Berlin-Charlottenburg : Der Glockenturm wird geschlossen - für Jahre?

Weil im Herbst Bauarbeiten beginnen, soll der Glockenturm neben dem Olympiastadion schließen. Und was heißt das für den Turmpächter?

Der Glockenturm auf dem Olympiagelände.
Der Glockenturm auf dem Olympiagelände.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Glockenturm am Olympiastadion ist bei stadtrundfahrenden Senioren beliebt, vor allem wegen des Fahrstuhls. Ohne Treppensteigen den Rundumblick über Berlin genießen, anschließend ins nationale Pathos der Langemarckhalle eintauchen, noch ein bisschen Ausstellung zu Olympia ’36, kurz auf Toilette, Ansichtskarten kaufen und zurück zum Bus.

Trotzdem steht der Turm gefühlt mitten im Grünen, irgendwie Randberlin, viele Berlin-Touristen schaffen es gar nicht hierher. Und im September soll erstmal Schluss sein mit dem Rauffahren und Runtergucken für fünf Euro. Der Turm wird geschlossen, wohl für mehrere Jahre. Und das hat Folgen für den Tourismus am Olympiastadion, vor allem aber für den Turmpächter Manfred Uhlitz. Der ist dann erstmal seine Arbeit los.

Rettungswege-Problem wäre lösbar

Darüber will Uhlitz gar nicht klagen, allein, er versteht die Schließung nicht. Die Senatsverwaltung für Sport will im September mit der Sanierung der Maifeldtribünen beginnen, über die Haupttribüne läuft derzeit der Treppaufgang zum Turm, also der Rettungsweg, sollte der Fahrstuhl ausfallen oder ein Feuer ausbrechen. Die Senatsverwaltung für Sport, zuständig für das Olympiagelände, sieht keine Möglichkeit, diesen Rettungsweg während des Bauens offen zu halten oder einen anderen einzurichten.

Dabei wäre das ganz einfach, sagt Uhlitz. Man könnte erst die eine Seite der Tribünen sanieren, die andere bliebe dann als Rettungsweg. Oder man baut eine Ersatztreppe direkt am Fahrstuhl. Auch ein befreundeter Architekt, Hans-Hermann Ritter, machte verschiedene Vorschläge für temporäre Lösungen. „Egal welche Übergangsmaßnahme man betrachtet, der Kostenfaktor dafür dürfte angesichts der Gesamtmaßnahme völlig bedeutungslos sein“, schreibt Ritter in einer Stellungnahme. Die Senatsverwaltung erklärt dagegen: „Der Glockenturm muss während der Bauzeit aus baulichen Gründen sowie zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit geschlossen werden.“

Inschrift in der Langemarckhalle, die an die Schlacht bei Langemarck 1914 in Flandern erinnern sollte.
Inschrift in der Langemarckhalle, die an die Schlacht bei Langemarck 1914 in Flandern erinnern sollte.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Kosten erreichen etwa 20,6 Millionen Euro. Für die Sanierung der Tribünen sind zwölf Millionen veranschlagt, anschließend nochmal 8,5 Millionen Euro für das Sportmuseum in den Hohlkammern unterhalb der Tribünen und in den Vorräumen der Langemarckhalle. Teile der Tribünen samt Glockenturm waren bereits zur WM 2006 saniert worden, aber damals gab es noch keine Planungen für ein Museum. Kritiker argumentieren, das Museum in einen fensterlosen Tribünenraum zu bauen, sei wegen der aufwendigen Abdichtung gegen Feuchtigkeit unverhältnismäßig teuer.

Tribünen werden gegen Feuchtigkeit abgedichtet

Die Sportverwaltung hält dagegen: Bei den Untersuchungen zum Zustand der Tribünen sei festgestellt worden, dass sie ohnehin abgedichtet werden müssten, um sie erhalten zu können. Die Bäume auf den Böschungen hinter den Tribünen wurden bereits abgeholzt, im Herbst sollen die Erdwälle abgebaggert und Teile der Treppen, Stützmauern und Stufen entfernt werden. Der Beton sei hier von minderer Qualität als im Olympiastadion, heißt es. Damit das Bauwerk trocknen kann, soll ein großes Wetterschutzdach errichtet werden.

Vorbereitungen zur "Pyronale" auf dem Maifeld am Glockenturm.
Vorbereitungen zur "Pyronale" auf dem Maifeld am Glockenturm.Foto: Thilo Rückeis

Wie lange die Bauarbeiten dauern, ist unklar, zuletzt war von Ende 2019 die Rede. Das Sportmuseum soll 2021 einziehen – so die derzeitige Planung. Bislang sind die Sammlungen im „Haus des Sports“ auf der Ostseite des Olympiaparks untergebracht, können dort aber nur sehr eingeschränkt gezeigt werden. Am Glockenturm soll das Sportmuseum ein touristischer Anlaufpunkt werden, auch die Langemarckhalle und „die Informations- und Serviceangebote des Besucherzentrums am Glockenturm“ sollen „in das Gesamtkonzept integriert und ausgebaut“ werden.

Manfred Uhlitz ist seit 1979 Turmpächter

Offen ist allerdings, ob auch Manfred Uhlitz integriert wird. Der 62-Jährige gehört hier eigentlich zum Inventar. Seit 1979 betreibt der promovierte Kunsthistoriker den Glockenturm, damals war er noch Student. Wenn er nicht an der Kasse steht, schreibt er in seiner kleinen Bibliotheksbüro, das er sich im Erdgeschoss eingerichtet hat, an historischen Fachartikeln. Uhlitz ist Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins.

„Kultur und Gesellschaftsgeschichte des Sports in Berlin“ sollen im neuen Museum gezeigt werden, mit einem besonderen Fokus auf den internationalen Laufsport und den Berlin-Marathon. Historische Sportgeräte werden gezeigt und alte Olympiamedaillen. Die vom Deutschen Historischen Museum errichtete Ausstellung zum Olympiastadion und den Olympischen Spielen 1936 soll ebenfalls seinen Platz finden.

Erwähnenswert wäre auch die Geschichte des 77 Meter hohen Glockenturms. Der ist im Gegensatz zu den Tribünen nicht mehr im Originalzustand. Nach der Zerstörung im Krieg wurde der Turm 1962 wiederaufgebaut. Die Olympiaglocke ist eine kleinere und wesentlich leichtere Replique. Auch in der Langemarckhalle gab es Korrekturen. Näheres weiß Turmwächter Uhlitz.

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