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Ein Klinikstandort von Vivantes in Berlin.

© H. Heine

2500 Servicearbeiter drohen mit Streiks in Berlin: Klinikkette Vivantes versucht die Flucht nach vorn

Am Mittwoch haben die Gewerkschaft Verdi und der Vivantes-Konzern ihre Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag gestartet. Verdi fordert ein Ende der „Zwei-Klassen-Belegschaft“.

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Zum Auftakt der Tarifverhandlungen setzt Berlins kommunaler Klinikkonzern Vivantes die Gewerkschaft Verdi unter Zugzwang: Mit einem frühen, überraschend weitgehenden Angebot bietet Vivantes an, die Gehälter von rund 2500 Beschäftigten mehrerer Tochterfirmen bis 2030 an den TVöD anzugleichen – dies ist die zentrale Forderung von Verdi.

TVöD steht für „Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes“. Er greift für die Mitarbeitenden des Mutterkonzerns und gilt als Goldstandard im öffentlichen Sektor. Bislang liegen die Löhne von Hunderten Reinigungskräften, Therapeut:innen und Kantinenkräften in den Firmen Viva-Clean (Nord, Süd), Vivantes Service Gesellschaft, Speise- und Versorgungslogistik, Vivantes Reha, Vivantes MVZ laut Verdi je nach Tochterunternehmen 76 bis 91 Prozent unterhalb der TVöD-Entgelte.

Vivantes macht nun Tempo, um diese Lücke bald zu schließen. Ab kommender Woche sollen die Gespräche nach dem Willen von Vivantes im Zweitagesrhythmus stattfinden. Dafür verlangt die Klinikkette ein Entgegenkommen von Verdi: Die Gewerkschaft solle auf Streiks verzichten, damit die Gespräche in einer „sachorientierten Atmosphäre verlaufen“.

Mitglieder sind bereit zum Kampf

Die Gewerkschaft könnte sich über das Angebot freuen. Andererseits droht die Gefahr, dass der Konflikt entschärft wird, bevor er begonnen hat. In den vergangenen Wochen hatte Verdi seine Mitglieder bereits auf den Tarifkampf eingeschworen. Eine Mehrheit stellte sich per Petition hinter die Forderungen und signalisierte Streikbereitschaft.

Und so erklärt Jana Seppelt, Gewerkschaftssekretärin, sie begrüße zwar, dass Vivantes bereits früh ein Angebot vorgelegt habe. „Die Tarifkommission bewertet das Angebot jedoch nicht als geeignete Verhandlungsgrundlage.“ Denn zu „wesentlichen Forderungen“ habe Vivantes kein Angebot vorgelegt, sagt die Gewerkschaftssekretärin.

Wir arbeiten seit Jahren als Beschäftigte zweiter Klasse bei Vivantes. Wir wollen ein Ende dieser Ungerechtigkeit.

Christian Hilbert, Gärtner bei Vivantes

Neben der Angleichung an die TVöD-Gehälter fordert Verdi eine Einmalzahlung für alle in Höhe von 2000 Euro sowie drei zusätzliche Urlaubstage für jedes Verdi-Mitglied. „Wir arbeiten seit Jahren als Beschäftigte zweiter Klasse bei Vivantes. Vivantes schuldet uns eigentlich allen viele Tausend Euro aus dieser Zeit. Wir wollen ein Ende dieser Ungerechtigkeit – und das nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag“, heißt es von Christian Hilbert, Gärtner bei Vivantes.

Kein Déjà-vu à la CFM

Die Vivantes-Spitze wies die Wünsche von Verdi schon im November als „nicht finanzierbar“ zurück. Wandte die Klinik diese unmittelbar an, bedeuteten sie Mehrkosten von 20 Millionen Euro im Jahr. Vivantes kämpft mit einem Defizit in Höhe von fast 150 Millionen Euro. Bis 2029 will Vivantes dieses schrittweise um 110 Millionen Euro reduzieren.

Streiks und ein zu hoher Tarifabschluss gilt es deshalb zu vermeiden. Das dürfte die Flucht nach vorn erklären: Die Manager:innen werden 2025 nämlich aufmerksam verfolgt haben, wie die Servicekräfte der CFM (Charité Facility Management) das andere landeseigene Berliner Klinikum – die Charité – mit fast 50 Tagen Streik in die Knie zwangen. Auch sie forderten eine Angleichung an den TVöD. Mit Erfolg. Am Ende wurde ein Kompromiss geschlossen.

Vivantes teilt mit, dass das Entgelt der Beschäftigten schon in diesem Jahr um insgesamt 6,8 Prozent steigen würde, wenn Verdi das Angebot annähme. Laut Verdi hätten die Beschäftigten dann aber weiterhin Nachteile: So profitierten die Tochter-Kräfte beispielsweise nicht von der betrieblichen Altersvorsorge. Vielen drohe im Alter die Armut, heißt es.

Verdi informiert seine Mitglieder nun über das Angebot. Diese und kommende Woche organisiert die Gewerkschaft außerdem Treffen an allen Vivantes-Standorten. Dort beraten die Beschäftigten über die weitere Strategie.

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