Das Ende der Weihnachtswurst? : Curry 36 und „Zentralrat der Currywürste“ entlarven „Wurstbürger“

Winterwurst statt Weihnachtswurst und der Untergang des Abendlandes? Dieser Post ging viral. Der Geschäftsleiter von Curry 36 in Berlin-Kreuzberg ist zufrieden.

Das Haus vom Mehringdamm 34 in Berlin-Kreuzberg mit Curry 36.
Das Haus vom Mehringdamm 34 in Berlin-Kreuzberg mit Curry 36.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Alle Rechten und Islamhasser ist Curry 36 am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg schon mal los. Und dafür hat ein Facebook-Post gereicht. „Aus Weihnachtswurst wird Winterwurst“, postete Curry 36 am frühen Mittwochnachmittag samt der Erklärung: „Wichtige Mitteilung: Aus diversen Gründen haben wir uns in diesem Jahr entschieden, unsere beliebte Weihnachtswurst zukünftig als Winterwurst zu bezeichnen. Wir hoffen auf euer Verständnis.“ Dazu ein Zwinker-Smiley.

Die „Weihnachtswurst“ gab es vorher gar nicht bei Curry 36

Ganz klar – das war eine Anspielung auf alle, die den Untergang des Abendlandes befürchten, wenn angeblich aus Rücksicht auf Muslime das Wort Weihnachten nicht mehr verwendet wird. Wenn statt „Frohe Weihnachten“ dann „frohes Fest“ gesagt wird. Dabei geht es doch nur um eine Berliner Legende: die Currywurst.

Jedenfalls war die Aufregung groß. Curry 36 erzielte enorme Reichweite mit dem Post. Bis Donnerstagmittag wurde der Beitrag fast 1700 Mal geteilt. Mehr als 7600 Kommentare finden sich unter dem Post, dazu mehr als 5200 Reaktionen – darunter knapp 2000 Likes, 1900 Lach-Smileys, 750 Herzen, aber auch knapp 500 Wut-Emojis und 45 Weinen-Emojis. Das zeigt auch: Nicht alle haben verstanden, was Curry 36 mit dem Post sagen wollte.

Anruf am Mehringdamm, Geschäftsleiter Mirco Großmann ist am Apparat. „Die Idee ist von unserer Agentur“, sagte er. „Das war vor einigen Wochen. Wir haben gesagt: Wenn die Zeit reif ist, bringen wir das.“ Großmanns Bilanz: „Bisher ist die Aktion von Erfolg gekrönt.“ Klassisches Guerillamarketing also – und besonders lustig, weil es vorher gar keine Weihnachtswurst gab bei Curry 36. „Es ging einfach drum, die Provokation hübsch zu verpacken.“

Dennoch ließen nicht wenigen in Ihren Kommentaren ihrer Wut freien Lauf – und sie haben ihre Kommentare mit ganz vielen Ausrufezeichen und ganzen Worten in Großbuchstaben versehen. Ein User schrieb: „Ich wünsche euch vom ganzen Herzen, dass eure Bude schnellstens Pleite geht, am besten noch vor Weihnachten, als kleines Extra.“

Weihnachtsmann umgetauft? Kommentare mit ganz vielen Ausrufezeichen !!!

Das Team von Curry 36 hatte ordentlich zu tun, um die Kommentare zu moderieren und Beleidigungen zu löschen. Das kam aber nicht bei allen an. Ein Nutzer schrieb: „Die größte Beleidigung kommt doch von euch, wenn ihr uns das Weihnachtsfest mit solchen Dummheiten vermiest.“ Ein anderer: „Oh no, nicht Ihr auch. Schlimm genug, dass der Weihnachtsmann umgetauft wurde.“ Oder: „Wir essen dann zukünftig woanders.“ 

Auch für einen anderen hat sich Curry 36 damit erledigt: „Werde ich nie wieder ne Wurst kaufen.“ Oder: „Das ist doch wohl ein Scherz!!!!! Ansonsten: Leute, ihr spinnt doch langsam tooootal.“ Und ein User schrieb: „Einknicken nennt man das Hoffentlich sind nicht alles solche Feiglinge wie ihr.“ Oder: „Dann esst mal eure Wurst schön alleine“ und „Ihr seid doch nicht ganz dicht:“

Curry 36 - auch einfach nur schlimme Kapitalisten

Für andere ist die Winterwurst Ausdruck kapitalistischer Gewinnmaximierung: „Entweder habe ich Rückgrat und stehe zu meinem Produkt, wie ich es seit Jahren anbiete oder ich lasse es!!!! Persönlich habe ich etwas gegen Leute, die ihre Fahne des Profites und Umsatzes wegen mit dem Wind hängen.“

Einige vermuten sogar höhere Mächte hinter der Winterwurst-Aktion und zeigten sich offen fremdenfeindlich. „Wer Deutsche Traditionen mit den Füßen tritt, der sollte sein Geschäft ins andere Land verfrachten, wo man Weihnachten nicht feiert“, kommentierte ein User.  „Wird die Osterwurst jetzt etwa auch in Frühlingswurst umbenannt? Armes Deutschland !!!!! Danke Merkel!!!!“

Bekam Curry 36 eine Anweisung von ganz oben?

Es wurden sogar vermutet, dass die Wurst wegen Muslimen umbenannt worden sei, dabei hätten doch Muslime  den Deutschen „Respekt zu zollen“, weil sie in einem christlich geprägten Land leben: „Frechtheit !!!“

Ein anderer Nutzer fand, „sich so unterdrücken zu lassen und nicht mal mehr hinter seiner Weihnachtswurst zu stehen, ist echt traurig“. Andere fragten ganz unbedarft: „Nun noch Winterwurst! Will man Kunden, die Weihnachten feiern, nun fremde Interessen aufzwingen?“ Oder: „Befehl von GANZ oben?“ Curry 36 konterte: „Du meinst vom Zentralrat der Currywürste?“

Herbert Grönemeyer sang einst: Kommse vonne Schicht. Wat schönret gibt et nich als wie Currywurst."
Herbert Grönemeyer sang einst: Kommse vonne Schicht. Wat schönret gibt et nich als wie Currywurst."Foto: Getty Images/iStockphoto

Es gab aber natürlich genügend Nutzer, die die Aktion von Curry 36 durchschauten – aber auch die Beleidigungen kritisierten: „Ich lebe seit 51 Jahren in Deutschland und habe bis zum heutigen Tage weder bei Curry36 noch sonst irgendwo in diesem Land etwas von Weihnachtswürsten gehört, geschweige denn davon, dass diese ein kulturelles Erbe sein sollen. Danke, Curry 36, für diese entlarvende Aktion. Wenn die Entlarvung nicht so traurige Ergebnisse in manchem Wurstbürger-Post zu Tage bringen würde, hätte ich geschrieben: You made my day.“

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Ein Nutzer fand: „Wer Curry 36 vorher gar nicht kannte (so wie ich), der kennt sie jetzt und findet sie sympathisch. Diese Geschichte wird nämlich zig Mal von denen geteilt, die sich über die Heulsusen und ihre angebliche Islamisierung kaputtlachen.“

Andere fragten, ob es jetzt für die „vielen besorgten Bürger, die in die Falle getappt sind“ nun eine „Runde Winterwurst für alle“ gebe. Auch ein anderer lobte: „Curry 36 hat die beste Werbeaktion seit Erfindung des Marketings gemacht. Auf die zwölf Prozent Wurstbürger, wird man wohl gut verzichten können.“

Bei Curry 36 am Mehringdamm ging der Betrieb derweil am Donnerstag wie üblich weiter. Geschäftsleiter Großmann sagte am Mittag: „Alles wie immer, keine besonderen Vorkommnisse.“ 

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