Diskussion zur AfD gesprengt : Einer provoziert, einer filmt - alle anderen machtlos

Lea Rosh hatte in Berlin zu einer Podiumsdiskussion über die AfD eingeladen. Erst wurde es laut, dann turbulent, schließlich musste die Veranstaltung abgebrochen werden.

Eine Deutschlandflagge beim Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Hannover.
Eine Deutschlandflagge beim Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Hannover.Foto: Hauke Christian Dittrich/dpa

Am Ende, gegen 22 Uhr, standen acht Polizisten im Eingangsbereich des Bürgeramtes Charlottenburg-Wilmersdorf und nahmen die Personalien auf. Es war Anzeige erstattet worden wegen Hausfriedensbruch. Lange danach noch bebten viele Herzen vor Zorn und Erregung. Es war gebrüllt und gerangelt worden an diesem Montagabend, der so ernst und sachlich begonnen hatte. Die meisten der knapp sechzig Zuhörer dürften eine solche Erfahrung zum ersten Mal gemacht haben.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatte Lea Rosh. Durch ihre Initiative war einst das Denkmal für die ermordeten Juden Europas entstanden, bis heute streitet sie gegen deutsche Geschichtsvergessenheit und rechte Umtriebe. Titel der Veranstaltung: „Wie gehen wir mit der AfD um? Diskutieren? Bekämpfen? Wie? Also wie?“

Auf dem Podium saß Martin Patzelt, Bundestagsabgeordneter der CDU, der Flüchtlinge aus Eritrea bei sich zu Hause aufnimmt und seinen Wahlkreis in Frankfurt (Oder) gegen Alexander Gauland von der AfD gewonnen hatte. „Wir werden sie nicht jagen – wir werden sie entzaubern“, sagte Patzelt über die AfD. Neben ihm Renate Künast von den Grünen, die in Berlin jeder kennt. „Die AfD, wenn sie im Bundestag sitzt, wird versuchen, unsere parlamentarische Demokratie zu zerstören“, sagte sie. Lea Rosh moderierte, der Autor dieser Zeilen war ebenfalls auf dem Podium.

Der Mann ging brüllend in Richtung Podium

Diskutiert wurde zunächst untereinander, dann kamen Fragen aus dem Publikum. Ein Mann mit Bart, etwa 35 Jahre alt, verteidigte das Programm der AfD. Nach und nach wurde er lauter und aggressiver. Dies sei Deutschland, sagte er, die Ausländer müssten raus. Schließlich stand er auf, ging brüllend in Richtung Podium und wedelte mit einem Buch herum, in dem rechtsnationale Embleme abgeheftet waren.

Einige Zuhörer – Berliner bürgerliches Milieu – standen auf, stellten sich dem Störer in den Weg und forderten ihn auf, die Veranstaltung zu verlassen. Der weigerte sich. Ein anderer Mann, der offenbar zu dem Provokateur gehörte, filmte das Geschehen die ganze Zeit mit einer Kamera. Lea Rosh ließ abstimmen: „Wer ist dafür, dass die beiden den Saal verlassen?“ Alle waren es. Der Mann lachte nur. Die Lage eskalierte, einer ging zu Boden, verletzt wurde zum Glück niemand.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Veranstaltungen gestört und sogar gesprengt werden“, bilanzierte Lea Rosh, das nächste Mal müsse die Polizei schneller gerufen werden. „Denn das ist deren Methode.“ Gut möglich, dass demnächst irgendwo ein Video auftaucht, in dem es höhnisch heißt: Seht her, so gehen Flüchtlingshelfer mit Andersdenkenden um. Gelassen bleiben in solchen Zeiten? Die Zumutungen mehren sich.

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