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Ausstellung Humboldt Forum

© © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: Alexander Schippel

Trauer Taskforce: Mit dem Schmerz umgehen lernen

Gegen das Verdrängen: Trauerexpertinnen wollen neue Formen des Gedenkens finden.

Manchmal hilft Singen. Viele Kulturen kennen Trauerlieder, Trauergesänge, die angestimmt werden, wenn ein Mensch verstorben ist; in den Worten, den Klängen, vor allem in der Gemeinschaft der Singenden finden die Trauernden Trost.

In der Ausstellung „Un_endlich. Leben mit dem Tod“ im Humboldt Forum sind einige dieser Lieder zu hören, vorgetragen von Vertreter:innen verschiedener Glaubensrichtungen aus der Berliner Stadtgesellschaft.

In einem schwarz verhängten Raum kann man sich hinsetzen und ihnen lauschen: den Gesängen aus dem Alevitentum, Islam, Judentum oder dem mexikanischen Totenkult, man hört einen Sikh, eine Christin, einen Hindu und einen Yorùbá. Wie unterschiedlich die Klänge – und wie nachvollziehbar der allen Menschen gemeinsame Schmerz, der sich darin ausdrückt.

In modernen Gesellschaften lösen sich feste Trauerrituale, die es in traditionellen Kulturen und religiösen Gemeinschaften gibt, zunehmend auf. Was bleibt übrig? „Wir haben verlernt, mit Trauer umzugehen“, sagt Alexandra Kossowski.   „Viele Menschen finden keine Sprache dafür und setzen sich erst dann mit dem Tod auseinander, wenn es nicht zu vermeiden ist, weil jemand in ihrem Umfeld stirbt. Dabei wäre es wichtig, so früh wie möglich damit zu beginnen.“

Alexandra Kossowski ist eine von rund 50 Trauerexpertinnen aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz, die sich im vergangenen Jahr zu dem Netzwerk „Trauer Taskforce“ zusammengeschlossen haben. Die Mitglieder möchten dem Thema Trauern und Gedenken neue Bühnen bieten und zeitgemäße Formen dafür finden.

Es gibt keine richtige oder falsche Art zu trauern

Alexandra Kottowski, Trauerexpertin

Die Trauerkultur wiederbeleben, ohne dabei kirchlich gebunden oder religiös inspiriert zu sein: Das geht nur auf sehr individuelle Weise. „Es gibt keine richtige oder falsche Art zu trauern“, sagt Alexandra Kossowski. „Manche Menschen weinen viel, andere gar nicht – und fragen sich dann vielleicht, ob alles in Ordnung mit ihnen ist. In unserer Beratung lassen wir alles zu.“

Die Lebenslagen sind heute komplexer als in traditionellen Gesellschaften, neue Wege müssen gefunden werden, auch durch Technik unterstützte. „Viele sagen: Ich lebe in Deutschland, aber meine Familie ist über mehrere Länder verstreut“, sagt Trauerbegleiterin Theres Kirisits. „Wir können nicht über längere Zeit gemeinsam trauern. Also finden wir uns digital zusammen, in virtuellen Gedenkräumen.“ Auch die erste deutsche Trauer-App „Grievy“ kann dabei helfen, sie enthält Übungen, Gedankenanstöße und ein Trauer-Tagebuch.

Die Trauerexpertinnen fassen das Thema weiter als nur den Umgang mit dem Tod. Jeder Abschied, jedes Ende kann mit Trauer verbunden sein. In erster Linie gilt das für die Sterbenden selbst, die Abschied von ihrem Leben, ihren Träumen, ihren Liebsten nehmen müssen. Aber auch für Menschen in anderen Lebensphasen, die sich zum Beispiel von ihrem Kinderwunsch verabschieden müssen.

Ende Oktober, Anfang November ist für sie eine besondere Zeit: Wenn die Tage kurz werden, kommt die Trauer näher. Die Trauer Taskforce plant vom 30. Oktober bis 5. November, also um Allerheiligen (1. November) herum, eine länderübergreifende Trauerwoche unter dem Motto „Trauer geht durch den Magen“, mit „Trauer-Bars“ und „Death-Cafés“, um sich über besondere Gerichte an Verstorbene zu erinnern und miteinander zu verbinden.

Im Humboldt Forum wird in diesen dunklen Novembertagen erstmals das mexikanische Totenfest inszeniert werden: Alle, die Toten und die Lebenden, sind eingeladen, gemeinsam zu feiern.

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