Ausstellung in der Villa Oppenheim : Susis Geschichte sucht eine feste Heimat

Die Ausstellung „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“ begeistert Besucher – doch sie ist gefährdet. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischen Familie, die im Versteck in Berlin die NS-Zeit überlebte.

Voll dabei. Viele Schulklassen besuchen die Ausstellung in der Villa Oppenheim in Charlottenburg.
Voll dabei. Viele Schulklassen besuchen die Ausstellung in der Villa Oppenheim in Charlottenburg.Foto: Birgitta Behr

Das hatte die Spandauer Grundschullehrerin Dörte Merker-Lüneberg noch selten erlebt. Themen, für die sie ansonsten im Kreis ihrer Schüler mühsam Interesse wecken musste, ergaben sich plötzlich von selbst. Beschimpfungen und Beleidigungen auf dem Schulhof wurden hinterfragt, die Kinder ihrer Dritten Klasse der Grundschule am Ritterfeld in Kladow, darunter einige mit Migrationshintergrund, unterhielten sich engagiert über Verrat, Angst und Pflichtgefühl.

„Einfach toll“, schreibt Dörte Merker-Lüneberg. Das Lob steht in einem Erfahrungsbericht über ihren Besuch mit der Klasse in einer Ausstellung für Kinder und Jugendliche im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim. Für die Lehrerin ist klar: „Diese Ausstellung hat den Wandel ausgelöst. Selten habe ich eine Klasse derart konzentriert bei einem Museumsbesuch erlebt. Alle Kinder haben gewonnen – an Feingefühl und Respekt füreinander und für das Anderssein.“

Erzählt wird die wahre Geschichte des jüdischen Mädchens Susi Cohn. Als Sechsjährige muss Susi mit ihren Eltern vor den Judenverfolgungen der Nazis untertauchen – erst in Berlin, danach versteckt an der Ostseeküste. Die drei überleben.

Die Villa Oppenheim bietet Susi nur noch bis zum 16. Juni eine Bleibe

„Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ heißt diese im Januar eröffnete Ausstellung. Seither wird sie von Berliner Lehrerkollegien, Eltern und Schülern sowie von Zeitzeugen, Instituten zur Lehrerausbildung und Holocaust-Forschungsstellen hoch gelobt (siehe unten). Dennoch sucht Susis Geschichte dringend eine feste Bleibe. Der Fortbestand der Ausstellung, den sich viele Unterstützer gerade angesichts des wieder aufkeimenden Rassismus wünschen, ist gefährdet.

Nach den Plänen des Bezirks sind die Räume für Wechselausstellungen in der Villa Oppenheim nur noch bis zum 16. Juni für „Susi“ reserviert. Danach soll laut Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) eine Schau zum Jubiläum „Hundert Jahre Bauhaus“ folgen. Ob Susis Ausstellung dennoch am jetzigen Standort zumindest verlängert werden kann oder sich anderswo im Bezirk ein neuer, am besten dauerhafter Platz finden lässt, darüber werden sich der Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am Dienstag und am Donnerstag auch die BVV Gedanken machen.

Gelber Stern. Susi fühlt sich „wie Ungeziefer“ behandelt. Foto: Thilo Rückeis
Gelber Stern. Susi fühlt sich „wie Ungeziefer“ behandelt. Foto: Thilo Rückeis

Die Fraktion der Linken hat einen entsprechenden Antrag im Ausschuss gestellt und das Bezirksamt zur „aktiven Unterstützung“ aufgefordert. Zusätzlich liegt der BVV ein ähnlicher Antrag des Kinder- und Jugendparlamentes im Bezirk vor. Sollte die Rettungsaktion nicht klappen, so gibt es berlinweit auch schon etliche Bemühungen und Hilfsaufrufe, um ein neues Domizil zu finden.

Ein Stolperstein in Wilmersdorf war der Ausgangspunkt

Wie berichtet, ist der Ausgangspunkt der Ausstellung ein 2012 am Nikolsburger Platz 4 in Wilmersdorf verlegter Stolperstein für Susis Großmutter Gertrud Cohn. Sie wurde 1942 deportiert. Die Patenschaft des Stolpersteins hat die benachbarte Cecilien-Grundschule übernommen. Hinzu kam 2016 eine berührende Graphic Novel, ein im Comic-Stil illustrierter Bilderroman für junge, aber auch ältere Menschen über Susis Flucht in die Unsichtbarkeit. Recherchiert, verfasst und gezeichnet hat den Roman Birgitta Behr, sie arbeitet als Lehrerin an der Cecilien-Grundschule.

Der Erfolg ihres Buches brachte sie auf die Idee, es in einer gleichnamigen Ausstellung zum Sprechen zu bringen. Birgitta Behr stellte fiktiv Räume in der Wohnung von Großmutter Cohn nach und schuf eine begehbare Graphic Novel mit stark vergrößerten Bildern und Texten des Romans sowie Erinnerungsstücken der Familie. Das Haus und Susi werden lebendig, beide schildern sie die perfide Steigerung des Terrors bis zur Flucht – eine Geschichte von Solidarität und Anstand.

Der Bezirk förderte das Projekt in der Villa Oppenheim von Beginn an. Zu Recht, wie der Andrang zur Ausstellung zeigte, kaum dass sie eröffnet war. Birgitta Behr bietet Führungen für Schulklassen und Workshops an. „Leider sind die schon bis Mitte Juni restlos ausgebucht“, erzählt sie. Viele interessierte Lehrer muss sie abweisen. Das Gästebuch haben kleine und große Besucher mit begeisterten Kommentaren gefüllt. „Wenn man heutzutage Kinder auf der Straße fragen würde – wer ist Hitler? So würden es die meisten nicht wissen“, schreibt ein Junge. „Diese Ausstellung erklärt einem alles.“

„Die Schau ist eine Investition in die Zukunft.“

Etliche Kollegien von Schulen setzen sich mit Unterschriftenlisten für die Zukunft von „Susi“ ein. Sie berichten von Projekten zur Shoa, die ihre Schüler nach dem Besuch der Austellung „hochmotiviert“ begannen. Zum Beispiel Lehrer der Friedrichshainer Ludwig-Hoffmann-Grundschule. „Ausstellung und Buch bieten uns großes Potenzial zur Wertevermittlung und viele Anregungen für die weitere pädagogische Arbeit“, begründen sie ihre Aktion. Ein „roter Faden der Hoffnung“ begleite die Kinder, die sich mit Susi gut identifizieren könnten. Der rote Faden lasse sie nicht los. „Er läuft weiter und stellt nachhaltig aktuelle Bezüge zum Umgang mit Flucht, Angst, Trauer, Rassismus und Mobbing her.“ Fazit: „Die Schau ist eine Investition in die Zukunft.“

Birgitta Behr, Autorin und Illustratorin der Sonderausstellung „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“, eine begehbare Graphik-Novel mit großformatigen Zeichnungen und Texten sowie Original-Requisiten.
Birgitta Behr, Autorin und Illustratorin der Sonderausstellung „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“, eine begehbare Graphik-Novel...Foto: Thilo Rückeis

Das unterschreiben im Grunde alle, die im Bezirk und im Senat mit der Ausstellung befasst sind. Auf Anfrage gehen auch die Fraktionen von SPD, Grünen, CDU und FDP in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf voll auf Unterstützerkurs. Und im Senat machen sich Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) im Schulterschluss für „Susi“ stark. Lederer will in einem Rundbrief alle Kulturstadträte von Berlins Bezirken bitten, bei der Suche nach einem neuen Ort „für die großartige Ausstellung“ zu helfen. Sandra Scheeres bemüht sich zusammen mit Kulturstadträtin Schmitt-Schmelz von Charlottenburg-Wilmersdorf um neue Räume. Erste Ideen soll es schon geben.

Schmitt-Schmelz beharrt zwar auf dem Abbau ab 17. Juni, findet „Susi“ aber gleichfalls „richtig gut“. Sie versichert, man werde dafür Sorge tragen, „dass alle Stücke behutsam demontiert und bis auf Weiteres schadlos eingelagert werden“. Für Birgitta Behr ist die Ungewissheit dennoch schwer zu ertragen. „Es kann doch nicht sein“, sagt sie, „dass in einer Metropole wie Berlin trotz dieser Zustimmung keine gute Lösung gefunden wird.“

Stimmen zur Susi-Ausstellung

FU-Berlin, Stephan Weichert, Bereich Grundschulpädagogik:

„Die Ausstellung leistet eine großen Beitrag zur Demokratiebildung, zum historischen und sozialen Lernen. (...) Mit Sorgfalt und hoher Sensibilität (...) löst sie bei Kindern (...) Betroffenheit aus, damit diese Geschichte mit allen Sinnen wahrnehmen und (...) auf die eigene Lebenswirklichkeit zurückführen können (...) Angesichts verbreiteter Fremdenfeindlichkeit lassen sich (...) solche Handlungskompetenzen kaum besser vermitteln.“

Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen:

„Dies ist ein wichtiger außerschulischer Lernort. (...) Spielerisch und kindgerecht wird die Ausbildung von Empathie gefördert (...) Wir sehen bereits in dem Buch „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“ ein herausragendes Beispiel der Holocaust-Literatur und sind begeistert zu sehen, wie Birgitta Behr ihr Buch in der Ausstellung ,zum Sprechen bringt’. Eine Verlängerung oder gar ihr dauerhafter Erhalt wären aus unserer Sicht mehr als wünschenswert.“

Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg:

„Zahlreiche Schulberater haben inzwischen diese Ausstellung besucht. (...) Sie multiplizieren ihre Erfahrungen an ihren Schulen, sodass inzwischen viele Schüler mit ihren Lehrkräften die Ausstellung besucht haben und dadurch am Thema in hohem Maße weiter interessiert sind. Die Art und Weise, wie dieser Inhalt für Kinder aufbereitet wird, ist einzigartig und bietet ihnen eine besondere Möglichkeit der Auseinandersetzung.“

Teilnehmerinnen der Regionalkonferenz Kunstunterricht in Mitte, Pankow, Reinickendorf:

„Wir bedauern es außerordentlich, dass diese schöne Ausstellung schon im Juni für immer ihre Pforten schließt. (...) Wir wünschen uns, dass sie durch andere Bezirke wandert und eine große Öffentlichkeit findet. (...) Kann sie nicht als Dauerausstellung in der Villa Oppenheim einen Platz bekommen? Teilnehmerinnen unserer Regionalkonferenz werden ihre Eindrücke von der Ausstellung an ihre Kollegien weitergeben – nicht nur an die Kunstlehrerinnen.“

„Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ bis 16. Juni, Villa Oppenheim, Schloßstraße 55, Charlottenburg, Di.-Fr. 10-17 Uhr; Sa./So. 11-17 Uhr. www.villa-oppenheim-berlin.de. Das Buch zu Susi: Ars Edition, 15 Euro.

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