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Freileitungsmonteure arbeiten in Bochum an einem Strommast der RWE AG.

© dapd/VOLKER HARTMANN/DDP

Wie lässt sich ein Blackout verhindern?: „Der Aufwand, jeden Strommast einzuhegen und Kameras aufzustellen, wäre enorm“

Mit Blick auf den Blackout in Berlin erklärt Professor Christian Rehtanz von der TU Dortmund im Interview, warum das Stromnetz so leicht zu beschädigen ist und wie sich das ändern ließe.

Stand:

Herr Professor Rehtanz, das deutsche Stromnetz ist nach dem Prinzip n-1 ausgelegt, das heißt, der Ausfall eines Elementes muss verkraftbar sein. Warum hat dieses Prinzip nun im Falle des Anschlages auf die Kabelbrücke in Berlin den Stromausfall nicht verhindern können?
Angenommen, ich habe ein Netzgebiet und speise dort über zwei Transformatoren ein, die nebeneinanderstehen. Das wäre dann n-1 gesichert, weil der eine Transformator übernimmt, wenn der andere ausfällt. Ähnliche parallele Strukturen haben wir an Strommasten, auf denen zwei Leitungen liegen. Wenn dann eine davon ausfällt, ist es verkraftbar. Das hilft dann aber nichts mehr, wenn jemand den Strommast sprengt, auf dem die Leitungen liegen.

Auch in Berlin lagen verschiedene Hochspannungs- und Mittelspannungskabel auf einer Brücke eng beieinander. Ist das ungewöhnlich?
Wir hatten einen ähnlichen Fall in Bochum. Die Universität dort wurde über zwei nebeneinanderliegende Kabel versorgt, um die n-1-Sicherheit zu gewährleisten. Bei einem der Kabel ist dann eine Muffe explodiert und dadurch wurde auch das parallel liegende Kabel zerstört. Die Folge war ein Stromausfall.

Anders gesagt: Auf Betriebsmittelebene war auch in Berlin eine Redundanz im Sinne von n-1 vorhanden, aber eben räumlich nicht so getrennt, dass es einen Schutz etwa gegen Attentate bietet.

Wäre es dann nicht besser, Infrastrukturen räumlich zu trennen?
Die Diskussion gibt es. In Kroatien führte ein Fehler in einer Schaltanlage im Höchstspannungsnetz vor einigen Jahren dazu, dass ein kompletter Netzknoten mit verschiedenen Leitungen ausgefallen ist. Die Folge war, dass sich das europäische Stromnetz geteilt hat. Im Anschluss wurde überlegt, ob jemand über ein Attentat bewusst so einen dedizierten Netzknotenpunkt ausschalten könnte und wie dem entgegengewirkt werden kann, etwa indem das Netz anders ausgelegt wird. Aber so etwas über alle Netzebenen zu denken, ist eine Aufgabe von Jahrzehnten, und es ist sicherlich auch teuer.

In Berlin werden zur Wiederherstellung der Stromversorgung die betroffenen Gebiete nun mit einer anderen Stromleitung verbunden. Ist so eine Quervermaschung kein Standard auf Verteilnetzebene?
Eine räumliche Einspeisung von zwei Seiten gibt es insbesondere in Städten schon, aber nicht flächendeckend. Die Stromnetze sind historisch mit den Stadtvierteln gewachsen. Manche Kabel und Transformatoren sind über Jahrzehnte in Betrieb. Vielerorts werden die Netze aber in den kommenden Jahren modernisiert oder neu geplant, etwa weil es mehr Wärmepumpen gibt. In diesem Zuge wird man sicher auch Fragen der Vermaschung berücksichtigen.

Laut dem Stromnetzbetreiber in Berlin soll es noch bis Donnerstag dauern, bis alle Kunden wieder versorgt werden können. Hat es hier an Vorbereitung gefehlt?
Die Wahrscheinlichkeit für einen Blackout ist sehr gering, aber er kann eben vorkommen. Insofern muss man sich vorbereiten. Eigentlich sollte nach einem solchen Ereignis die Versorgung nach 24 Stunden wiederhergestellt sein. Dass es in diesem Fall so lange dauert zumindest mit einer Notverkabelung, ist zumindest verwunderlich. Die Reparaturzeit bei einer derartig großen Beschädigung ist aber üblich.

NRW liefert Berlin nun Notstromaggregate. Sollten Kommunen hier mehr vorhalten?
Man benötigt in jedem Fall Notstromaggregate, um kritische Infrastrukturen wie Altenheime und Krankenhäuser bei einem Blackout versorgen zu können. Wenn der Strom ausfällt, fallen in der Regel auch die Wärme- und die Wasserversorgung aus, etwa, wenn Pumpen das Wasser in höhere Stückwerke pumpen. Hierfür müssen die Kommunen sorgfältig planen und vorhalten.

Die Netzbetreiber kritisieren, dass sie viele Daten zu ihrer Infrastruktur veröffentlichen müssen und dies solche Angriffe wie jetzt in Berlin erleichtert. Wie sehen Sie das?
Das sehe ich auch so. Wir an der TU Dortmund arbeiten für unsere Netzanalysen auch mit öffentlich verfügbaren Daten. Die beziehen wir etwa aus Open Street Map. Dort sind Leitungen oder Trafostationen zu erkennen. Wenn wir das können, können das andere natürlich auch. Ein anderes Beispiel: Das DLR hat für ein Forschungsprojekt das Übertragungsnetz nachgebildet, von der Fachcommunity wird das gerne abgerufen. Man kann also sagen, wir stellen unsere Infrastruktur ins Internet, und darauf greifen dann Wissenschaftler, aber auch Menschen mit anderen Interessen zu.

Wie lässt sich die Infrastruktur denn besser schützen? Helfen mehr Zäune oder Kameras?
Der Aufwand, jeden Strommast einzuhegen und Kameras aufzustellen, wäre enorm. Und es besteht dann zum Beispiel auch die Gefahr, dass sie viele Fehlalarme haben, etwa durch Tiere. Solche flächendeckenden Umzäunungen sind bei Bahntrassen sicherlich realistischer wie im europäischen Ausland zu sehen.

Bietet die Erdverkabelung, wie sie in Städten ja fast immer der Fall ist, mehr Schutz?
In jedem Fall. Der Aufwand, herauszufinden, wo diese Leitungen verlaufen, und sie dann zu attackieren, ist einfach viel höher.

Das Interview führte der Leiter des Teams „Energie & Klima“ bei unserem Background-Fachdienst: Jetzt testen.

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