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Heimathafen. Vom U-Bahnhof Neukölln aus erkundete unser Autorin Berlin.
© Kitty Kleist-Heinrich

Die Station meines Lebens: Der U-Bahnhof Neukölln war meine Schleuse ins andere Berlin

Unsere Autorin kam an und der U-Bahnhof Neukölln katapultierte sie in die Stadt. In der Kolumne „Die Station meines Lebens“ beschreibt sie ihre Erinnerung.

In der Kolumne „Die Station meines Lebens“ schreiben Autorinnen und Autoren des Tagesspiegels über Berliner Haltestellen, die sie geprägt haben. Laura Lichtblau, 1985 in München geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Debütroman "Schwarzpulver" erschien im Sommer 2020.

Als ich 2009 zum ersten Mal am U-Bahnhof Neukölln ausstieg, hatte man mich hindirigiert. Neukölln kannte ich kaum, die Station noch weniger. Auf der Karl-Marx-Straße war der Teufel los, überall Gehupe, Autos, die in zweiter Reihe parkten, Händler, die zum Flohmarkt auf dem Parkhausdach Käfige mit lebenden Vögeln und Töpfe mit kochendem Wasser schleppten, in denen sie Maiskolben zubereiteten und in Servietten eingerollt verkauften.

Aber ging man ein kleines Stück weiter gen Süden, kamen da nur noch Gewerbehallen, ruhige Wohnstraßen, höchstens mal eine mit Spitzengardinen behängte Eckkneipe. Heute weiß ich, dass dahinter Britz beginnt und dann Buckow, alles noch Neukölln. Damals aber hatte ich das Gefühl, ich würde irgendwann einfach vornüberkippen, hinaus aus der Stadt auf die Brache.

Wir hatten uns direkt vor dem Haus verabredet, in einer birkenverrauschten Straße an diesem sehr hellen Oktobermorgen. Noch wohnte ich in Leipzig, mein Freund auch, wenn er die Wohnung bekäme, würde ihm der Sprung nach Berlin gelingen. Uns gefiel die ockerfarbene Fassade des etwas abgekämpften Altbaus, tiefgezogener, verrußter Stuck, durch die hinabgezogenen Rollläden im Erdgeschoss quoll kalter Nikotingeruch.

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Die Wohnung war eiskalt. Zwei niedrige, preußisch anmutende Zimmer mit Kohleöfen und grauen Dielen. Mein Freund sei jung und Renovieren mache Spaß, erklärte die Vermieterin. Da wäre gar nicht nötig gewesen, ich spürte, dass mein Freund die Wohnung zur Not auch fenster- oder türenlos bezogen hätte. Als sich noch der Hausmeister im Blaumann hinzugesellte, dessen Gesichtszüge aussahen wie hineingeschnitzt, wurde die Sache bei einer Zigarette besiegelt.

Draußen war der Himmel immer noch blau und meine Begleitung euphorisch. In einem Backshop direkt am U-Bahn-Eingang gab es fünf Apfeltaschen für einen Euro, auf einer Betonstufe sitzend feierten wir die gelungene Besichtigung.

Station: Neukölln
Linien: U-Bahn U7
S-Bahn S41, S42, S45, S46, S47
Bus 171, 246, 377, N7, N77
Nachbarhaltestelle: Karl-Marx-Straße
Fahrzeit bis Alexanderplatz: 18 Minuten mit einmal Umsteigen

Und dann begann mein Freund zu renovieren. Eigentlich hörte er, solange wir zusammen waren, damit nicht mehr auf. Ich pendelte zwischen den Städten, lernte, wie man den Badeofen mit Kohle beheizte, dass Außentemperatur in einer Wohnung in Ordnung war, wenn man die Stiefel wegen des Bauschutts ohnehin nie auszog. Der erste Adventskranz bestand aus einem Kohlenbrikett und einem Teelicht, dazu tranken wir, das weiß ich noch, Chrysanthementee in rauen Mengen.

Es war stickig, verraucht. Und behaglich

In der Wohnung schien das Berlin, das ich kannte, sehr weit fort zu sein. Möglich, dass wir uns absichtlich ausklinkten, es zumindest versuchten. Manchmal saßen wir unten im abgedunkelten Wohnzimmer des Hausmeisters, bei dem es immer Bier oder Schnaps und diverse Stammgäste gab, außerdem war es hier unten auf eine stickige und verrauchte Art behaglich.

Stieg man im U-Bahnhof Neukölln in die Bahn, katapultierte sie einen in Windeseile ins andere Berlin. So kam es mir damals vor. Als gäbe es zwischen der Wohnung und dem Berlin, in dem ich meine Freund*innen traf oder versuchte, einen Nebenjob zu finden oder ein Café, in dem es sich gut schreiben ließ, keinen Übergang. Als wäre die U-Bahnfahrt die einzige Verbindung und die Station eine Art Schleuse.

Die Beziehung ging, Neukölln aber blieb bei mir. Heute ist die Gegend rund um den U-Bahnhof genauso teuer wie der Rest des Viertels, sie wurde verschluckt und eingemeindet, und vielleicht war sie das auch damals schon, und mein Blick einfach noch ein anderer; einer, der sich nicht auskannte. Letztens kam ich durch die Straße, das Haus wurde knochenweiß gestrichen und wartet in tadellosem Zustand auf neue Mieter*innen. Aber durch die hinabgezogenen Jalousien atmet einen die Erdgeschosswohnung immer noch so dämmrig-duster an; auf eine Art ist das sehr tröstlich.

Laura Lichtblau

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