• Berliner Bündnis mit Carola Rackete: „Rise Up" engagiert sich für Antirassismus und Klimaschutz

Berliner Bündnis mit Carola Rackete : „Rise Up" engagiert sich für Antirassismus und Klimaschutz

„Rise Up – Berliner Klima-Antira-Netzwerk“ besteht aus engagierten Initiativen und Einzelpersonen. Was motiviert sie zu ihrer Arbeit?

Die Aktivistin Carola Rackete bei einer Blockade der Klimabewegung "Extinction Rebellion" in Berlin.
Die Aktivistin Carola Rackete bei einer Blockade der Klimabewegung "Extinction Rebellion" in Berlin.Christophe Gateau/dpa

Der Klimagipfel in Madrid ist vorbei, viele Berliner und Brandenburger Umweltschützer und Klima-Aktivisten kritisieren das Ergebnis. In Berlin hat sich ein neues Netzwerk zum Klimaschutz, das „Rise Up – Berliner Klima-Antira-Netzwerk“ begründet.

Damit wollen Berliner Engagierte unter anderem von der Initiative Sea-Watch, „iuventa10“, der Seebrücke, der Rosa Luxemburg Stiftung, Cadus, Women in Exile, Afric Avenir, Die Urbane, Fridays for Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion und „350.org“ vor allem bewirken, dass das Engagement von Initiativen aus dem von der Klimakrise stark betroffenen globalen Süden mehr Präsenz bekommt. Mitbegründerin ist Carola Rackete, Naturschutzökologin und Kapitänin. Was motiviert alle, das Engagement für eine intakte Umwelt und gegen Rassismus zu vereinen?

Carola Rackete, Naturschutzökologin, Nautikerin, Autorin und Kapitänin

„Im Sommer habe ich viel ungewollte Aufmerksamkeit bekommen. Oft haben Medien nur mich zitiert, die Stimme von Menschen auf der Flucht ging unter. Auch bei der Klimakrise werden viel zu selten diejenigen gehört, die schon seit Jahrzehnten starke Proteste gegen die Zerstörung ihrer Heimat führen. Das ist für mich eine Form des Rassismus. Deshalb haben wir im September ein Klima-Antira-Netzwerk gegründet, zu dem heute alle großen Berliner Klimabewegungen und migrantischen Initiativen gehören. Wenn wir Klimagerechtigkeit wollen, müssen wir alle an einen Tisch holen.“

Jane Wangari, Women in Exile e.V.

„Ich habe in der Giftstoffe benutzenden Rosen-Industrie gearbeitet, bevor ich aus dem globalen Süden nach Deutschland flüchtete. Ich sehe den Klimawandel deshalb vor allem als Fluchtgrund für Menschen, die ihre Heimat verlassen und anderswo Schutz suchen müssen. Großkonzerne des globalen Nordens beuten doch den globalen Süden aus: Hier finden sie billiges Land und billige Arbeitskräfte. Korrupte Politiker wiederum unternehmen nichts gegen das Landgrabbing für Agrarprodukte oder Rohstoffe. Multinationale Unternehmen spielen auch eine große Rolle in der Abholzung des afrikanischen Regenwalds. Die Zerstörung der Ökosysteme hat dazu beigetragen, dass sich das Klima in vielen unserer Nachbarländer drastisch verändert hat. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Leben von Menschen. Wer sich für Klimagerechtigkeit einsetzen will, kann also Kämpfe gegen Neo-Kolonialismus und Rassismus nicht ausblenden.“

Rebecca Abena Kennedy-Asante, Studium Ökologie und Naturschutz, BIPoC Environmental & Climate Justice Kollektiv Berlin

„In unserem Kollektiv setzen wir uns mit Nachhaltigkeit, Veganismus, Umwelt- und Klimagerechtigkeit auseinander – und zwar aus nicht-weißen Perspektiven. Dazu haben wir dieses Jahr zum Beispiel „Safer Spaces“ bei Ende Gelände und dem Klimacamp Leipziger Land angeboten. Seit Jahrhunderten geht die Zerstörung der Umwelt mit der Unterdrückung von Schwarzen Menschen, Indigenen Menschen und People of Colour (BIPoC) einher. Meiner Ansicht nach ist die verwobene Geschichte von Kolonialismus und Kapitalismus der Kern der bis heute anhaltenden großflächigen Zerstörung von Ökosystemen. Diese Zusammenhänge müssen erkannt werden. BIPoC kämpfen schon lange gegen Umweltzerstörung und riskieren dabei teils selbst ihr Leben. Allein 2018 gab es über 200 dokumentierte Fälle von ermordeten Umweltaktivistinnen und -aktivisten im globalen Süden. Wie kann es sein, dass weltweit kaum jemand einen Namen dieser Aktivisten kennt? Sich hier zu solidarisieren, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit.“

Elena Jentsch, Anwalts-Sekretärin, Extinction Rebellion

„Ich wurde vor 45 Jahren aus Ecuador adoptiert, wo viele Familien die extremen Auswirkungen der Klimakatastrophe zu spüren bekommen. Ich habe gemerkt, wie die Politik hier in Deutschland, wo sich diese Folgen noch ,weit weg’ anfühlen, nicht angemessen auf die Krise und die ökologische Zerstörung reagiert. Trotz jahrelanger Klimagipfel sind die globalen Emissionen dramatisch gestiegen. Die Art und Weise, wie wir politische Entscheidungen treffen, hat auch zu einer sozialen Kluft in der Gesellschaft geführt, in der sich nun Hass und Ressentiments ausbreiten. Bei ,Extinction Rebellion Berlin’ bin ich eine von eher wenigen Engagierten aus dem globalen Süden. Doch wir versuchen aktiv, gegen strukturellen Rassismus, den wir als Teil vieler Institutionen der Gesellschaft spüren, anzugehen. Einsatz für Menschenrechte und der Kampf gegen den Klimawandel gehören zusammen. Wir können nur zusammen leben und überleben mit der Einsicht, dass alle Menschen gleichwertig sind, dass wir Teil der Umwelt sind, von der wir abhängig sind, und dass das Klima keine Grenzen kennt zwischen Ländern, Flüssen und der Atmosphäre.“

Joschua Wolf, angehender Umweltingenieur, Fridays for Future Berlin

„Oft habe ich jetzt diese Kritik gehört: Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist vor allem weiß und privilegiert. Das stimmt, People of Colour und Menschen aus weniger privilegierten Familien sind auf unseren Protesten stark unterrepräsentiert. Aber das Bewusstsein dafür ändert sich. Bei Ende Gelände und Extinction Rebellion haben sich antirassistische Arbeitsgruppen gebildet, wir wollen gemeinsam Strukturen hinterfragen. Die Vernetzung auch mit den Seenotrettungs-Initiativen und migrantischen Gruppen ist für uns ein Anfang. Aber unsere Analyse muss noch viel tiefer gehen: Die Auswirkungen von Kolonialismus und Kapitalismus sind Randthemen in der Schulbildung und im öffentlichen Diskurs. Neu politisierte junge Menschen aufzuklären, unsere eigenen Privilegien immer wieder zu hinterfragen – das muss langfristiges Ziel sein. Die Geschichte der Klimakrise ist auch eine Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung. Der globale Norden profitiert doch von menschenunwürdigen Bedingungen im globalen Süden. Wenn wir nicht nur in Sprechgesängen „Climate Justice“ fordern, sondern Klimagerechtigkeit wirklich leben wollen, muss die Klimabewegung auch Teil antikolonialer Bewegungen werden.“

Kontakt zum Bündnis per Mail: press@carolarackete.info

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