• „Bastard, ich werde Dich töten!“: So beleidigend geht es im Berliner Jugendfußball zu

„Bastard, ich werde Dich töten!“ : So beleidigend geht es im Berliner Jugendfußball zu

In der Fußball-Bundesliga wird erregt über massive Beleidigungen diskutiert. Im Berliner Fußball sind solche Vorfälle Alltag. Eine Bestandsaufnahme.

Ein Schiedsrichter bei einem Spiel in Berlin.
Ein Schiedsrichter bei einem Spiel in Berlin.Foto: Imago

Der Torhüter löst sich zu spät von seinem Platz an der Fünf-Meter-Linie, er rennt, aber schafft es nicht. Er will den Ball wegschlagen, den der Stürmer des Gastgebers bei dem Konter im Alleingang vor sich hertreibt, aber er trifft nur das Bein des Gegners. Der fällt zwei Meter vor dem Strafraum.

Sekunden nach dem schrillen Pfiff des Schiedsrichters hetzt ein untersetzter, drahtiger Mittzwanziger mit einer roten Jacke an der Seitenlinie entlang. „Du räudiger Hurensohn“, brüllt er in Richtung des Gäste-Torhüters.

Es ist der Trainer des Gastgebers. Alle auf dem Platz können es hören, aber natürlich sind einige der Spieler des Gastgebers keineswegs schockiert. Wieso auch? Sie haben ja ebenfalls ihre eigene, spezielle Ansprache an Akteure der Gästemannschaft. Kleine Auswahl: „Halt die Fresse, Du Schwanzlutscher“, „Du Bastard“, „Du Wichser“, „Nach dem Spiel werde ich Dich töten.“

Die Spieler sind 13, 14 Jahre alt. Szenen aus einem C-Jugend–Fußballspiel am vergangenen Wochenende, irgendwo im Süden von Berlin.

Fußball-Deutschland debattierte über Hopp-Transparent

Es war das selbe Wochenende, an dem beim Bundesligaspiel Hoffenheim – Bayern München beide Mannschaften mit demonstrativem Ballgeschiebe gegen Bayern-Fans protestieren. Die hatten Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp auf einem Transparent als „Hurensohn“ beleidigt und seinen Kopf hinter einem Fadenkreuz präsentiert. Sofort debattierte Fußball-Deutschland erregt über die Verrohung der Sitten und forderte harte Strafen gegen obszöne Beleidigungen.

Es war das selbe Wochenende, an dem unzählige Fußballfans achselzuckend hinnahmen, dass auf Berliner Fußballplätzen obszöne Beleidigungen und Drohungen noch selbstverständlich ausgespuckt wurden, als handelte es sich um Wetterberichte. Normaler Fußballalltag an der Basis.

Deshalb werden auch heute und morgen wieder Spieler und Schiedsrichter als „Wichser“, „Schwanzlutscher“, „Judensau“ oder „Kümmeltürke“ bezeichnet. Und die Fußballfans werden gleichzeitig wohl wieder über die Ultras in den Bundesliga-Stadien und ihre Provokationen debattieren.

„Mich hat es irritiert, dass plötzlich wegen der Beleidigungen gegen Hopp über einen Spielabbruch diskutiert wird. Aber wenn ein Schiedsrichter oder ein Spieler im niederklassigen Fußball so beleidigt wird, interessiert das keinen“, sagt Jörg Wehling, der Vorsitzende des Schiedsrichter-Ausschusses des Berliner Fußballverbands (BFV). Für Wehling ist das Ausmaß der Verrohung auf den Plätzen „erschreckend“. Obszöne Ausdrücke schon bei Jugendlichen „ist Standard“.

„Das Problem hat extreme Ausmaße angenommen“

Eine 14-jährige, die in einer gemischten C-Jugendmannschaft spielt, umkurvte im vergangenen Jahr mal ihren Gegenspieler. Der revanchierte sich darauf mit einer eindeutigen Geste: Du kannst mich sexuell befriedigen, lautete die nonverbale Botschaft. Ein 15-jähriger Schiedsrichter wurde im zweiten Spiel, das er gepfiffen hatte, von einem Jugendtrainer auf extrem obszöne Weise beschimpft. Dann knallte ihm der Coach die Fahne eines Linienrichters vor die Füße.

C-Jugendliche wurden monatelang gesperrt, weil sie nach dem Abpfiff gleichaltrige Gegenspieler verprügelten. „Wir haben bei Jugendspielen schon Spiele abgebrochen, weil alle Leute auf der Trainerbank die Rote Karte gesehen hatten und kein Erwachsener mehr als Betreuer zur Verfügung stand“, sagt Wehling. „Das Problem hat extreme Ausmaße angenommen.“ Die Tätergruppe ist umfassend: Spieler, Trainer, Eltern, getrieben von maßlosem Ehrgeiz.

In der laufenden Saison gab es fast 40 Spielabbrüche, das Sportgericht des BFV hat im Jugendbereich in der laufenden Saison 459 Fälle bearbeitet. In der gesamten vergangenen Saison waren es 833. Im Erwachsenen-Bereich hatte das Sportgericht in dieser Saison 502 Verfahren auf dem Tisch, in der vergangenen Saison waren es 655. In vielen Fällen geht es um eher harmlose Vorfälle wie Passvergehen, aber ein Teil der Verfahren hat erschreckende Ursachen: Tätlichkeit, Drohungen, Beleidigungen.

Rassistische Beleidigungen werden härter bestraft

„Die Verrohung hat zugenommen, auch die Brutalität der Beleidigungen“, sagt Dennis Dietel, „vor allem von Seiten der Eltern.“ Die Strafen schon für Beleidigungen sind nicht gering, „Arschloch“, gilt da noch als harmlose Variante. Mindeststrafe: zwei Wochen Sperre. „Schwanzlutscher“ werten die Sportrichter dagegen als homophobe Beleidigung, da greifen sie härter durch. Mindeststrafe: fünf Wochen Sperre.

Auch rassistische Beleidigungen werden härter bestraft als so genannte normale. Wer „Du Judensau“ sagt, muss bei mindestens fünf Spielen zusehen, „Du Sau“ zieht bloß eine zwei- bis maximal dreiwöchige Sperre nach sich. „Es gibt regelmäßig rassistische Äußerungen“, sagt Dietel.

Wer nicht bloß einen Spieler, sondern den Schiedsrichter beleidigt, erhält automatisch das doppelte Strafmaß. Allerdings nur, wenn die Vorwürfe bewiesen werden können, daran scheitert es oft. Nicht selten werden die verbalen Ausfälle gar nicht erst gemeldet. Der jüdische Klub TuS Makkabi beklage regelmäßig antisemitische Sätze, sagt Dietel, „aber die haben zum Teil resigniert, da kommt nicht mehr viel zu uns, auch weil viele Fälle schwer nachzuweisen sind“.

"Wo bin ich denn hier gelandet?“

Aber viele Beleidigungen hören die Schiedsrichter, wenn sie ihnen persönlich gelten sowieso, und da beginnt das nächste Problem. Für den obersten Verbands-Schiedsrichter Wehling auf jeden Fall. „Ein Unparteiischer notiert die Vorfälle, aber wie er das Ganze verarbeitet, ist eine ganz andere Frage“, sagt er. „Doch diese Frage stellt in der Regel niemand. Da denken doch viele Unparteiische: Wo bin ich denn hier gelandet?“

In einer Welt, in der Werte wie Respekt und Fair play für viele Fremdwörter sind. Vor kurzem musste sich ein Schiedsrichter anhören, dass er gegen Juden pfeife. Einige Vereine müssen bei Heimspielen ihrer Jugendmannschaften sogar selber Unparteiische stellen. Der Verband schickt keine mehr zu ihnen.

Foto: dpa

Das Ende der Schmerzgrenze von Schiedsrichtern lässt sich an Zahlen ablesen. 120 bis 160 Unparteiische bildet der BFV jährlich aus, „aber die gleiche Zahl verlieren wir auch in diesem Zeitraum“, sagt Wehling. Nicht alle, aber viele, weil sie keine Lust mehr haben, sich beleidigen und bedrohen zu lassen oder permanent obszöne Ausdrücke von Spielern untereinander zu hören. „Aus diesem Grund verlieren wir die meisten Leute“, sagt Wehling.

Auch untereinander haben Spieler eine „schlimme Sprache"

Rund 1060 Schiedsrichter pfeifen derzeit in Berlin, Ibo Yilmaz ist einer von ihnen. Sein erstes Spiel leitete er im Dezember 1984, beim FC Internationale ist er Schiedsrichter-Obmann, verantwortlich für 26 Unparteiische im Verein. „Die Spieler haben untereinander eine ganz schlimme Sprache, die ist für sie aber normal“, sagt Yilmaz.

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Er hat jenen 15-jährigen Schiedsrichter betreut, der so massiv beschimpft wurde. „Der pfeift immer noch, aber ich hätte Verständnis gehabt, wenn er aufgehört hätte.“ Yilmaz eilte mal selber auf den Platz, um eine junge Schiedsrichterin zu beschützen, die vor ihm ihren Einsatz hatte und von einem Jugendtrainer und dessen Co-Trainer massiv körperlich bedrängt wurde.

„Ich habe sie vom Platz begleitet, ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre“, sagt Yilmaz. Die beiden Trainer wurden von ihrem Verein gefeuert.

Nicht viele Klubs gehen konsequent vor

So konsequent sind aber nicht viele Klubs. Im Fußball herrscht ein akuter Trainermangel, viele Vereine sind froh, dass sie überhaupt jemanden haben, der eine Mannschaft betreut. Oft sind es Väter, die notgedrungen einspringen, aber häufig keine fachliche und persönliche Voraussetzung für den Trainerjob haben. Und da es auch genug lizenzierte Trainer gibt, die vom Ehrgeiz zerfressen sind, gehören aggressive, pöbelnde, drohende Betreuer zum Alltag.

Ihre Spieler betrachten das Verhalten ihres Trainers dann als eine Art Freibrief für eigene Pöbeleien. Und oft genug verteidigen Jugendleiter oder Vereinspräsidenten diese Ausraster. Gerd Thomas, der Präsident des FC Internationale, sagt, er erlebe es oft genug bei Sportverhandlungen. „Da lügen Vereinsverantwortliche hemmungslos, um ihre Trainer zu schützen.“

Der FC Internationale ist einer der engagiertesten Klubs, die im Berliner Fußball gegen Rassismus und Antidiskriminierung kämpfen. „Vor allem Vorstandsmitglieder machen deutlich: Wir wollen solche Beleidigungen und Drohungen nicht“, sagt er. Freilich, auch Internationale ist nicht die symbolische Friedenstaube des Berliner Fußballs. Auch bei Internationale gibt es Beleidigungen. „Wir sind keine Heiligen“, gibt Thomas zu.

Aber er greift bei Vorfällen konsequent durch. Da werden eigene Spieler und Trainer mitunter hart sanktioniert.

Immerhin: Auch der C-Jugendspieler, der dem 14-jährigen Mädchen eine obszöne Geste gezeigt hatte, musste hart büßen. Das Urteil: acht Wochen Sperre. Die Strafe wäre noch höher ausgefallen, wenn er nicht geständig gewesen wäre.

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