„Die Not ist groß“ : Studierende finden kaum bezahlbaren Wohnraum in Berlin

Vor vier Jahren versprach der Senat 5000 neue Wohnplätze – nicht einmal ein Drittel ist fertig. Bald beginnt das Wintersemester und die Wohnungsnot wächst.

Der Turm des Studierendenwerks in der Mollwitzstraße in Charlottenburg.
Der Turm des Studierendenwerks in der Mollwitzstraße in Charlottenburg.Foto: Thilo Rückeis

„Die Not ist groß“, sagt Steffen Krach. Wer ab dem Wintersemester in Berlin studieren will, hat große Probleme, eine bezahlbare Wohnung oder wenigstens einen brauchbaren Schlafplatz zu finden.

Der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung unternimmt deshalb gar nicht erst den Versuch, die Lage schönzureden. Die Versorgung der Stadt mit Wohnraum für Studierende sei „absolut nicht zufriedenstellend“, sagte er am Montag dem Tagesspiegel. Von Oktober bis Dezember sei die Situation für die jungen Menschen besonders prekär.

Das gilt nicht nur für die Suche nach den eigenen vier Wänden auf dem normalen Wohnungsmarkt, sondern auch für das Angebot des Studierendenwerks. Wer dort momentan eine Bude mit Gemeinschaftsküche und –bad sucht, muss mit einer Wartezeit von zwei bis drei Semestern rechnen, bei einer Monatsmiete zwischen 140 und 459 Euro.

Auch bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die einige Wohnungen für Studierende und Auszubildende vorhalten, ist derzeit nichts zu haben. Gleiches gilt für die landeseigene Berlinovo, die seit zwei Jahren Studierendenapartments vermietet. Alles ist momentan ausgebucht.

Die Zeiten, in denen Berlin gegenüber anderen Uni-Städten den großen Vorteil günstiger Lebenshaltungskosten hatte, sind lange vorbei. Das gilt auch für den Wohnungsmarkt. Im Durchschnitt zahlen Studierende in der Hauptstadt laut externen Untersuchungen etwa 400 Euro für ihre Unterkunft – falls eine Wohnung gefunden wird. Dass dies so schwierig geworden ist, liegt auch an den Versäumnissen der Berliner Regierungspolitik.

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Im Juli 2015 hatte der damals rot-schwarze Senat beschlossen, innerhalb von fünf Jahren zusätzlich 5000 Wohnungen für Studierende zu schaffen. Von diesem Ziel ist man aber weit entfernt. Bis zum Ende dieses Jahres ist mit insgesamt 1438 Wohnungen nicht einmal ein Drittel des Programms realisiert.

Die Zimmer im neuen Wohnheim in der Mollwitzstraße sind hell, modern – und heiß begehrt.
Die Zimmer im neuen Wohnheim in der Mollwitzstraße sind hell, modern – und heiß begehrt.Foto: Thilo Rückeis

Davon entfallen auf die kommunalen Wohnungsunternehmen 679 Wohnungen, auf das landeseigene Immobilienunternehmen Berlinovo 623 und auf das Studierendenwerk 136 Wohnungen. Laut einem aktuellen Bericht der Wissenschaftsverwaltung des Senats an das Abgeordnetenhaus werden alle versprochenen 5000 neuen Wohnungen für Studierende frühestens 2022 zur Verfügung stehen.

Angesichts dieser schlechten Bilanz trafen sich die Senatsverwaltungen für Wissenschaft, Finanzen, Stadtentwicklung und Soziales am vergangenen Mittwoch mit den öffentlichen Immobilienunternehmen zu einer „Strategie-Runde“, um schneller voranzukommen.

Studierende sollen in Wohncontainern untergebracht werden

Dabei kündigten die Wohnungsbaugesellschaften an, dass sie künftig mindestens sechs Prozent der Wohnungen in ihren Neubauprojekten an Studierende vermieten wollen. Das entspricht ungefähr deren Anteil an der Berliner Bevölkerung. „Eine gute Initiative“, lobte Staatssekretär Krach. Die Wohnungsunternehmen rechnen noch aus, was das in Zahlen bedeutet. Außerdem gibt es offenbar Überlegungen, Wohncontainer für Geflüchtete, sogenannte Tempohomes, schneller als geplant auch an Studierende zu vergeben. Eine Forderung des Studierendenwerks, die von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) im vergangenen Jahr noch sehr skeptisch gesehen wurde.

Vorerst aber sind die Erfolgsmeldungen rar. So zogen im April die ersten Studierenden in zwei Neubauten der Gewobag in der Amrumer Straße in Wedding ein. Im Juni eröffnete das Studierendenwerk im Wohnheim in der Charlottenburger Mollwitzstraße neue Häuser mit insgesamt 86 Zimmern. Und im Oktober wird ein Neubau mit 50 Heimplätzen im Dauerwaldweg fertig, ebenfalls im Ortsteil Charlottenburg. Die Warteliste des Studierendenwerks, auf der aktuell 3985 junge Menschen stehen, wird dadurch aber nicht merklich kürzer.

„Wir wissen aus Erfahrung, dass diese Zahl über den September hinaus noch stark ansteigen wird“, so die Sprecherin des Studierendenwerks, Jana Judisch. Außerdem fallen seit Ende August mit der Schließung des Wohnheims Hafenplatz in Kreuzberg 436 Heimplätze weg. Seitdem können nur noch 9158 Plätze angeboten werden, die derzeit komplett belegt sind.

Einige Jahre konnte das Studierendenwerk gar nicht neu bauen, weil es keine Kredite aufnehmen durfte. Das ändert sich jetzt, die landeseigene Investitionsbank (IBB) leiht für künftige Heimprojekte das nötige Geld. So liegt für ein Neubauprojekt im Aristoteles-Steig in Treptow ein Kreditangebot der IBB vor, doch unter Konditionen, die ohne Landeszuschüsse nicht tragbar wären. Solche Investitionshilfen sind aber nicht in Sicht.

Studierendenwerk empfiehlt Wohnungen in städtischer Randlage

Die städtische Howoge will das Wohndorf für Studierende in der Treptower Eichbuschallee bis zum Jahresende um 369 Plätze erweitern. Die gut ausgestatteten Apartments sind mit 455 Euro warm allerdings nicht für jeden erschwinglich. Ebenfalls in Treptow, in der Ortolfstraße, baut die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land bis Dezember 61 neue Wohnplätze für Studierende. Wobei die städtischen Unternehmen aus juristischen Gründen die Mietverträge nur unter speziellen Voraussetzungen auf den Studienzeitraum begrenzen dürfen.

Die Berlinovo vermietet knapp 500 Apartments an Studierende in der Storkower Straße in Lichtenberg und der Gotthardstraße in Reinickendorf. Bis Jahresende soll das Angebot um 138 Apartments in der Friedenhorster Straße in Lichtenberg erweitert werden. Ansonsten bleibt den Studierenden nur der private Wohnungsmarkt. Als kleine Lebenshilfe rät das Studierendenwerk, lieber in den städtischen Randlagen zu suchen. „Dort ist die Lage häufig nicht ganz so aussichtslos“, so die Sprecherin Judisch.

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