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Nachruf auf Maung Tin Htut (Geb. 1942): Der Mann aus der "Reisschale"

Aus Birma kam er, studiert hat er in Prag. In der DDR saß er im Gefängnis, und in Neukölln eröffnete er einen der ersten Asia-Läden. Das wechselhafte Schicksal des freundlichen Herrn Tin

Von Julia Prosinger

Laut ist es, die Menschen rempeln einander an, hasten mit schweren Plastiktüten in die U-Bahn. In der „Reisschale“, Karl-Marx-Straße 181, ist es still. Ein bisschen zu kalt, aber angenehm still. Ein Xylofon aus Indonesien steht da, in den Regalen indische Chutneys, Porzellan aus China, Masken aus Bali, Misopaste aus Japan, Öl aus Vietnam. Eier und Kartoffeln aus Brandenburg, Naturkosmetik aus dem Schwäbischen.

Dazwischen sitzt Tin. Tin aus Birma. Tin aus der Tschechoslowakei. Tin aus Neukölln. Tin mit den vielen Heimaten. Die erste war Birma. Er spricht darüber, aber mit Angst. Nördlich der Hauptstadt Rangun wurde er 1942 als Maung Tin Htut, als mittlerer dreier Brüder, geboren. Die Eltern waren wohlhabende Geschäftsleute mit chinesischen Wurzeln, Besitzer einer Reismühle. Das hilft Tin in seiner neuen Heimat Neukölln: Einen Basmatireis verkauft er nicht unter Wert, aber zu diesem Fisch passt doch der Langkornreis viel besser. Sie wissen, wie Sie ihn am besten kochen?

Tins Familie in Birma ist buddhistisch, aber sie feiern alle Feste, birmesisches und chinesisches Neujahr, christliches Weihnachten, muslimisches Id. Tin besucht eine katholische Schule. Später, in seiner letzten Heimat Berlin, werden sie für die christlichen Freunde an Tins Grab das Vaterunser beten.

Von seiner Mutter lernt Tin, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Seine Kunden werden sagen, dass es keinen gab, der ihn nicht mochte.

Ab 1960 studiert Tin in Rangun Biochemie, 1965 erhält er ein Stipendium für die Karls-Universität in Prag, studiert dort Medizin und engagiert sich von hier aus gegen die birmesische, sozialistische Diktatur von General Ne Win. Die setzt ihn auf eine schwarze Liste und verlangt von der CSSR, ihn auszuliefern. Weil sich Studenten für Tin einsetzen, darf er zunächst weiterstudieren. In den Semesterferien fährt er nach Westdeutschland und arbeitet in einer Bierbrauerei wie viele andere Studenten aus der CSSR.

Im Zug lernt er Vera kennen, 17 Jahre alt, Tschechin. Sie lädt ihn zum Schnitzel nach Hause ein, Tin sie ins Kino, er hilft ihr bei den Mathematik-Hausaufgaben, bis ihn auch ihre Eltern mögen. Dann, 1971, nehmen Polizisten Tin gefangen. Zwei Monate halten sie ihn fest, ohne Erklärung. Bevor sie ihn jedoch in seine erste Heimat zurückschicken, nach Birma, flieht Tin in den Westen, zunächst nach Hamburg.

1973 zieht Tin nach West-Berlin. Er studiert Medizintechnik an der Freien Universität, Vera in Prag Gehörlosenpädagogik. Sie treffen sich in Ost-Berlin. Jedes Mal hat Vera Angst. 1978 heiratet sie einen Freund von Tin, um zu Tin ziehen zu können. Drei Jahre später kommt der gemeinsame Sohn auf die Welt, Alexander. Nach Alexander Dubcek benennen sie ihn, dem Helden des Prager Frühlings.

Beginnt jetzt Tins richtiges Leben in seiner letzten Heimat, macht er den Laden auf, die „Reisschale“? Schafft die kleine Stille auf der lauten Karl-Marx- Straße?

Mit 14 Jahren ins Gefängnis in Bautzen

Sie hätten nicht die Oma in Prag besuchen sollen. Am Kontrollpunkt Dreilinden wird Tin festgenommen, man wirft ihm vor, anderen Birmesen bei der Flucht geholfen zu haben. Die DDR-Polizisten zerlegen sein Auto, sie verhören Tin, wieder und wieder, lassen ihn nicht schlafen und drohen, das Baby Alexander in ein Heim zu bringen. Tin unterschreibt schließlich ein Geständnis, als Fluchthelfer gearbeitet zu haben. Tin aus Birma, Tin aus der CSSR, Tin, Vater eines Säuglings, wird zu 14 Jahren verurteilt. Sie stecken ihn ins Gefängnis Bautzen.

Es beginnt die Zeit, über die er später nicht sprechen mag, von der er auch seinen liebsten Kunden in der „Reisschale“ nicht erzählen kann, die Zeit, die seine Frau vergessen will. Tin arbeitet hart in Bautzen, an glücklichen Tagen darf er duschen. Er verbietet Vera, ihn zu besuchen. Ihr soll nichts zustoßen.

Vera arbeitet in Berlin als Lehrerin. Vier Jahre dauert es, bis die Bundesrepublik Tin, den Birmesen, freikauft und Alexander seinen Vater wiedersieht, bis Tin an der Volkshochschule Buchhaltung lernt und sich eine Zukunft in der neuen Heimat ausdenkt.

1986 eröffnet er die „Reisschale“. Seiner Mutter in Birma sagt er, er sei Arzt geworden. In Wahrheit stellt er die Holzregale mit den Gewürzen auf, die Fässer mit der Misopaste, die Gläser mit dem Chutney. Tins „Reisschale“ ist einer der ersten Asia-Läden in West-Berlin, wo sonst kann man frischen Ingwer kaufen, frischen Koriander, Tofu? Tin ist überhaupt einer der ersten ausländischen Geschäftsleute an der Karl- Marx-Straße. Da gibt es „Koffer Panneck“, den Schraubenladen, die „Hohenzollern-Apotheke“, das „Musikgeschäft Bading“.

Tin sitzt auf seinem hölzernen Barhocker und hört seinen Kunden zu. Einer bleibt samstags stundenlang, bringt Artikel mit aus der „FAZ“ über die Opposition in Birma, darüber wie die Chinesen dort Rohstoffe ausbeuten und wie man Einzelkinder erziehen soll. Ein anderer bringt seine kleine Tochter mit, Tin gibt ihr gewürzte Nudeln zum Knabbern. Einer redet mit Tin über seinen Garten, einer über Elvis und die Beatles. Viele kaufen das Biobrot der Bäckerei Mehlwurm, das Tin anbietet. Langsam und sicher schneidet er das Brot, wickelt es in Papier. Vielen rät Tin zu Ingwer gegen Magenschmerzen und Kurkuma für den Darm und Sonnenblumenöl gegen Zahnfleischentzündungen und Ginkgowurzeln gegen praktisch alles. Und das Mangomus bestelle ich Ihnen, übrigens schmeckt das wunderbar mit türkischem fetten Honig, und wenn Sie mögen, können Sie anschreiben, kein Problem, kann man alles machen.

Tins Hände kochen die Rezepte mit, die er seinen Kunden vorschlägt, schneiden den Knoblauch in der Luft, schwenken die Pfanne, reiben den Ingwer, marinieren das Fleisch. 1990 wird Tin eingebürgert.

Er fragt nach den Geburtstagen seiner Kunden, er merkt sich die Sterbetage, er zeigt Fotos seines Sohnes, der kleine Alexander im Garten, der große Alexander als Jurist. Manchmal springt er hinaus aus der „Reisschale“, wie geht es Ihnen, Frau Bading? Wie geht es der Schwester? Frau Bading erzählt, schenkt ihm einen Sesamring, kauft eine Sauer-scharf- Suppe, Tin schiebt den Fahrradständer vor dem Laden zurecht.

Über Bautzen spricht er nie. Seit der Zeit im Prager Exil, erst recht seit dem Gefängnis sind ihm die Dinge egal, die noch wichtig waren, als er ein junger Mann war, ob seine Hosen maßgeschneidert sind, ob sie Markennamen haben, ob er ein großes Auto fährt, ob man teuer ausgeht. Jeden Morgen parkt er seinen alten Golf auf der Thomashöhe und trägt einen Karton voll Ware in die „Reisschale“. Wenn der Wagen kaputt ist, hilft der Chef von „Eddys Sportshop“.

Weniger Obst, mehr Asia-Produkte

Das Beste wünscht Tin immer nur den anderen. Kommt ein Kunde, lächelt er, nichts lenkt ihn ab. Leise spendet er Geld für die birmesische Opposition, leise organisiert er Treffen in seiner Wohnung. Als Aung San Suu Kyi sich für den Nobelpreis bedankt, fährt er nicht nach Oslo.

Neukölln verändert sich. „Koffer Panneck“ mit dem lebensgroßen Pferd im Schaufenster verschwindet, der jüdische Juwelier und die Buchhandlung machen dicht, der Optiker gibt auf. Tin bleibt. Er verkauft weniger Obst, mehr Asia-Produkte, die Holzregale werden übersichtlicher. Er beschriftet noch immer alles von Hand. Kalt ist es jetzt manchmal im Laden, Tin sitzt dann auf der Heizung, nicht auf dem Barhocker, er dreht sie nicht mehr ganz auf, er trägt eine dicke Jacke.

Wenn keine Kunden da sind, liest er den „Spiegel“. Gegenüber eröffnet „Handy King“, „H & M“ zieht in die Straße, Ein-Euro-Shops machen auf, Internetcafés. Tin ist jetzt einer von den Alten, gehört zum traditionellen Neukölln, die Ärzte kaufen bei ihm und die Buchhändlerin aus dem Haus, manche reisen aus anderen Vierteln an.

Manchmal kommt jemand und legt Tin nahe, den Laden aufzugeben. Oder eine Gruppe junger Männer fordert ihn auf, die Buddha-Statue zu entfernen. Breitbeinig stehen sie vor dem schmalen Tin, 70 Jahre ist er alt. Einmal gibt es eine Schlägerei, Tin wehrt sich hinter seiner altmodischen Kasse. In einer Ecke winken chinesische Plastikkatzen.

In letzter Zeit läuft die „Reisschale“ wieder besser. Es wohnen inzwischen viele Studenten in Neukölln. Tin bestellt Bioware. Er dreht die Heizung auf.

Dann stürzt er beim Wandern auf La Palma ab. Seine Frau ist bei ihm, als er stirbt. Wochenlang hängen Rosen an der Tür der „Reisschale“, Kerzen stehen auf der Schwelle. Laut ist es, auf der Karl-Marx-Straße. Julia Prosinger

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