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Wo gehts denn hier nach Tourististan? Immer mehr Gäste Berlins wollen lieber in stylischen Ferienwohnungen übernachten.

© picture alliance / dpa

Ferienwohnung im Mietshaus: Das echte Berlin tobt nebenan

Er hat Schuhspanner an die Wand genagelt und aus 45 Quadratmetern Mietfläche eine Kreativenbude in Kreuzkölln gezimmert – der Nachbar unseres Autors ist Ferienwohnungsvermieter. Nun strömen die Touristen ins Haus und machen den Nachbarn reich. Ein neidischer Seufzer.

Es ist wenige Tage her, dass sich Nachbar B. in meine Gedanken einmietete. Schwer atmend stand eines Morgens ein junger Mann im Treppenhaus, Reiserucksack, zwei Taschen auf dem Boden, Koffer in der Hand. Ob man ihm helfen könne, fragte er, er wisse nicht, wohin. Als Tourist in die Stadt gekommen, habe B. ihm nur den Schlüssel zur Wohnung gegeben, und nun stehe er hier und wisse nicht, in welche Etage er müsste. Es war der Moment, in dem Wortungetüme wie Zweckentfremdungsverbots-Gesetz, Grauhotellerie und Wohnungsumwidmung durch mein Hirn zuckten. Mein Nachbar B: ein Ferienwohnungsvermieter. Und jetzt?

Wenn es nach dem Bezirk Pankow und dem Berliner Senat geht, dürfte B. in nächster Zeit ein Problem bekommen. Um zu verhindern, dass immer mehr Wohnungen dem Markt entzogen werden, soll das Vermieten der eigenen vier Wände an Touristen der Stadt verboten werden. Für B., der nach oberflächlicher Recherche im Internet noch mindestens zwei weitere Wohnungen vermietet, wäre es wohl das Ende eines Lebens, für das es nur ein passendes Wort gibt: großartig.

Da B. weitgehend durchdigitalisiert ist, lässt sich im Internet eine Menge über ihn erfahren. Zusammenfassend kann man sagen, dass B. vor allem zwei Hobbies hat: surfen und die Welt bereisen.

Mexiko, Kuba, Dominikanische Republik: abgehakt, abgesurft. Von einer jamaikanischen Felsklippe wagt B. eine prächtige Arschbombe ins türkis schimmernde Wasser. Natürlich war er längst auf Hawaii, schlürfte Kokosnüsse in Puerto Rico oder besuchte Festivals im Wüstensand von Nevada. Er stand auf dem Empire State Building und unzureichend bekleidet auf dem Rücken eines thailändischen Elefanten. Vielleicht flog er sogar am Steuerknüppel eines Flugzeuges, unter ihm das kalifornische Santa Monica, aber dieses Foto muss eine Fälschung sein. Denn es kann nicht sein, dass B. alles kann.

Wenn es schlecht läuft für B., wird er irgendwann aussehen wie Mickey Rourke in seiner Paraderolle als Wrestler, ausgedörrt vom Salzwasser unter der Südseesonne. B. sieht manchmal ein bisschen albern aus mit Sonnenbrille, Waschbrettbauch und Dauergrinsen. Ansonsten bewundere ich ihn.

B. und ich zahlen Miete für ein Neuköllner Haus zwischen Kreuzkölln mit seinen sagenhaften Verlockungen und dem Schillerkiez am Tempelhofer Feld. Kurz: genau die Ecke, die Touristenherzen höher schlagen lässt, weil es hier angeblich so herrlich kreativ und lässig zugeht.

In letzter Zeit hat sogar die Sauberkeit zugenommen, denn der für unser Wohngebiet zuständige Haus-Pisser hat etwas nachgelassen. Seit Jahr und Tag gehörte es zu den vornehmsten Aufgaben des Unbekannten, wagenradgroße Pfützen in den Flur zu strullen. Dies schien auch B.s Gästen nicht vollständig zu entgehen, die dann im Internet auf eine mitunter etwas dreckige Umgebung hinwiesen. Ob B. als guter Gastgeber im Sinne seiner Kunden intervenierte, ist mir nicht bekannt.

Fest steht, dass die Lachen in letzter Zeit seltener wurden. Wenn jetzt in Einzelfällen mal alle Dämme brechen, werden die Pfützen umgehend mit Anzeigenblättern überdeckt – wahrscheinlich, damit im ungeheizten Flur niemand auf der gefrorenen Pisse ausrutscht. Ich bin gerne bereit, diese Service-Maßnahme bei B. auf der Habenseite zu verbuchen.

"This is so Berlin"

„This is so Berlin“, sagen Besucher des Viertels anerkennend und meinen damit Konzerte in sperrmülleingerichteten Szenekneipen, bei denen mit Gurken und anderem Gemüse musiziert wird. Es ist der faszinierte Blick, mit dem sie autochthone Neuköllner in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten, und sei es nur der schwerst angetrunkene Kneipengänger, der in der Silvesternacht aus einer Bar im Erdgeschoss pendelte, eine Pistole aus der Jackentasche holte, eine Salve Platzpatronen in den Gehsteig ballerte und mit der sich wieder schließenden Eingangstür zurück in die Bar einschwenkte. Ein Schauspiel, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholte, bis Magazin oder Mann alle waren. Und die Zuschauer begeistert.

Wie man dem Affen Zucker gibt, weiß B. genau: Als „Design-Bude“ preist er seine 45 Quadratmeter im Internet an. Das Bad sei „abgefahren“, ein Balkon ist „mit am Start“ und überhaupt sei ein „cooles Design-Ambiente“ zu bejubeln. Menschen, die bei B. wohnen, zahlen bis zu 65 Euro pro Nacht, ohne Frühstück. Wenn B. einen alten Mietvertrag hat, dürfte er monatlich nicht mehr als 350 Euro Miete zahlen – wenn er seine Wohnung für einen ganzen Monat vermietet, nimmt er dafür jedoch 1250 Euro. Eine Menge Geld für ausgiebige Reisen.

Wer bei B. übernachtet, tut das auf einer aus Europaletten zusammengeschraubten Empore mit einer Matratze und kann seine Handtücher auf einem aus Krücken gebastelten Handtuchhalter aufhängen. Dann noch ein paar an die Wand genagelte Schuhspanner – fertig ist die Kreativenbutze. Es ist der übliche Kunst-Krempel, mit dem Ortsunkundige geneppt werden; sie merken es nicht mal und und freuen sich schließlich im Internet darüber, sich bei B .„als echte Berliner gefühlt“ zu haben, und das ist doch schön. Denn in einer Stadt, in der Touristen vorgegaukelt wird, der Fernsehturm werde von den Einheimischen „Telespargel“ genannt, dürften zweckentfremdete Schuhspanner noch zu den harmlosen Lügen gehören.

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