Berliner Kindermusiker "Bummelkasten" : Diagnose: "Chronisch euphorisch"

Bernhard Lütke alias „Bummelkasten“ macht Kindermusik und stellt seine Videos auf YouTube. Sein Hit handelt vom „Rolltreppenmax“ und hat über eine Millionen Aufrufe

Ich hab so viel Power, die muss einfach raus. Das singt Bernhard Lütke alias „Bummelkasten“ – und es trifft auf ihn selbst zu.
Ich hab so viel Power, die muss einfach raus. Das singt Bernhard Lütke alias „Bummelkasten“ – und es trifft auf ihn selbst zu.Foto: Janek Grahmann/promo

Der Mann in dem Video sitzt am Esstisch, mit dem breitesten Grinsen im Gesicht. Er beginnt mit Besteck auf Teller und Tassen zu schlagen. Wenig später ist er mit Anlauf aus dem Fenster gesprungen, hat Passanten zum Headbangen bewegt und wilde Tänze in der Straßenbahn vollführt. Bis der Ausflug jäh im Krankenhaus endet, wo er noch im Warteraum einen Purzelbaum schlägt. Die Diagnose: „Chronisch euphorisch“. Der Herr ist befallen von Zuständen kindlich unkontrollierter Energieschübe.

So explosiv geht es immer zu in den Videos des Berliner Musikers „Bummelkasten“. Zu Liedzeilen wie „Alle gucken sauer / Was ich auch bedauer / Doch ich hab so viel Power / Die muss einfach raus“ wird gesprungen, getanzt, gelacht, geweint und manchmal einfach nur doof geguckt. Dabei werden neben Reisen in die kindliche Fantasie auch die Unfallzonen zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ausgelotet.

Trotz aller Zusammenstöße zwischen den hyperaktiven Kleinen und den ewig nörgelnden Großen dominiert gute Laune: Hier reimt sich „elegant“ auf „Straßenrand“, „ganz entspannt“ auf „Gipsverband“ und „Purzelbaum“ auf „Warteraum“. Bei Bummelkasten-Konzerten sind die Eltern mindestens ebenso textsicher wie ihre Kinder.

Kindervideos auf YouTube

Mit seiner Kunstfigur Bummelkasten vereint Bernhard Lütke seit fünf Jahren seine Talente in Musik, Comedy, Film und Schauspiel. Hunderttausendfach werden auf Youtube seine Musikvideos geguckt. Das Video zum Lied „Rolltreppenmax“ hat mehr als eine Million Aufrufe. Dabei entstehen fast alle Clips bislang in Lütkes Wohnzimmer.

„Da kommt man auch mit 150 Euro Budget zurecht“, sagt er. Die werden hauptsächlich investiert in Essen und Getränke für seine Darsteller: Familienmitglieder, Freunde, Kollegen. Als Teil der Berliner Theater- und Künstlergruppe „Karmanoia“, bekannt für das einstige unterirdische Labyrinth in Friedrichshain, fehlt es Lütke jedenfalls nicht an kreativer Unterstützung.

Begonnen hat alles mit dem Lied „Rolltreppenmax“. Im Refrain heißt es über Rolltreppenmax, einen Lebenskünstler mit Klopapiertick: „Und so macht er auf seine eigene Weise / eine kleine Abenteuerreise / Rolltreppe runter / Rolltreppe empor / Hellblaue Mütze / Lutscher hinterm Ohr / Küsschen an der Kasse / und als Souvenir / eine Rolle Klopapier“.

Auch im Video sind Max' Markenzeichen, „Hellblaue Mütze, Lutscher hinterm Ohr“, nicht zu übersehen. In der Urfassung des Rolltreppenmax habe das noch „Käffchen mit Zucker, Kippe hinterm Ohr“ geheißen, erzählt Bernhard Lütke. „Der Song war ein Geschenk für meinen Freund Max, mit dem ich damals im Karmanoia-Haus gewohnt habe.“

Klangexperimente als Kind

Das einstige berüchtigte Künstlerhaus nahe dem Hermannplatz in Neukölln hatte die Toiletten im Treppenhaus. Da konnte es im Winter ungemütlich werden. Deshalb sei Max oft rüber zu Karstadt gegangen. „Per Rolltreppe ins Untergeschoss und dann hat er auch gleich noch ne Rolle Klopapier mitgehen lassen, für die Hausbewohner“, sagt Lütke.

Heute lebt er etwas außerhalb von Berlin. Die Lieder entstehen ausschließlich mit seiner Stimme und einer Audio-Software. Schon als Kind, aufgewachsen im Osten Berlins, habe er sich für Klangexperimente interessiert und Mini-Hörspiele gemacht. Bis heute schöpft er aus solchen Erinnerungen an kindliche Unbeschwertheit.

„Murmelbahnen im Sand bauen, Ausflüge an den Müggelsee, Donuts backen für Mama, Papas kleine Tischlerwerkstatt, hinterm Zaun kokeln, Hörspielkassetten hören im Garten, BMX-Stunts machen im Park.“ Die Liste ginge ewig, sagt er. Glückliche Kindheitserinnerungen nennt Lütke das „A und O für eine stabile Psyche später“.

Die spielerische Haltung bewahrt

Als junger Erwachsener begann Lütke, sich an Comedy-, Film- und Theaterprojekten zu beteiligen. Bei Karmanoia stand er mit seiner Loopstation im Wartebereich des unterirdischen Labyrinths, wo er mit Stimm-Performances die Besucher unterhielt. Dabei habe er sich seine spielerische Haltung immer bewahrt, sagt Lütke. Bis heute sei er immer noch der erste auf jedem Klettergerüst. „Und ich esse mit den Fingern, weil es mich glücklich macht.“

Das erklärt auch das jungenhafte Grinsen des 34-Jährigen. Als aus den Experimenten mit seiner Stimme schließlich der Rolltreppenmax wurde, reichte ein Freund die CD bei einem Kinderradiosender ein. Zwei Monate später wurde das Lied ins Programm aufgenommen, „und dann wurde das der am meisten gewünschte Song dort“, sagt Lütke. In der Folge wurde auch das Youtube-Video zum Erfolg.

Bei seinen Konzerten gibt sich Bummelkasten anders als in den Videos unerwartet bequem. Da sitzt er am liebsten lässig auf dem Sofa, wenn sich zum Rolltreppenmax noch Typen wie Susi, „die härteste aller Prinzessinnen“, der Bulli Battmann und Shiny, die Lichterfee gesellen. „Eher wie ein Geschichtenerzähler“, sagt Lütke.

Doch spätestens zu den letzten Zeilen des „Rolltreppenmax“ wird es wieder explosiv, wenn in Anspielung auf den Refrain Unmengen mitgebrachter Klopapier-Rollen durch die Luft fliegen. Lütke gerät ins Schwärmen, wenn er von dem Ritual erzählt, das mittlerweile fester Bestandteil seines jährlichen Lollapalooza-Auftritts ist. „So ne Klopapierschlacht als Kind zu erleben, davon zehrt man.“ Da sind sie wieder, die glücklichen Kindheitserinnerungen. Dafür nimmt man auch mal etwas Papierverschwendung in Kauf. Oder einen entnervten Sitznachbarn in der Straßenbahn.

Bummelkasten im Milchsalon, Konzert am 18. März um 15 Uhr im Astra Kulturhaus, Revaler Str. 99, Friedrichshain. Karten über www.milchsalon.de

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