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Eine Uniformjacke der Berliner Feuerwehr. Im Rahmen einer Pressekonferenz hat die Berliner Feuerwehr am Donnerstag den Jahresbericht 2021 vorgestellt.
© Joerg Carstensen/dpa
Update

Alle 64 Sekunden alarmiert: Berliner Feuerwehr verzeichnet Rekordzahl an Einsätzen

Noch nie in ihrer 170-jährigen Geschichte musste die Feuerwehr so oft ausrücken wie im vergangenen Jahr. Vor allem der Rettungsdienst ist belastet.

Die Berliner Feuerwehr hat im vergangenen Jahr die Höchstzahl an Einsätzen in ihrer bisherigen 170-jährigen Geschichte bewältigen müssen. Das geht aus dem am Donnerstag vorgestellten Jahresbericht 2021 hervor.

Konkret waren es 492.226 Einsätze, 22.000 mehr als im Vorjahr. Im Schnitt waren es pro Tag 1349 Einsätze. Damit ist die Feuerwehr alle 64 Sekunden zu einem Einsatz gerufen worden. Alle 29 Sekunden ging ein Notruf ein – fast 1,1 Millionen waren es insgesamt.

Besonders bei der Notfallrettung ist die Belastung gestiegen. 86 Prozent der Einsätze betreffen den Rettungsdienst. Hier nahm die Zahl der Einsätze um fast sieben Prozent zu und stieg auf 424.361.

Die Folge: Fast täglich wird der Ausnahmezustand ausgerufen, weil zu wenig Rettungswagen und Personal bereitstehen. Allerdings gab es auch zahlreiche Fehleinsätze, bei denen die Rettungswagen umsonst rausfuhren. Im vergangenen Jahr war das 21.788 Mal der Fall. Leicht zugenommen haben Einsätze für die technische Hilfeleistung etwa bei Unfällen.

Zu durchschnittlich zwei Bränden pro Stunde musste die Feuerwehr im vergangenen Jahr ausrücken. Dennoch gab es einen Rückgang bei den Brandeinsätzen – um 20 Prozent auf 6843. Die Zahl bewegt sich wieder fast auf dem Niveau des Jahres 2019, denn 2020 hatte es eine deutliche Zunahme um 27 Prozent gegeben. Positiver Trend: Weniger Menschen kamen bei Bränden ums Leben. 2021 waren es 16, der niedrigste Stand seit zehn Jahren.

Bald eine Million Einsätze erwartet

„Wir kommen an unsere Grenzen“, sagte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen. „Wir schaffen es dennoch, für die Menschen da zu sein. Hinter jedem Einsatz steht ein Mensch, der unsere Hilfe in Anspruch nimmt“.

Die Zahl der Einsätze sei um 54 pro Tag im vergangenen Jahr gestiegen. Die Feuerwehr müsse sich darauf einstellen, bald auf die Marke von einer halben Million Einsätze zu kommen, sagte Homrighausen.

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Wie ernst die Lage beim Rettungsdienst ist, wo die Feuerwehr bislang keine Handhabe gegen die zahlreichen Ausnahmezustände hat, zeigte sich bei der Pressekonferenz am Donnertag: Während der Rede von Innensenatorin Iris Spranger (SPD) rief die Feuerwehr intern wieder einen Ausnahmezustand aus.

Dieser wird erklärt, wenn die Rettungswagen zu 80 Prozent ausgelastet sind und die vorgegebene Eintreffzeit von zehn Minuten bei den Patienten kaum noch eingehalten werden kann. Dann werden weitere Rettungswagen durch Einsatzkräfte aus der Brandbekämpfung in den Dienst versetzt. Im Jahr 2020 geschah das 64 Mal, 2021 verdreifachte sich die Zahl auf 178 Mal.

Nur noch ein Rettungswagen für die ganze Stadt

Diese Zahl dürfte in diesem Jahr schon zur Jahresmitte erreicht sein. Bis Mitte Mai waren es bereits 120. Hinzu kommt, dass die Ausnahmezustände immer länger dauern, teilweise den ganzen Tag anhalten. In diesem Jahr gab es bereits Tage, an denen plötzlich nur noch ein Rettungswagen für die gesamte Stadt verfügbar war.

Für Betroffene kann das im Notfall ernste Konsequenzen haben – wenn sie auf den Rettungswagen warten müssen. Die Vorgabe, dass ein Rettungswagen binnen zehn Minuten nach dem Notruf am Ziel sein soll, ist nur zu 48,8 Prozent erreicht worden. Das ist der niedrigste Stand seit 2017. Damals war die Statistik umgestellt worden – und auch die Zeitvorgabe wurde aufgeweicht. Bis 2016 waren acht Minuten als Ziel ausgegeben. 2017 wurden die zehn Minuten dann noch bei 59 Prozent der Einsätze erreicht. Die Zielzahl liegt bei 90 Prozent.

Kurzfristige Lösung nicht in Sicht

Seither sinkt die Zahl rapide. Im Durchschnitt brauchen die Rettungswagen 10,6 Minuten – das bedeutet: In vielen Fällen dauert es weitaus länger.  Rechnet man die Eintreffzeit der Rettungswagen der Hilfsorganisationen und des Bundeswehrkrankenhauses heraus, so sind es bei der Feuerwehr sogar 11,51 Minuten.

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Eine kurzfristige Lösung hatte Homrighausen nicht parat. Auf die Frage, was er den Berlinern erklärt, wenn für einen Patienten jede Hilfe zu spät kommt, weil wieder einmal kein Rettungswagen bereitstand, antwortete er ausweichend. Es gebe keinen Rechtsanspruch auf die Eintreffziele, sagte er und: „Absolute Sicherheit gibt es nicht.“ Andererseits erklärte er, dass die Feuerwehr helfen müsse. Ein Problem seien Notrufe wegen Bagatellen wie kleine Schnittwunden, Prellungen, Bauch- oder Kopfschmerzen.

Konkrete Zahlen dazu und wie oft Anrufer tatsächlich im Krankenhaus behandelt werden müssten, konnte Homrighausen nicht nennen. Das soll jetzt evaluiert werden. „20 Prozent der Einsätze enden nicht mit einem Transport ins Krankenhaus und keiner weiß warum“, kommentierte die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG). Sie kritisierte, dass die Überlastung der Mitarbeiter von der Behördenleitung nicht einmal erwähnt wurde.

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