liegt etwas weiter stromaufwärts: Die marode Elsenbrücke hat nur noch die halbe Kapazität, und niemand weiß, wie lange die noch in Betrieb befindliche Brückenhälfte durchhält. „Einen Ausweichverkehr auf die Elsenbrücke müssen wir unbedingt vermeiden“, sagte Günther. Deshalb werde der Autoverkehr auf der Oberbaumbrücke nicht weiter eingeschränkt. Schon jetzt kommt es vor allem auf der Kreuzberger Seite zu langen Rückstaus.

Die Oberbaumbrücke hält regelmäßig den Spitzenplatz unter den 17 Zählstellen für den Radverkehr in Berlin, im vergangenen Jahr meldeten die im Asphalt der beiden Radfahrstreifen eingelassenen Sensoren mehr als 3,6 Millionen Fahrräder. Die Brücke war Anfang der 90er Jahre grundlegend saniert worden. Der Senat plant langfristig, wieder eine Straßenbahnverbindung zum Hermannplatz über die Brücke zu legen.

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