Berliner Rentner auf Rollschuhen : "Damit fühlste dich foreva jang"

Die skatenden Rentner haben das Laufen fast verlernt. Sie verbrachten fast ihr ganzes Leben auf Rollschuhen, fuhren in West-Berlin und New York. Jetzt veranstalten sie die "Rollerdisco" in Reinickendorf.

Anna Pia Möller
Jürgen, Peter, Gerhard und Peter sind die "Elder Skatesmen" und Gründungsmitglieder vom Rollschuhverein "8-zig".
Jürgen, Peter, Gerhard und Peter sind die "Elder Skatesmen" und Gründungsmitglieder vom Rollschuhverein "8-zig".Foto: Thilo Rückeis

„Wenn du die Dinger an hast, fühlste dich foreva jang“, sagt Jürgen. Die Dinger, damit meint er die Liebe seines Lebens: seine Rollschuhe. Und Jürgen, Rentner, 66 Jahre alt, markanter weißer Zwirbelbart, findet, der Vorname muss reichen. Der Name, der eigentlich zählt, ist schließlich auch der, den er und seine Freunde Peter S., Gerhard und Peter F. sich gegeben haben: Elder Skatesmen. Die rollenden Rentner.

Mit ihren Rollschuhen, völlig abgefahren, verlebt, und natürlich im traditionellen Stil, fahren sie heute übers Tempelhofer Feld, veranstalten Rollerdiscos. Seit 40 Jahren, sagt Jürgen und fügt lachend hinzu, mit keiner Frau habe er es so lange ausgehalten.

Die Rollschuhe gehören zu ihrem Lebensstil dazu, da hat sich seit den 80er Jahren nichts geändert. Damals sind Jürgen und seine Freunde nach der Arbeit direkt zum Vorplatz der Neuen Nationalgalerie, dort traf sich die Szene – in Jeans-Shorts, mit Walkman auf den Ohren – und natürlich mit Rollschuhen.

Zwischen 30 und 50 Rollschuhfahrer kamen jeden Abend zusammen. „Wir gehörten zum harten Kern“, sagt Jürgen. Fünfmal in der Woche fuhren sie, manchmal ging es später noch weiter, den Ku’damm hinunter. Die Rollschuhe ihre Sieben-Meilen-Stiefel. „Manchmal fällt es mir fast schwerer, zu Fuß zu gehen“, sagt Jürgen.

Zu Beginn des Hypes habe es noch keine Verbotsschilder gegeben, beispielsweise in Kaufhäusern. So seien sie auch gern mal durchs KaDeWe gerollt. „Das ist wie eine Superkraft, du kommst überall hin und bist trotzdem noch Fußgänger“, sagt Jürgen.

Times Square statt Ku’damm

Und so eine Superkraft legt man natürlich nicht gerne ab. Trennen konnten sich die Freunde nie – weder voneinander noch von ihren Rollschuhen. Bis heute drehen sie regelmäßig ihre Runden, auf dem Tempelhofer Feld, auf der Greenwichpromenade am Tegeler See.

Gemeinsames Highlight: Die Reise nach New York vor 20 Jahren – mit Rollschuhen am Times Square.
Gemeinsames Highlight: Die Reise nach New York vor 20 Jahren – mit Rollschuhen am Times Square.Foto: privat

In 40 Jahren haben sie viel erlebt, sind mit ihren Rollschuhen nach New York gefahren und nach Paris, haben zahllose Nächte durchgetanzt in den Rollerdiscos der Republik, eine Zeit lang fast jeden Abend, zum Beispiel im „OZ“, einer Kellerdisko in der Hauptstraße, die bekannteste Adresse für Rollschuhfans in West-Berlin. Nach der Wende fuhren sie auch ins SEZ und brachten Ersatzteile aus dem Westen mit. „Bei unserer Ausstattung und Technik haben die anderen Kulleraugen bekommen“, sagt Jürgen.

Aber Kulleraugen bekamen auch sie, nämlich wenn die amerikanischen Soldaten kamen. Die fuhren zwar nur mit Anschnallrollen unter ihren Militärstiefeln, aber ihre Technik und ihr Stil waren „wie aus einer anderen Welt“, sagt Jürgen. Es war sofort klar: Da mussten sie hin! 1998 flogen die Freunde nach New York: Times Square statt Ku’damm, Central Park statt Tiergarten, einmal fahren im „Empire Rollerdrome“, der „Petersdom des Rollerskatens“, sagt Jürgen. „Das war der Höhepunkt in den letzten 40 Jahren.“

"Die Stadt liegt uns zu Füßen"

Wenn sie heute auf ihren acht Rollen übers Tempelhofer Feld fahren, erregen sie natürlich Aufmerksamkeit, werden nicht selten bewundert von den jüngeren Skatern. So wie die heutigen "Elder Skatesmen" damals, bei ihren Treffen an der Neuen Nationalgalerie, Hans und Anneliese König bewundert haben, die einzigen Senioren, die dabei waren. „Das Rollschuhfahren beflügelt“, sagt Jürgen, „die Stadt liegt uns zu Füßen.“

Jeden Sonntag, 19 Uhr, veranstalten sie mit dem Verein 8zig eine Rollerdisco im Märkischen Viertel. Da kommen Großeltern mit ihren Enkelkindern und Eltern mit ihren Kindern. Dann tanzen sie gemeinsam auf Rollen, natürlich auch dabei: „Forever young“.

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Rollerdisco immer sonntags, 19 Uhr, in der Kinder- und Jugendhalle MV, Königshorster Straße 1-9, Märkisches Viertel. Alle Infos unter: www.8-zig.de

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