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Berliner CDU : Bentele: "Man muss Europa kennen, um es zu können"

Bei der Landesvertreterversammlung wurde Hildegard Bentele an die Spitze der CDU-Landesliste für die Europawahl gewählt.

Monika Grütters (l) gratuliert Hildegard Bentele, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus.
Monika Grütters (l) gratuliert Hildegard Bentele, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Am Tag vor der Landesvertreterversammlung der Berliner CDU zur Abstimmung über die Europawahl-Kandidaten schien die Lage klar. In seiner auf den Nachmittag terminierten Sitzung hatte der Landesvorstand der Hauptstadt-CDU um Parteichefin Monika Grütters und Generalsekretär Stefan Evers den bis dahin einzigen Kandidaten Carsten Spallek für die Spitzenkandidatur einstimmig auf den ersten Rang seiner Liste der Wahlempfehlungen gewählt.

Kaum war die Entscheidung gefallen, hatte eben jener Spallek die insgesamt neun Kandidaten umfassende Liste auf Twitter veröffentlicht mit dem Kommentar: „Der Landesvorstand schlägt mich einstimmig für Listenplatz eins vor. Danke für diesen Vertrauensbeweis! Freue mich auf die Landesvertreterversammlung.“ Auf dem nur wenig aussichtsreichen Platz zwei der vom Landesvorstand abgestimmten Liste: Hildegard Bentele, stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und von 2011 bis 2016 europapolitische Sprecherin eben jener Fraktion.

Keine 24 Stunden später hatte sich die Reihenfolge der beiden plötzlich umgedreht. 141 Delegierte aus den Kreisverbänden hatten ihre Stimme für Bentele vergeben, nur 90 votierten für den unterlegenen Carsten Spallek. Der später mit 88 Prozent der Stimmen auf Rang zwei gewählte Bezirksstadt von Mitte nahm seine Niederlage sportlich, gratulierte der quasi über Nacht zur Kontrahentin avancierten Bentele und sicherte ihr und der Berliner CDU seine Unterstützung für den nun anstehenden Europawahlkampf zu. 

Bentele: „Man muss Europa kennen, um es zu können“

Überhaupt möglich wurde der überraschende Wechsel an der Spitze der Landesliste durch die am Morgen der Landesvertreterversammlung erklärte Kandidatur Benteles. Um 8.30 Uhr habe sie davon erfahren, verriet Landeschefin Monika Grütters. 90 Minuten später startete die Wahlversammlung in Berlin-Adlershof.

Bentele, die auf eine eindrucksvolle europapolitische Karriere mit zahlreichen Stationen im europäischen Ausland verweisen kann, bezeichnete den Besuch bei der Nominierungsveranstaltung der europäischen EVP-Fraktion unter der Woche in Helsinki als „Kick-Moment“ für die eigene Kandidatur. Bei der Entscheidung, diese dann auch tatsächlich einzureichen, hätten aber auch zahlreiche Hinweise aus der Mitgliedschaft eine Rolle gespielt, so Benetele später. 

Die 42-Jährige dürfte vor allem mit ihrer beherzten Bewerbungsrede zahlreiche Delegierte auf ihre Seite gebracht haben. „Man muss Europa kennen, um es zu können“, hatte sie vor den knapp 300 Zuhörern gesagt und in der Folge keinen Zweifel daran gelassen, genau diesen Anspruch zu erfüllen. Seit dem Studium beschäftige sie sich mit Europa, seit dem Jahr 2002 arbeitet sie im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amtes. Zahlreiche Stationen im europäischen Ausland prägen die Vita der Frau, die vier Fremdsprachen spricht und mit einem Kroaten verheiratet ist. „Ich brenne für Europa“, ließ Bentele ihre Zuhörer wissen und erreichte so mehr als Carsten Spallek, der seiner Kontrahentin in Sachen europapolitischer Expertise klar unterlegen war.

Am Ausgang der auf die Aussprache folgenden Wahl vermochte dann auch Jan-Marco Luczak, Chef der Berliner CDU-Landesgruppe im Bundestag, nichts mehr zu ändern. Als einer von vier Rednern unterstütze er die Wahl Spalleks. Ein Vorgang, der im Saal für Erstaunen sorgte, schließlich gehören sowohl Luczak als auch Bentele dem Vorstand der CDU Tempelhof-Schöneberg an. 

Bentele gab sich davon äußerlich unbeeindruckt und zeigte sich nach der Wahl überglücklich. „Ich freue mich wahnsinnig“, erklärte sie und war für den Rest der Veranstaltung beinahe ständig von einer Traube aus Gratulanten umgeben. 

Grütters: „Die Hauptstadt ist weiblich“

Monika Grütters wiederum, die zwar im Sommer Gespräche mit Bentele über eine mögliche Kandidatur geführt hatte, von deren Kandidatur am Morgen aber ebenso überrascht worden war wie viele andere, lobte im Nachgang der Wahl beide Kandidaten. „Die Hauptstadt ist weiblich“, jubelte sie im Angesicht des Überraschungs-Coups von Hildegard Bentele und hob deren „perfekte Vita“ für die Wahl zur Europaabgeordneten hervor. Carsten Spallek habe sich als fairer Verlierer gezeigt und wurde von Grütters für seine Bereitschaft gelobt, auch auf dem mutmaßlich aussichtslosen zweiten Listenplatz alles für den Wahlerfolg der CDU tun zu wollen. 

Anders als Bentele hatte der dem CDU-Kreisverband Mitte angehörende Spallek seine Kandidatur langfristig angemeldet. Bereits im April hatte er gesagt, sich der Wahl um den Spitzenplatz zu stellen. Weil damals auch CDU-Landesvorstand Stefan Evers als Kandidat für die Europawahl gehandelt wurde, galten Spalleks Chancen auf die Spitzenkandidatur als gering. Erst nachdem Evers den Posten des Parlamentarischen Geschäftsführers der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus übernommen hatte, schien der Weg für Spallek frei. 

Sollte Hildegard Bentele bei der Wahl im Mai des kommenden Jahres genügend Stimmen auf sich vereinen können – das Quorum lag in Berlin bei der vergangenen Europawahl im Jahr 2014 bei rund 230.000 Stimmen pro Abgeordnetem – beerbt sie den nach zwei Legislaturperioden aus dem Europaparlament scheidenden Joachim Zeller. In seiner Rede vor den Landesvertretern sprach dieser von einer schwierigen aber wichtigen Wahl und warnte vor dem Scheitern des europäischen Projekts. 

Interessant: Am Rande der Veranstaltung setzte Monika Grütters einen bundespolitischen Akzent. Mit den Satz „Wir werden als Landesverband keine Empfehlungen abgeben“ schloss sie eine Empfehlung an den Landesverband bei der im Dezember anstehenden Abstimmung über den Parteivorsitz aus. „Wir haben mindestens drei sehr gute Bewerber, erklärte Grütters weiter und bezog sich damit auf die bisher angekündigten Kandidaturen von Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn.

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