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Wowereits Reisen: Der Regierende als Berliner Aushängeschild

Reiselust und Nähe zum Glamour haben dem Regierenden Bürgermeister schon früher Ärger eingebracht. Holt ihn jetzt die Vergangenheit ein?

Von Ulrich Zawatka-Gerlach

In den frühen Jahren des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit war es ein beliebter Sport, sich über den lebens- und reiselustigen „Partymeister“ aufzuregen – oder lustig zu machen. Der politische Mentalitätswechsel, den er seit seiner Wahl zum Regierungschef 2001 als Anspruch vor sich hertrug, war mit einem neuen persönlichen Stil verbunden, der gewöhnungsbedürftig war. Das Politische und Private fanden in einer Weise zueinander, die für den preußisch korrekten und als dröge empfundenen Amtsvorgänger Eberhard Diepgen (CDU) völlig undenkbar gewesen wäre.

In diese Zeit, 2002 bis 2004, fiel auch die Stippvisite in Spanien beim Eventmanager Manfred Schmidt, der damals in Berlin groß in Mode war. Und die Flüge mit dem Ex-Bahnchef Heinz Dürr in dessen Privatmaschine nach London. Auf Einladung des Berlin Capital Club, der im November 2001 von Dürr, Dieter Klostermann, Ferdinand Fürst von Bismarck, Hartwig Piepenbrock, Werner Gegenbauer und einigen anderen Größen aus Wirtschaft und Gesellschaft gegründet wurde. Als „Teil des weltumspannenden Netzwerkens, der Business-Kontakte und der internationalen Kommunikation“, so das Selbstverständnis des Clubs im Dachgeschoss des Hiltons am Gendarmenmarkt. Das rote Band zur Eröffnung durchschnitt auch Wowereit. Gelegentlich trafen sich die Herren gern beim Golf, sei es am Wannsee oder in Motzen.

Das war es, was Wowereit stets als richtig empfand und bis heute vehement verteidigt: das hautenge Miteinander von Unternehmern, Promis, Künstlern, Spitzenpolitikern und Medienleuten in der werdenden Metropole Berlin. Vom Koalitionspartner, der Linken, oft misstrauisch beäugt, aber respektiert. Der Ausbau internationaler Kontakte ließe sich nun mal nicht „zwischen Aktendeckeln festklopfen“, sagte die ehemalige PDS-Abgeordnete Martina Michels 2003, als das Berliner Abgeordnetenhaus über eine Mexikoreise des Regierenden stritt.

Sehen Sie hier einen Einblick in die Pflichten des Regierenden:

Eine Reise, die der Grünen-Politiker Volker Ratzmann als „kleinkarierte Selbstinszenierung“ verriss, während Wowereit stolz erzählte, dass ihm der Vorstandschef von Siemens persönlich gedankt hätte, „wie ich mich für seine Firma in Mexiko eingesetzt habe“.

Wowereit blieb unter Beobachtung

Ein Jahr später telefonierte der CDU- Rechtsexperte Michael Braun mit Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge, um eine Dienstreise Wowereits nach Los Angeles prüfen zu lassen. Wegen des Verdachts der Vorteilsannahme, denn Berlins Regierungschef hängte an die dienstlichen Termine einen dreitägigen Privaturlaub an, den er beim „Wetten, dass…?“- König Thomas Gottschalk verbrachte. Einem guten Freund. „Welche geschäftlichen Interessen Herr Gottschalk in Berlin verfolgt?“, wollte der CDU-Abgeordnete Karl Georg Wellmann wissen. Damals ging es eher um den Versuch, die große TV-Show nach Berlin zu holen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte nicht.

Unter Beobachtung blieb Wowereit trotzdem. Zum Beispiel im November 2004, als ihm der „Spiegel“ einen peinlichen Redeauftritt in Bangkok im weißen Anzug und angeblich rosa Krawatte ankreidete. Wowereit war dort auf Einladung des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Und er war über die Kritik pikiert. Die Krawatte sei rot gewesen, und die Zeitschrift „Men’s Health“ habe ihn in der Kategorie Businesskleidung auf Platz 2 gesetzt. Es dauerte nicht mehr lange, da ebbte das Interesse an solchen Geschichten ab. Ein Akt der Gewöhnung, und außerdem der Tatsache geschuldet, dass sich Wowereit zum graumelierten Landesvater wandelte.

Aber er blieb das internationale Aushängeschild Berlins, auf jedem Parkett der Welt zuhause und stets auf Augenhöhe mit Konzernvorständen, Oscarpreisträgern und Regierungschefs. Ohne jede Berührungsangst, sowohl dienstlich wie privat. Zuletzt gab es vor zwei Jahren kritische Fragen, weil Wowereit im November 2009 für eine Reise nach Paris die nicht ganz preiswerte Flugbereitschaft der Bundesregierung in Anspruch nahm. Der Regierende Bürgermeister verwies auf seinen Status als Beauftragter für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen. Als quasi Bundesminister durfte er so reisen. Einen Monat später flog er mit dem Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH nach San Francisco, um an der International Gay and Lesbian Leadership Conference teilzunehmen. Eine von hunderten gewöhnlichen und ungewöhnlichen Dienstreisen, die Wowereit seit 2001 unternahm.

Ein Jahr vor seinem Amtsantritt gab es im Rechtsausschuss des Abgeordnetenhauses übrigens eine erregte Debatte über die Frage, wie sich ein Senatsmitglied zu verhalten hat, wenn es „bei einem Privaten“ mitfliegt. Eine offenbar gar nicht so seltene Praxis. Der Wissenschaftliche Parlamentsdienst stellte fest, dass es eine Regelungslücke gebe. Das Regierungsmitglied müsse „machen, was es dann für richtig hält“. Damals riet ein Vertreter des Berliner Rechnungshofes zu „maximaler Transparenz im Vorfeld“. Seither wurde das Thema nicht wieder diskutiert.

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