Berliner Weihnachtsmarkt : Breitscheidplatz: "Was nützen denn die Poller?"

Ein Jahr nach dem Terroranschlag werden die Buden vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wieder aufgebaut. Angst haben sie nicht, sagen die Händler.

Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ist im Aufbau. Zur Straße hin versperren Betonpoller den Weg.
Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ist im Aufbau. Zur Straße hin versperren Betonpoller den Weg.Foto: REUTERS/Axel Schmidt

Der Hund mit dem schwarz-weißen Fell sitzt auf Höhe von Monika Edelmanns Bauchnabel. Er hat Schlabberohren und einen treuherzigen, fast fröhlichen Blick. Der Hund ist auf Edelmanns Pullover gestrickt, ihr hat das Motiv gut gefallen. Und irgendwie drückt dieser optimistische Blick auch das Seelenheil der 54-Jährigen aus. Sie steht hinter ihrer Kasse und sagt: „Man darf nicht ständig drüber nachdenken, sonst wird man verrückt. Dann geht man bald nirgendwo mehr hin.“

Vor allem ginge Monika Edelmann dann nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz, an dem Schals von Bayern München und Borussia Dortmund hängen und in einer Glasschale Armreife mit „Berlin“-Logo liegen. Monika Edelmann arbeitet in einem Souvenirladen am Breitscheidplatz, 50 Meter entfernt von den beiden Blumenkübeln, in denen weiße Holzkreuze stecken und eine Holzplatte mit der Aufschrift „Warum?“ liegt. Zwischen den Kübeln brennen Kerzen in Grablichtern. An jedem Licht klebt ein Zettel mit einem Namen.

Für jeden Toten eine Kerze. Zwölf Menschen sind am 19. Dezember 2016 gestorben, als der islamistische Attentäter Anis Amri einen Lkw auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz steuerte. 50 weitere wurden verletzt, die Stadt und das ganze Land standen unter Schock.
Jetzt, knapp ein Jahr später, stehen wieder Buden auf dem Weihnachtsmarkt, am Montag, dem 27. November, wird Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, den Markt eröffnen, es wird zugleich eine Gedenkveranstaltung für die Attentats-Opfer. Aber jetzt wird dieser Markt eine Mischung aus Budenzauber und Hochsicherheitszone. 100 Betonklötze werden die Holzbuden von der Straße abschirmen, es gibt mehr Sicherheitsleute als früher, mehr Polizei.

Die Betonpoller sind zwei Meter lang und wiegen eine halb Tonne. Sie kosten 300 Euro. Wer für die zusätzliche Sicherheit bezahlt, ist noch unklar. Der Schaustellerverband sagt, das sei Sache des Senats. Der Senat will die Schausteller in die Pflicht nehmen.

Fragt sich nur, ob Poller und Polizisten das Sicherheitsgefühl erhöhen.

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht"

Oder ob die Angst trotzdem da ist, vor allem bei den Menschen, die auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten. Menschen wie der hagere Sicherheits-Mitarbeiter mit dem Pferdeschwanz, der gerade mit einem Schlagbohrer eine Holzbude aufbaut. „Ich habe keine Angst“, sagt er, „es kann einen ja überall treffen.“ 2016 ist er 30 Minuten vor dem Anschlag nach Hause gefahren, der Schock ist längst überwunden. Beim Weihnachtsmarkt wird er darauf achten, dass Ordnung herrscht, aber er wird auch ein paar Buden mit neuer Ware versorgen. Der Weihnachtsmarkt 2017 wird Alltag für ihn sein.

Nicht bloß für ihn, andere Schausteller denken ebenso. Ein Budenbesitzer, der Glühwein verkauft, sagt in rheinischem Slang „Ich habe keine Angst“. Und Mohamed El Gendry deutet mit dem Kopf auf eine langgezogene Holzbude direkt neben der Gedächtniskirche. „Die Berliner Weihnachtsterrassen“ liegen da, die Bude gehört El Gandry, so wie 13 weitere. Er vermietet sie, und von keinem seiner Mieter hat er gehört, dass er Angst hätte. „Fast alle, die im vergangenen Jahr da waren, sind auch jetzt wieder da.“

Klar, er hat seine Mitarbeiter instruiert. Sie achten jetzt besonders auf auffällige Menschen, auf Gepäck, das herrenlos herumsteht, auf Typen, die sich nervös umblicken. Aber das hakt er als berufliche Routine ab. „Was nützen denn die Poller, wenn einer mit seinem Rucksack reinkommt und sich damit in die Luft jagt?“ Sein Blick gibt die Antwort. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, sagt er, da denkt er ganz pragmatisch.

Im vergangenen Jahr war er zu Hause, als er vom Anschlag hörte. Zuerst dachte er, der Mitarbeiter, der ihn informiert hatte, sei Opfer eines schlechten Witzes geworden. Monika Edelmann war in ihrem Kisok, als Amri über den Platz fuhr. Aber sie hörte nur Sirenen und sah die ganzen Polizisten. Erst mit Verzögerung wurde ihr klar, was da passiert war.

„Aber ich versuche auch, gar nicht darüber nachzudenken. Es gibt inzwischen viele Attentate auf der Welt. Man darf nicht drüber nachdenken.“ Nur in einem Fall kann sie die Erinnerungen nicht löschen. Der 11. September 2001, die Bilder von den Anschlägen in New York, die haben sich für immer in ihrem Gehirn eingebrannt. Nicht bloß wegen der Dramatik der Bilder. Am 11. September 2001 feierte sie ihren 38. Geburtstag.

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