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Das Vorleben. Erich Mielke, der einstige Hausherr, hatte seinen Schreibtisch im zweiten Stock des Gebäudes Nummer 1.

© Mike Wolff

Stasi-Zentrale in Lichtenberg: Die Nachmieter des Erich Mielke

Nachts wird es gespenstisch still auf dem gigantischen Stasi-Areal in Lichtenberg, kein urbanes Leben will sich hier entwickeln. Was soll nun werden aus der Geisterstadt?

Von Andreas Austilat

Es ist keineswegs allein die Kälte, die Christian Booß gerade die Röte ins Gesicht treibt. Es ist die Aussicht von seinem Balkon im obersten Geschoss eines siebenstöckigen Hauses in Lichtenberg. Nicht irgendeines Hauses: Auf den Plänen der Stasi war das hier die Nummer 1, der Mittelpunkt einer einst hochgeheimen Anlage.

Fünf Etagen weiter unten hatte Erich Mielke sein Büro, genauer, seine Etage. Mielke, der Minister für die Staatssicherheit, war einer der mächtigsten Männer der DDR. Zu ihren größten Zeiten beschäftigte die Stasi allein 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter, dazu noch einmal doppelt so viele inoffizielle. Gemessen an der Zahl der zu Überwachenden war es der größte Geheimdienst weltweit.

Wenn irgendjemand in der DDR die Möglichkeit hatte, es sich ein bisschen nett zu machen, dann ja wohl die Stasi. Doch der Blick von hier oben fällt auf hochaufragende Plattenbauten, alte Mietshäuser, Behördenbauten im Nachstalinstil, Werkstätten, alles scheinbar planlos neben- und durcheinander gefügt. Das gesamte Ensemble der einstigen Stasi-Stadt zwischen Frankfurter Allee, Ruschestraße, Normannenstraße und Magdalenenstraße umfasst 7,3 Hektar, auf dem rund 180 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche versammelt sind. Noch Ende der 90er-Jahre soll das etwa zehn Prozent der gesamten Bürofläche Berlins entsprochen haben.

Geheimhaltung ging vor Ästhetik

Wichtigstes Kriterium beim Bau war nicht die Ästhetik, sondern die Geheimhaltung. So ist der 13-stöckige Waschbetonriegel vorn an der Ruschestraße vor allem deshalb so hoch geworden, um neugierigen Blicken die Aussicht ins Innere des Geländes zu verwehren. „Aber warum“, fragt Booß sichtlich verärgert, „sieht das heute, 27 Jahre nach dem Sturm auf die Normannenstraße, immer noch so trist aus?“ Warum dominiert da unten grauer Asphalt, sind 90 Prozent der Fläche versiegelt, stehen bestimmt 60 000 der 180000 Quadratmeter leer? Ein architektonischer Schandfleck sei das. Endlich müsse doch auch urbanes Leben einziehen. Tatsächlich wird es nach Einbruch der Dunkelheit sehr still auf dem Gelände, und nur aus wenigen Fenstern fällt Licht. Als ob, sagt Booß, der Geist von Erich Mielke immer noch über dem Gelände liegt.

Booß ist Vorsitzender des Vereins „Bürgerkomitee 15. Januar“ und hat sein Büro hier in der siebten Etage. Sein Verein beschäftigt sich mit der DDR-Geschichte. Ein magisches Datum dieser Geschichte, das unmittelbar wie wenige andere mit diesem Ort zu tun hat, jährt sich nun bereits zum 27. Mal: Am 15. Januar 1990 öffnete sich eines von drei Toren zur hermetisch abgeriegelten Stasi-Stadt. Das Neue Forum, eine jener Bürgerbewegungen, die sich während der friedlichen Revolution gründeten, hatte zur Demonstration aufgerufen. Durften Unbefugte all die Jahre zuvor weder in die Magdalenen- noch in die Ruschestraße abbiegen, war die Fahrbahn der Normannenstraße im Norden sogar komplett gesperrt, ereignete sich an diesem Tag, was bis heute oft „Sturm auf die Stasi-Zentrale“ genannt wird.

Wer sich der einstigen Stasi-Stadt heute nähert, wer verstehen will, warum Christian Booß derart erbost ist über die triste Gegenwart des Geländes, kommt an der Vergangenheit nicht vorbei. Am 15. Januar 1990 war die Stimmung angespannt: Die Sorge, die Staatssicherheit könnte die von ihr gehorteten Akten vernichten oder an einen anderen, noch geheimeren Ort bringen, war seinerzeit so präsent wie begründet. Tatsächlich hatte Erich Mielke bereits am 6. November 1989, also noch vor dem Mauerfall, eine entsprechende Order gegeben. In den Bezirken der DDR, zuallererst bereits am 4. Dezember in Erfurt, hatten Bürger zum Sturm auf die Bezirksverwaltungen aufgerufen, um genau das zu verhindern. Nur in der Berliner Zentrale hatte sich noch keiner auf das riesige Gelände der Stasi gewagt, die seit dem 18. November Amt für Nationale Sicherheit hieß und von Bürgerrechtlern als Nasi bespöttelt wurde.

Roland Jahn stürmte mit

Unter den Tausenden, die schließlich am 15. Januar durch das Tor in der Ruschestraße drängten, war auch Roland Jahn, heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Jahn war 1983 aus der DDR ausgebürgert worden, nachdem der Mitbegründer der „Friedensgemeinschaft Jena“ in der Haft gezwungen worden war, einen Ausreiseantrag zu stellen. Man wollte ihn loswerden. Jetzt war er wieder da.

„Ich bin mit dem Strom mit“, erinnert er sich heute. Wut habe er keine empfunden, eher ein Gefühl der Genugtuung. Andere waren weniger friedlich: Ihr Zorn entlud sich vor allem in Haus 18, dem langgezogenen Gebäude an der Normannenstraße, dessen einst aus Belgien importierte bronzefarbene Fenster heute, mit Graffiti beschmiert, von verschlissenen Planen verborgen werden. Damals war das hier eine Art Shopping-Mall mit Kongressbereich, „da gab es Waren, die man aus normalen Geschäften nicht kannte“, sagt Jahn, der sich trotzdem bis heute nicht recht erklären kann, wieso die Menschen ausgerechnet in diese Richtung strömten, und nicht etwa zu den Akten-Archiven oder zu Mielkes Zentrale.

Diese letztere Richtung schlug am Abend des 15. Januar 1990 Carlo Jordan ein. Jordan war damals Sprecher der Grünen am Runden Tisch in Schloss Schönhausen, wo Vertreter der Regierung Modrow und Bürgerrechtler den Nachlass des SED-Regimes regelten. Jetzt trieb ihn die Sorge, dass mit dem Sturm auf das Stasi-Hauptquartier die bislang friedliche Revolution doch noch eskalieren könne. „Immerhin wussten wir aus den vorliegenden Akten, wie viele Waffen dort lagerten.“

Besuch beim Stasichef

Als der damals 38-jährige Jordan in der Ruschestraße eintraf, wandte er sich gemeinsam mit Wolfgang Templin, Mitbegründer der Jenaer „Initiative Frieden und Menschenrechte“, dem Haus Nummer 1 zu. Mielkes Amtsräume in der zweiten Etage fanden die beiden versiegelt vor. Im dritten Stock trafen sie auf Generalmajor Heinz Engelhardt, der am gleichen Tag von Ministerpräsident Hans Modrow mit der Abwicklung der Stasi beauftragt worden war. Heute befindet sich das Stasi-Museum im ehemaligen Haus 1, in einem kurzen Filmausschnitt kann man dort das Aufeinandertreffen der drei verfolgen.

Engelhardt ist darin sichtlich verunsichert über die jähe Öffentlichkeit an diesem vor Kurzem noch so geheimen Ort. Auf die Frage, wie viele Kellerräume es hier gebe, sagt er: „Ich bin erst seit drei Wochen im Amt.“ Angesichts der Weitläufigkeit des Areals dürfte die Behauptung, er kenne gar nicht alle Räume, sogar gestimmt haben.

Diese Unübersichtlichkeit des Geländes ermöglichte es der Stasi, dort auch nach dem 15. Januar 1990 noch Akten verschwinden zu lassen. Auch um das zu verhindern, wurde das „Bürgerkomitee 15. Januar“ gegründet – nur dem Namen nach identisch mit Christian Booß’ Verein. Doch diese Aufgabe war kaum lösbar, wie Jörg Drieselmann, Leiter des Stasi-Museums, heute sagt: „Das waren eigentlich nicht mehr als 45 Leute.“ Und wie hätte diese vergleichsweise kleine Gruppe 180 000 Quadratmeter mit ihren verborgenen Kellern und verschwiegenen Katakomben, zu denen auch heute nur wenige Eingeweihte Zutritt haben, überwachen sollen? Vor allem in Haus 15, dem gewaltigen Waschbetonriegel an der Ruschestraße, in dem die Hauptabteilung Aufklärung (HVA), der Auslandsgeheimdienst der DDR, seinen Sitz und deren einstiger Chef Markus Wolf bis 1986 sein Büro hatte, ging das Vernichtungswerk weiter.

Hungerstreik für die Akten

Am 4. September 1990 besetzten Bürgerrechtler das Gebäude erneut und traten in den Hungerstreik – für mehr als drei Wochen, bis klar war, der Verbleib der Akten, die zwischenzeitlich gar in den Westen transportiert werden sollten, würde im Einigungsvertrag geregelt. Im Juni hatte die Volkskammer der noch existierenden DDR einen Sonderausschuss zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit unter Leitung von Joachim Gauck beschlossen. Mit der Vereinigung am 3. Oktober wurde daraus die Bundesbehörde für die Unterlagen der Staatssicherheit und Gauck ihr erster Chef.

Damit war die Frage der Akten geklärt. Unklar blieb, was mit den Immobilien zu geschehen habe. Grundstücke und Gebäude, bei denen im Grundbuch der Staat stand, fielen an die Treuhand. Wo eine Gebietskörperschaft eingetragen war, fiel das Objekt an die Stadt Berlin. Noch im Sommer 1990 gründete sich die Astak, die antistalinistische Aktion, und eröffnete im gleichen Jahr eine erste Gedenkausstellung in Mielkes Haus. Die Treuhand übergab das Gebäude dem Land Berlin, mit der Auflage, die Verbände im Haus sollten mietkostenfrei arbeiten können. Später übernahm der Bund.

Mielkes Frühstücksarrangement

Anders als früher ist es heute leicht, auf das Gelände vorzudringen – auch wenn der Zugang von der Frankfurter Allee vergleichsweise schmal und wenig repräsentativ ist. Rund 100 000 Besucher finden jedes Jahr den Weg ins Stasi-Museum, das die Astak bis heute in Haus 1 betreibt. Mielkes Zimmerflucht in der zweiten Etage ist eine der Hauptattraktionen. Zu den Büros gehört auch ein kleiner Wohnbereich, in dem ihm seine Sekretärin das Frühstück servierte – Eierbecher links, Salz rechts, die Serviette zum Dreieck gefaltet, wie es in einer ebenfalls einsehbaren Anweisung heißt.

Auf drei Etagen erzählt das Museum die Geschichte der Repression. Die Schnüffelei war allumfassend, allein 1988 wurden zwölf Millionen Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt, und zwar egal, ob jemand an einer Kreuzfahrt teilnehmen wollte oder den Pilotenschein für ein Agrarflugzeug beantragte. Pakete wurden geöffnet, Telefone abgehört, Kameras installiert. Es wurde denunziert, auch „Fake News“ gab es schon: Zu den vergleichsweise harmlosen Tricks gehörte es, einen unbescholtenen Bürger als Kunden eines westdeutschen Sex-Versands zu kompromittieren.

Die Akte Honecker im roten Koffer

Das Nachleben. Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, wacht über die Akten, die nach der Wende zurückblieben.

© Mike Wolff

Die Bespitzelung richtete sich jedoch nicht nur gegen die Bürger und das angeblich feindliche Ausland, sondern auch gegen die eigenen Leute. In einer Vitrine steht heute ein roter Kunstlederkoffer, darin die Akte Honecker, die belastendes Material gegen den eigenen Staatsratsvorsitzenden enthält – vielleicht so etwas wie Mielkes Absicherung, falls er selbst einmal ins Visier geraten sollte.

Das benachbarte Haus 7 übernahm der Bund, ebenso die angrenzenden Häuser 8, 9 und 11. Seit 1992 werden sie von der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen genutzt. Gelegentlich gibt es Führungen, der Einblick ist imposant. Obwohl viele Unterlagen in den Jahren 1989 und 1990 zerstört wurden, lagern dort bis heute riesige Bestände: Dazu gehören etwa die Hälfte der gesamten erhaltenen laufenden 111 Kilometer Stasi-Akten – der Rest befindet sich in den zwölf Außenstellen. Dazu kommen 47 Kilometer verfilmtes Schriftgut, 1,7 Millionen Fotos, Negative und Dias, 31 000 Film-, Video- und Tonbanddokumente sowie ein Teil der 15 500 Säcke mit zerrissenem Material. Rund anderthalb Millionen Seiten konnten bislang rekonstruiert werden.

Campus für Demokratie

Die Sanierung der Archivgebäude dauert noch an, weshalb bis heute Planen die Fassaden verdecken. Die erforderlichen Mittel wurden erst im Jahr 2009 mit dem Konjunkturpaket II zur Überwindung der Finanzkrise bereitgestellt. Warum die Arbeiten so lange dauern, vermag nicht einmal Roland Jahn zu sagen, seit 2011 im Amt und im vergangenen Jahr für weitere fünf Jahre gewählter Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Seit seinem Amtsantritt verfolgt Jahn hier die Idee eines „Campus für Demokratie“. Gerade an einem Ort, der derart massiv an Zeiten der Repression erinnert, soll nach seinem Wunsch über die Mechanismen der Unterdrückung aufgeklärt werden. Und es gibt den erklärten Willen des Bundes und des Landes, zuletzt in der Berliner Koalitionsvereinbarung bestätigt, diesen Campus auch tatsächlich zu entwickeln. Dabei würden sich, so Jahn, mindestens drei Institutionen ergänzen: das Stasi-Museum, das Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde und neuerdings die Robert-Havemann-Gesellschaft, die auf einem Freigelände vor dem Museum in einer Open-Air-Ausstellung erzählt, wie die Diktatur 1989 in der friedlichen Revolution überwunden wurde. Der gegenwärtige Stand der Planung sieht vor, dass die Havemann-Gesellschaft in Haus 7 einzieht, zumal sie ihre Räume in Prenzlauer Berg zu verlieren droht. Damit wäre hier nicht nur das Archiv mit den Akten der Unterdrücker untergebracht, sondern auch jenes mit den Akten der Opposition. Tom Sello, Sprecher der Havemann-Gesellschaft, geht davon aus, dass es damit jedoch bis 2020 dauern könnte.

Dann wird man auch wissen, wie die Zukunft des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen aussieht. Der Bundestag beauftragte im vergangenen Juni das Bundesarchiv und die Unterlagenbehörde, ein Konzept für die dauerhafte Sicherung der Stasi-Bestände zu erstellen. Das würde nach Jahns Ansicht aber nicht bedeuten, dass die Akten ins Bundesarchiv nach Lichterfelde kämen. Im Gegenteil, er hält es für denkbar, dass das Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR aus Lichterfelde hierher überführt werden könnte.

Die neuen Mieter

Das Hauptproblem des Areals wäre aber damit immer noch nicht gelöst: Selbst die gemeinsame Sache dreier Institutionen könnte untergehen, wenn das Drumherum weiter so trostlos bis chaotisch bleibt. Dazu führt auch, dass sich die Besitzverhältnisse seit der Wiedervereinigung denkbar unterschiedlich entwickelt haben. Eher selten sind dabei einfache Geschichten wie die von Haus 2 an der Ecke Normannen- / Magdalenenstraße, das bereits 1930 als Finanzamt errichtet worden war und nach seiner Zeit als Sitz für die Stasi-Abteilungen Spionageabwehr, internationale Beziehungen und Bewaffnung einfach wieder Finanzamt wurde. Komplizierter war bereits die Geschichte der Häuser 3 und 4, Zentraler Operationsstab sowie zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe, die ebenfalls dem Land Berlin zufielen. Die beiden Gebäude standen lange leer, bis der Berliner Liegenschaftsfonds doch noch Käufer fand. Beide sind heute bewohnt.

In Haus 5 betreibt schon seit Jahren ein sozialer Träger eine Wohneinrichtung für Jugendliche. Damit sind diese drei Gebäude in der Magdalenenstraße die einzigen auf dem Areal, die heute für Wohnzwecke genutzt werden. Doch bereits Haus 6, das wie Haus 5 einst ebenfalls der Spionageabwehr zur Verfügung stand, ist ungenutzt und befindet sich in einem desolaten Zustand.

In den Häusern entlang der gesamten Front zur Frankfurter Allee, auf dem alten Stasi-Plan als 12, 13 und 14 bezeichnet – seinerzeit wurden hier zum Beispiel Ausreiseanträge begutachtet – zogen zunächst Außenstellen des Bezirksamts ein, bis 2009 deren neue Quartiere fertig wurden. Heute sind die Türen verrammelt, nur vereinzelt sieht man im mittleren der drei Gebäude Licht brennen. Es sollen sich dort ein paar Tonstudios befinden. Der größte Teil aber steht seit sieben Jahren leer. Gegenwärtig laufen Sanierungsarbeiten. Birgit Möhring, Geschäftsführerin der Berliner Immobilienmanagement, einer Gesellschaft des Landes, bestätigt, dass man dabei sei, die Gebäude für eine spätere Nutzung herzurichten. Über die Art der Nutzung sei noch nicht entschieden, nur, dass sie für Wohnzwecke nicht infrage kämen. Verkaufen würde man nur an den Bund, wenn der denn wolle. Roland Jahn würde hier gerne die Lichterfelder Archivbestände der Parteien und Massenorganisationen der DDR unterbringen.

Die Bahn kommt

Der größte Akteur auf dem Gelände wurde nach der Wiedervereinigung die Reichsbahn: Sie übernahm 46 Prozent des Gesamtbestands, so die Hochhäuser mit der Ziffer 15, in der die Hauptverwaltung Aufklärung ihren Sitz hatte. Außerdem die angrenzenden Bauten 16, 17 und 21 sowie Haus 18, die einstige Stasi-Shoppingmall, und die ehemalige Offizierskantine in Haus 22, auch Feldherrenhügel genannt, weil das Haus etwas erhöht auf einem alten Munitionsbunker steht, sowie die Gebäude 26, 25 und 10, in denen unter anderem die Haustechnik untergebracht war. Die Stasi war seinerzeit unabhängig von den Versorgungsbetrieben außerhalb der Zentrale.

1993 ging es mit der Reichsbahn zu Ende, und die Deutsche Bahn übernahm. Seitdem gab es immer wieder Versuche, einzelne Gebäude aus dem Konvolut herauszulösen. Haus 18 zum Beispiel wurde temporär genutzt, zweimal im Jahr fand eine Modemesse statt. Das einstige Stasi-Versorgungszentrum hätte ein Kino werden können – der Saal ist ja noch da –, ein Ort für Künstlerateliers oder ein Club. Alles Pläne, die Jahn ausdrücklich befürwortet.

Die letzte Party endete tragisch

Die Wende. Am 15. Januar 1990, zwei Monate nach dem Mauerfall, stürmten Demonstranten den Sitz des verhassten Geheimdienstes.

© imago/Rolf Zöllner

Doch es kam nie zu einer Einigung, das Gebäudekonvolut blieb zusammen. Die Bahn tat sich schwer mit der Vermarktung, nicht zuletzt, weil beim Bau der Häuser ökonomische oder energetische Belange keine Rolle gespielt hatten, weshalb die Bewirtschaftung heute teuer käme. Und so ging die Entwicklung im Bezirk an diesem so lange schon abgeschnittenen Ort vorbei. 2010 schließlich wurde die Stasi-Stadt als Sanierungsinsel in die Pläne von Stattbau einbezogen, die Gesellschaft von der öffentlichen Hand mit dem „Stadtumbau Frankfurter Allee Nord“ beauftragt. Studenten, Architekten und Stadtplaner entwarfen Lösungen, am Ende wurde ein Konzept favorisiert, das einen weitgehenden Erhalt des Bestandes vorsah. Nebengebäude aber sollten abgerissen, Freiflächen entsiegelt werden. Wohnraum war nicht geplant, die lokale Infrastruktur wäre damit überfordert, es fehlte und fehlen Schulen und Kindergärten. Stattdessen sollte Gewerbe und Kultur einziehen.

Ein überraschender Deal

Heute wird das HVA-Haus 15 an der Ecke Frankfurter Allee / Ruschestraße noch immer vom Bahn-Signet gekrönt, nur dass es jetzt unter einer grauen Plane verschwunden ist. Denn mitten in die Pläne der Stattbau platzte eine Überraschung: Im März 2011 verkaufte die Deutsche Bahn ihren gesamten Besitz in der Stasi-Stadt an die Aris, eine Immobilienfirma, geführt von einem Berliner Abrissunternehmer – und zwar wenige Tage, bevor das Areal Sanierungsgebiet wurde, danach hätte der Deal gar nicht mehr in dieser Form stattfinden können. Über den Preis bewahrt der Käufer Stillschweigen. Aus verschiedenen Quellen heißt es, es habe sich um einen Euro gehandelt. Auf die Frage, warum sie denn das Gelände so preiswert abgegeben habe, schreibt die Bahn, dazu könne sie leider keine Mitteilung machen, „da der Vorgang schon sechs Jahre zurückliegt und für die DB abgeschlossen ist“.

Seitdem, seit 2011, geschah auf dem einstigen Bahn- und jetzigen Aris-Besitz so gut wie nichts mehr. Gelegentlich veranstaltete der temporäre Club Rabumms in Haus 18 Partys. Eine endete im Januar 2014 tragisch, als ein junger Mann ins Treppenhaus stürzte und starb. Heute ist das Gebäude verschlossen und wirkt von außen desolat. Sven Kubal, Geschäftsführer der Berliner Gesellschaft für Vermögensverwaltung, die die Immobilie für die Aris betreut, erklärt auf Anfrage, es gebe derzeit keine Verhandlungen über eine Nutzung.

Haus 22, die alte Offizierskantine, ist die einzige Ausnahme im allgemeinen Stillstand. Der Bund erwarb im März 2016 den „Feldherrenhügel“ im Zentrum des Areals einschließlich des Freigeländes davor. Für Roland Jahn war das ein Erfolg. Der Bau mit seinem Kongresssaal könnte zum Herzstück des Campus für Demokratie werden, ohne das Freigelände hätte es auch keine Ausstellung der Havemann-Gesellschaft gegeben. Für die Aris dürfte es auch ein Glückstag gewesen sein. Zwar wird über den Kaufpreis Stillschweigen bewahrt, aber man munkelt, es habe sich um anderthalb Millionen Euro gehandelt.

Das sehr viel größere Haus 15 blieb indes ungenutzt – bis es im November 2015 auf Grundlage des Allgemeinen Gesetzes zum Schutz von Sicherheit und Ordnung in Berlin (Asog) beschlagnahmt wurde. Das Deutsche Rote Kreuz richtete hier eine Notunterkunft für 1300 Flüchtlinge ein. Nachts sieht man an den Lichtern, dass immer noch kaum ein Drittel des Komplexes belegt ist. Für die Aris war die Beschlagnahme kein schlechtes Geschäft. Ohne investieren zu müssen, bezieht sie nun Miete für das bislang leerstehende Gebäude. Wie viel, mag Sven Kubal nicht sagen. Bei den geltenden Tagessätzen pro Bewohner dürften es grob geschätzt mindestens 360 000 Euro im Monat sein.

Im Büro von Markus Wolf

Drinnen bestätigt sich der Eindruck, dass weite Teile des Gebäudes ungenutzt sind, darunter der gesamte Flügel, der ins Innere des Geländes weist. Hier hatte Markus Wolf sein Quartier, in Zimmer 982 des neunten Stocks. Das Büro ist groß, größer als das von Mielke, aber vollkommen leer. Die Scheiben des Barschranks sind kaputt, der Stahlschrank für die Akten trägt noch das Signet vom VEB Haldensleben. Rüdiger Kunz, Sprecher beim DRK, das das Haus bewirtschaftet, träumt davon, hier einmal eine Kita für die Flüchtlingskinder einzurichten, Platz genug zum Herumtollen wäre ja. Doch dazu müsste ein dauerhafter Vertrag geschlossen und das bisherige Notquartier in eine Gemeinschaftsunterkunft umgewandelt werden. Voraussetzung wären Sanitärräume und Küchen, deren Einbau das Land Berlin bezahlen müsste.

Im zweiten, dritten und vierten Stock sind die Räume nicht ganz so leer. Da liegen Akten, achtlos auf dem Boden verteilt, so wie man es von alten Bildern nach dem Sturm auf die Stasi-Verwaltungen kennt. Natürlich sind es keine Stasi-Akten, sondern Unterlagen der Bahn, zum Beispiel Elektrifizierungspläne der Strecke Leipzig-Dresden, Kopien von Kreditkarten aus dem Fuhrpark, Strafzettel, Korrespondenzen. Die älteren stammen aus den frühen 2000er Jahren, die neuesten vom Oktober 2010. Einmal mehr sieht es nach überstürztem Auszug aus.

Gegenseitige Blockade

Birgit Möhring, Geschäftsführerin der Berliner Immobilienmanagement, führt für das Land Berlin die Verhandlungen mit der Aris. Die gegenwärtige Nutzung als Flüchtlingsnotunterkunft ist befristet, sie muss alle paar Monate verlängert werden. Ungefähr im April läuft die nächste Frist ab. Frau Möhring zufolge würde das Land nur investieren und damit eine dauerhafte Nutzung als Gemeinschaftsunterkunft ermöglichen, wenn die Aris ein Ankaufsrecht einräumt. Ansonsten würde man das Haus räumen.

Sven Kubal entgegnet für die Aris, seine Gesellschaft habe das Gebäude ja nicht weiter entwickeln können, solange die Flüchtlinge darin lebten. Ein Ankaufsrecht würde man der Stadt auf keinen Fall gewähren. Stattdessen rechne man damit, dass die Notunterkunft noch in diesem Jahr geräumt werde. Und man dann die eigenen Pläne wieder verfolge – was bedeutet, dass die ehemalige Geheimdienstimmobilie zu 60 Prozent in Wohnungen und zu 40 Prozent in Gewerbe umgewandelt würde. Wenn denn mal irgendetwas passierte.

Diese Vorhaben wären freilich nach dem gegenwärtig geltenden Sanierungsrahmenplan gar nicht genehmigungsfähig. Ohne Zustimmung des Bezirks und des Landes läuft demnach nichts. Ohne die der Aris, die auch zwei von drei Zufahrten auf das Gelände besitzt, geht allerdings auch nicht viel. Die Pattsituation, die nun ins sechste Jahr geht, bleibt bis auf Weiteres bestehen.

Es sieht also so aus, als ob sich vor Christian Booß’ Balkon so bald nicht viel verändern wird.

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