Drogenentzug in Brandenburg : Seine letzte Chance

Zuletzt wachte Carlos mit einer Überdosis in einer Klinik auf. Jetzt lebt er auf einem Bauernhof, ohne Wachleute und Gitter. Aber mit strengen Regeln.

Carlos braucht Disziplin, um das Jahr durchzuhalten.
Carlos braucht Disziplin, um das Jahr durchzuhalten.Foto: Thilo Rückeis

Patrick flucht, stöhnt, hat Kopfschmerzen. Der Rücken, die Arme, alles tut ihm weh. Dann diese heiße Sommersonne. So, als ob sie ihn bestrafen wolle. Überhaupt wollen ihn hier ja alle bestrafen. Warum sonst geben sie nur ihm die Aufgabe, diese Lehmerde von einer Ecke des Hofes in die andere zu karren? Zwei Wochen lang. Einen ganzen Berg. Er, alleine, nur mit einer Schubkarre, einer Schaufel und einem Stampfer. Dabei schießt ihm der Schweiß aus den Poren, läuft ihm in die Augen, in den Nacken, in die Arschritze. Doch mit dem Schweiß strömen auch die Drogen aus ihm raus, diese „ganze Chemie, die ich mir in die Fresse geballert habe“.

Während er schaufelt, schiebt und schleppt, denkt Patrick ans Aufgeben, einfach alles hinschmeißen und wieder ins Gefängnis zurück, in seine Einzelzelle. Da gibt es Zigaretten und Drogen und er hat seine Ruhe. Doch zum Glück ist da noch einer, auch ein Suchti, auch ein Knacki, der läuft neben ihm her, und immer wenn es am schlimmsten wird, wenn der Frust und die Wut in ihm aufbrodeln, sagt er: „Hör auf zu lamentieren. Hör auf, dich zu bemitleiden. Mach einfach.“

Der schwerste Kampf ihres Lebens

Und Patrick macht. Aber nicht einfach. Einfach gibt es hier nicht. Auf dem Gut Neuhof kurz hinter Berlin. Da, wo die Straßen immer schmaler werden, kleine Windsandhosen über die Felder taumeln und die vielen Windräder sich drehen und drehen, Tag und Nacht, ohne Pause. „Resozialisierung“ und „Suchthilfe“ heißt das, was die Männer hier durchstehen. Übersetzt bedeuten diese beiden Wörter, dass sie den schwersten Kampf vor sich haben, den sie in ihrem Leben führen werden. Den gegen sich selbst und gegen die erst lockende, dann fordernde und schließlich schreiende Stimme im Kopf: Noch ein Mal. Ein letztes Mal nur. Trinke, spritze, inhaliere, schniefe, schmeiß es dir rein. Nur noch ein Mal dieses Glück spüren, das dich durchdringt, das in dir drin glüht, heller als jede Sonne. Nur noch ein Mal. Bitte.

Sie sollen lernen, nicht auf die Stimme in ihrem Kopf zu hören

Es ist diese Stimme, die einen, Carlos heißt er, das Messer zücken ließ, um es der Kioskbesitzerin vor die Augen zu halten. Es ist die Stimme, die ihn später aus der Wohnung gehen ließ. Noch vor der Arbeit. Die Kinder schlafen, liegen im Bett, ein letzter Blick. Schnell zum Kottbusser Tor, ein Kügelchen in Alufolie kaufen. Feuerzeug, Löffel, Zitronensäure, Nadel, Vene. Und das, obwohl die Frau ihm gesagt hat, noch ein Mal und ich gehe.

Das ist die Stimme in Carlos, in Patrick und in den Köpfen der anderen. Auf Gut Neuhof sollen sie lernen, ihr nicht mehr zuzuhören, bis sie leiser wird und schließlich verstummt. Ein Jahr haben sie dafür. Sie: Das sind Carlos und Patrick und acht weitere Männer, zwischen 20 und 40 Jahren alt, süchtig. Viele mit Knasterfahrungen, wegen Raub, Körperverletzung, Drogenhandel, Einbruch. Zwei mit Psychosen und Medikamenteneinstellungen.

Wer hier ankommt, muss eine Liste unterschreiben. Darauf stehen die Regeln. Sie sind das Rückgrat des Hofes und helfen den Männern, stark zu bleiben, die Therapie nicht abzubrechen. Hier gibt es keine Wächter und kein Tor, das verschlossen wird, keine Kameras und keine elektronischen Fußfesseln. Wer sich an die Regeln hält, darf bleiben. Wer sie bricht, muss gehen. Da gibt es keine Diskussion.

Ein Jahr lang: keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Kein Internet. Kein Computer. Kein Smartphone. Keine Anrufe. Kein Bargeld. Briefe darf man schreiben und bekommen. Päckchen auch, die werden aber kontrolliert.

Das Gelände darf in den ersten drei Monaten gar nicht verlassen werden, außer es geht zum Arzt oder zum Therapeuten.

Gut Neuhof liegt im Havelland, in der Nähe von Nauen.
Gut Neuhof liegt im Havelland, in der Nähe von Nauen.Foto: Thilo Rückeis

Als Patrick vor drei Monaten hier aufschlug, hat er die Regelliste unterschrieben. Und als Patrick nach zwei Wochen mit seinem Lehmberg fast fertig war, kam Carlos aus Berlin dazu, unterschrieb ebenfalls die Liste und half Patrick mit dem letzten Rest. Völlig alleine hat Patrick das nämlich nicht gestemmt, wie er gerne erzählt.

Viel haben die beiden seitdem durchgemacht, jeder für sich, jeder in seiner eigenen Welt: Skepsis und Misstrauen, Wut und Resignation, Mut und Freude. Doch immer noch wissen sie nicht, ob sie es an diesem Ort aushalten werden. Sie sagen: „Jeden Tag stehe ich auf und jeden Tag entscheide mich aufs Neue, hierzubleiben.“

6 Uhr. Carlos rotiert. Er hat heute Frühstücksdienst. Immer ist ein anderer dran, und die Gänse müssen auch noch aus ihrem Gatter gelassen werden. Wer diese Schichten übernimmt, besprechen die Männer untereinander, das ist Teil eines Lernprozesses: Verantwortung übernehmen, aber auch abgeben, wenn etwas zu viel wird. Tee und Kaffee, Brote und Belag, Müsli und Milch stehen auf dem Tisch. Das Essen wird von der Tafel gespendet und ist seit einigen Tagen abgelaufen. Jetzt geht Carlos von Zimmer zu Zimmer, öffnet die Türen und ruft in die Dunkelheit hinein: „Aufwachen, Männer, bewegt eure Ärsche, geschminkt wird nachher.“

"Wenn ich noch einmal verkacke, ist es vorbei"

Bei Carlos weiß man, woran man ist. Grinst er, hebt er die Hand zu einer Ghettofaust, ist alles gut. Ist er wütend, grüblerisch und rät, dass man ihn in Ruhe lassen soll, dann tut man das besser auch. Carlos, 37 Jahre, aufgewachsen in der Lausitz, das vergangene Jahrzehnt in Berlin gelebt, dieser Carlos sagt: „Wenn ich jetzt noch einmal verkacke, ist es vorbei.“ Seine bisherige Bilanz: sechs Entgiftungen. Eine Langzeittherapie. 3,5 Jahre Maßregelvollzug. Betreutes Wohnen für Drogensüchtige. Und vor sechs Monaten ist er wieder einmal in einem Berliner Krankenhaus aufgewacht.

Heroin. Überdosis. Hirninfarkt und dennoch Glück gehabt. Auf jeden Fall mehr Glück als andere. Laut Statistik stirbt alle zwei Tage jemand an einer Überdosis in Berlin. Nur Carlos irgendwie nicht. Sechs Mal ist er bereits davongekommen. Und jetzt? „Mein Körper war clean. Mein Kopf aber nicht und ich hatte keine Wohnung mehr, keine Arbeit, keine Freundin.“ Doch da war ein letztes bisschen Wille in ihm. Also rappelte Carlos sich auf, ein Mal noch, und trat sie an, seine allerletzte Chance, die sie hier Rekuperation nennen, was Wiedergewinnung bedeutet.

Er hat Heroin gefunden. Im Mülleimer

6.30 Uhr. Alle Männer sitzen am Tisch. Zerknitterte Gesichter. Schweigen. Carlos und Patrick nebeneinander. Carlos, der so dicke Armmuskeln hat, dass sein T-Shirt spannt. Patrick mit seinem harten Gesicht, der 14 Jahre im Knast saß, der aber wie beiläufig Schiller und Morgenstern zitiert. Doch nicht jetzt, so früh am Morgen. Da starrt Patrick lieber auf die Müslipackung und entdeckt in den Körnern und Nüssen den Umriss einer Frau: „Schau mal“, sagt er und stößt Carlos an. „Das hier sind die Brüste. Das die Schenkel. Und hier, oh, das sag ich jetzt nicht.“ Dann muss Patrick noch eine Geschichte loswerden: wie er auf Entzug und ohne einen Euro in einem Mülleimer Heroin gefunden hat. „Das war ein Dealer-Bunker. Das habe ich geahnt. Also habe ich reingeschaut. In einer leeren Kondensmilchpackung waren viele Gramm versteckt, 6000 Euro muss das wert gewesen sein.“ – „Und hast du es bei der Polizei abgegeben“, fragt Carlos. Patrick prustet los: „Jackpot habe ich gedacht und mitgenommen habe ich es.“

Weiter links hockt René, der seine Kinder verlassen musste, der sein Restaurant aufgab, der von seiner Familie mit der Ansage hierhergebracht wurde: ‚Entweder du kriegst es auf die Reihe oder wir verstoßen dich‘. Ihm gegenüber kauert der klapperdürre Sven, dessen Haare an seinem Schädel kleben. Sven trank und trank und lebte zuletzt auf der Straße und im Wald rund um Falkensee. Ihn hat sein Vater hergebracht. Weiter hinten schaut der Eduard aus Berlin auf seinen Teller. Er hat mal geboxt, hätte fast sein Abitur geschafft, wenn er auf der Suche nach etwas, mit dem er sich stark und glücklich fühlen würde, nicht bei den Drogen hängen geblieben wäre. Dann ist da noch Adam, der in der JVA Berlin einsaß, und neben ihm Michael mit dem weißen Bart, einst begabter Dirigent.

Sie sitzen, keiner beginnt zu essen. Sie warten auf Pfarrer Franz. Es ist 6.31 Uhr, als er auftaucht. „Mensch Franz, was los, haste verpennt? Haste die Turnschuhe nicht gefunden? Haste dich beim Joggen verlaufen?“, frotzeln sie. Franz lächelt milde, setzt sich und spricht das Morgengebet. Kaum hat er geendet, grummelt Patrick über den Tisch. „Heut’ ist Mittwoch, wo ist das Nutella?“ Noch so eine Regel, Nutella gibt’s nur Mittwoch und Sonntag. Sonst wäre es leer gelöffelt, heimlich, auf dem Klo, kaum dass sie es aufgemacht hätten. Sucht und Maßlosigkeit liegen nah beieinander.

Pfarrer Franz begrüßt Konflikte zwischen seinen Schützlingen.
Pfarrer Franz begrüßt Konflikte zwischen seinen Schützlingen.Foto: Thilo Rückeis

Gegessen wird zusammen. Immer. Überhaupt wird das allermeiste zusammen gemacht. Erwachsene Männer, die sich für 365 Tage die Zimmer teilen. Übereinander in Doppelstockbetten liegen, Carlos oben, Adam unten, auf gespendeten Matratzen, unter gespendeten Decken. Sich in Gemeinschaftsbädern waschen. Mitkriegen, wenn der andere furzt, sich rasiert oder in der Nase bohrt, wenn er krank ist oder schlechte Laune hat. „Das hat mich so richtig fertiggemacht. Ich wache auf und sehe die Hackfressen der anderen. Ich gehe aufs Klo und da scheißt schon einer. Ich habe überhaupt keine ruhige Minute für mich“, sagt Carlos.

Die Gemeinschaft ist so gewollt. Denn die anderen kriegen mit, wen die Sucht plagt oder wen die Sehnsucht nach den Kindern schweigsam werden lässt. Aber auch, wenn jemand sich wegschleichen möchte, um eine Zigarette zu rauchen. Kontrolle, Stütze und nicht alleine sein, wenn die grüblerischen Phasen kommen. Das ist die Idee.

"Sucht, Versuchung – schon ist es passiert"

Gemeinschaft heißt auch: Streit. Michael, der ganz außen sitzt, möchte die Käseplatte haben. Adam, der neben ihm sitzt, lehnt sich zurück und sagt: „Nein, keine Zeit, ich esse gerade.“ Carlos hört das, schaut böse und ruft über den Tisch nach dem Käse. Er bekommt ihn, will ihn an Michael weiterreichen, doch schon hat Adam zugeschnappt und sich zwei der Stücke runtergezogen. Da springt Carlos auf, schmeißt seinen Stuhl um und rennt nach draußen. „So ein asozialer Typ, mit seiner fettverschmierten Fresse, so was habe ich noch nicht gesehen“, ruft er. Dann ist er draußen. Franz lässt ihn gehen.

Pfarrer Franz ist 72 Jahre alt und seit acht Jahren einer der drei hauptamtlichen Leiter des Hofes. Er hätte auch irgendwo in Deutschland eine gemütliche katholische Gemeinde leiten können. Stattdessen steht er um 5.30 Uhr auf, rennt sieben Kilometer und kümmert sich danach bis spätabends um seine Jungs. Franz liebt seine Jungs, vielleicht so, wie ein Schäfer seine Schafe liebt.

Aber er macht sich keine Illusionen. Raubeine sind sie, sagt er, denen man keine Minute über den Weg trauen darf. „Die kennen alle Tricks, drücken deine schwachen Punkte, um zu bekommen, was sie gerne hätten.“ Wer als Gast mit dem Fahrrad oder mit dem Auto kommt, soll alles immer abschließen. Wer sonntags im Hofcafé Kuchen bestellt, soll das Geld in eine gesicherte Kasse legen und nicht den Jungs in die Hand drücken. „Sucht, Versuchung – schon ist es passiert“, sagt Franz. Die Konflikte, die zwischen seinen Jungs täglich aufblitzen, lässt Pfarrer Franz meistens einfach laufen. Auch Patrick wollte vor einer Woche alles abbrechen, weil er mit seinem Kollegen in der Küche nicht klarkam. Er war außer sich. Doch am Ende fuhr er nicht, schwieg zwei Tage und dann war’s wieder okay. „Konflikte sind gut“, erklärt Franz. „Dadurch lernen sie, sich mit sich und dem anderen auseinanderzusetzen. Sie lernen, den Frust auszuhalten, ohne gleich in alte Sucht- und Fluchtmuster zu verfallen.“ Carlos kommt an den Tisch zurück. Er hat sich beruhigt. Adam tut so, als ob nichts gewesen wäre.

Sie lesen Bibeltexte, sprechen über Liebe

7 Uhr. Jetzt wird gebetet. Die zehn Männer, Pfarrer Franz, eine Franziskaner-Schwester, die zu Besuch ist. Eine Stunde lang machen sie sieben Rosenkranzrunden: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Dazu lesen sie Bibeltexte und unterhalten sich über Liebe.

Carlos war anfangs skeptisch: dieses religiöse Gemurmel, jeden Morgen, und ständig diese Jungfrau Maria, nicht zum Aushalten. Doch irgendwie lässt ihn das Gerede über Liebe nicht kalt.

Neulich hat er sich alleine in die Kapelle gesetzt. Inzwischen hat er sogar seine eigene Rosenkranzkette, die er vorsichtig zwischen seinen Fingern gleiten lässt. Und auch Patrick lässt sich ein bisschen anstecken: „Liebe muss bedingungslos sein. Man tut für den anderen etwas, ohne was dafür zu wollen“, sagt er. Franz wirft ein: „Für mich ist die Liebe mehr eine Haltung und weniger ein Gefühl.“ An Gott glauben müssen die Jungs nicht. Auch nicht mitbeten und nicht mitsingen. Aber sich das anhören und dabei sein, wenn Franz von der Liebe spricht, das sollen sie.

Früher verkaufte Carlos Drogen, heute hütet er Schafe und Schweine.
Früher verkaufte Carlos Drogen, heute hütet er Schafe und Schweine.Foto: Thilo Rückeis

Die Idee, einen Ort der christlich geprägten Suchthilfe zu schaffen, kommt aus Brasilien und nennt sich Fazenda. Ein Pfarrer aus Kreuzberg brachte das Konzept Ende der 1990er Jahre nach Deutschland, mit finanzieller Hilfe der damaligen Familienministerin Claudia Nolte. Heute gibt es sieben dieser Höfe in Deutschland, zwei davon für Frauen, weitere sechs in Europa und insgesamt 125 auf der Welt. Gut Neuhof finanziert sich durch Spenden, unter anderem vom Bonifatiuswerk.

8 Uhr. Die Arbeit beginnt. Patrick spurtet in die Küche. Das ist sein Reich und jetzt muss er schnell das Frühstück für die Besucher im Gästehaus vorbereiten. Carlos geht in die Umkleide, fertig machen für den Stall. Spind. Dusche. Sein nackter Oberkörper ist eine Ansammlung gestählter Muskeln, aber auch Ausstellungsfläche für drei Totenschädel, die er sich in die Haut hat stechen lassen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. „Wenn es mir so richtig dreckig ging, habe ich mich tätowieren lassen. Dann habe ich mich gehäutet gefühlt und nackt gemacht“, sagt er. Blaumann, weißes Hemd, Arbeitsschuhe. Carlos geht zu seinen Schweinen.

200 Tiere warten darauf, dass Carlos in die Gänge kommt

Die Arbeit ist keine Beschäftigungstherapie, sondern echte Arbeit. Macht Patrick seinen Job nicht gut und schmeckt das Essen schlecht, kriegt er von den anderen verbal eins auf die Mütze. Stirbt Carlos ein Tier, muss er sich erklären. „Das ist Verantwortung, die die Jungs hier übernehmen müssen. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben“, sagt Franz, während er rumführt: aufs Feld, zur Wäsche, in die Kleiderkammer, in die Küche, zum Haushaltsdienst, in das Gästehaus und zum Stall.

200 Lebewesen warten darauf, dass Carlos in die Gänge kommt. Hühner, Schweine, Gänse und Schafe. Sie alle bekommen Futter, Wasser und Aufmerksamkeit von ihm. Und Carlos, der Junkie und Dealer, der Räuber und Knacki, macht und tut und schleppt und klopft der dicken Schweinedame Paula so auf den Rücken, dass der Staub aufsteigt. Er lockt die Ferkel mit einem Quieken und freut sich, dass sie angerast kommen. Dass sie auf ihn, Carlos, reagieren. Er weiß, dass sie keine Champignons mögen, dafür aber abgelaufene Weintrauben und zermatschte Bananen. Bei den Schafen kann er die Lieben und die Bockigen auseinanderhalten, und als er eines Tages ein totes Huhn im Auslauf findet, macht er sich die allergrößten Sorgen.

Jetzt ist Hector dran. Das grunzende 350-Kilogramm-Sattelschwein, dessen einzige Aufgabe darin besteht, die Säue zu decken, zu schlafen und zu fressen. Das beeindruckt Carlos. Er füttert Hector mit Brötchenmatsche, abgelaufenem Pizzateig und Gemüse. „Schau dir mal seine Eier an, sind die nicht gewaltig“, sagt er. „Wenn der ficken möchte, geht er zu den Schweinedamen und pinkelt denen auf ihre Pflaumen. Das ist seine Art, seine Liebe zu zeigen.“ Dann kippt er Hector den großen Eimer Futter in den Trog: „Hau’s dir in die Fresse, damit du groß und stark wirst.“

"Ich habe einfach nie Angst oder Respekt gehabt"

Und wie Carlos dasteht, in der Schweinepampe, während Hector grunzt und frisst, fängt er an zu erzählen. Erzählt von seinem Vater, und wie er ihn im Keller gefunden hat. Mit einem Seil um den Hals. Aufgehängt. Sechs Jahre alt war er da. „Ich will den Mist, den ich später gemacht habe, nicht auf meine Kindheit schieben. Aber ich habe meinen Vater geliebt und vermisst. Vor allem aber brauchte ich jemanden, der mir Grenzen setzt, und das konnte meine Mutter nicht. Ich habe einfach nie Angst oder Respekt gehabt. Vor Drogen nicht, vor Gefahren und Konsequenzen nicht. Ich habe einfach immer alles ausprobiert: erst Gras und Pilze, dann Speed, dann Kokain, schließlich Heroin und Crystal Meth. Einmal habe ich mir von meinem Dealer-Geld eine Motocrossmaschine gekauft. Natürlich die dickste und teuerste. Habe mich raufgesetzt, obwohl ich noch nie auf einer gefahren bin, und bin die Piste runter. Hab mir Zähne ausgeschlagen. Sechs Stück. Aber habe ich draus gelernt? Nein, stattdessen habe ich mir die Zähne sanieren lassen und weitergemacht.“

Carlos erzählt und erzählt. Dann hält er inne. „Das tut richtig gut, die Dinge laut auszusprechen“, sagt er. Neulich hatten sie Gäste auf dem Hof und Pfarrer Franz keine Zeit. Also holte er Carlos und ließ ihn das übernehmen. Ließ ihn rumführen, erzählen, auch ein bisschen von sich. „Das hat der mir zugetraut und ich hab’s gemacht, obwohl ich die ersten Minuten richtig nervös war.“ Zutrauen, machen lassen. Carlos die Möglichkeit geben, selber einen Blick dafür zu entwickeln, was jetzt dran ist. Carlos’ Mutter starb, als er 30 Jahre alt war. „Zwei Tanten habe ich noch. Meine Lieblingstante schreibt mir einfach nicht zurück. Das macht mich echt traurig. Die andere hat geschrieben und mir viel Kraft hier gewünscht“, sagt er. Jeden Abend fragt Carlos bei Franz nach, ob da noch mehr Post gekommen ist. Doch es kommt keine.

Carlos war süchtig nach diesem Leben - und nach Stoff

Carlos machte seine Tischlerlehre, das war sein Tagesleben, das war seine grüne Schreinerlatzhose, die er abends in den Kofferraum seiner neuen Mercedes S-Klasse legte. 80 000 Mark hat das Ding damals gekostet. Nur durch Dealen verdient. Neben den Arbeitsklamotten lag sein Nachtleben, sein Dealer-Outfit, Markenklamotten, dazu Parfüm, das rote Joop für 100 Mark. Wenn er diesen Duft auflegte und mit der Karre rumfuhr, wenn die Leute zu ihm kamen, um sich ihr Zeug zu holen, dann war er der King. Fühlte sich unbesiegbar. Carlos war süchtig nach diesem Leben – und nach dem Stoff selber.

Heute, 18 Jahre und viele Leben später, steht er im Schweinegehege, die quiekenden Ferkel nagen an seinen Arbeitsschuhen. Dann greift er zur Spitzhacke und rammt sie in den vertrockneten Boden, Schlag auf Schlag, bis ein Loch entsteht, in das er Wasser laufen lässt. Die Ferkel stürzen sich in den Schlamm, wühlen und spritzen. Carlos freut sich.

Patrick ist 32 Jahre alt, 14 davon hat er im Knast verbracht.
Patrick ist 32 Jahre alt, 14 davon hat er im Knast verbracht.Foto: Thilo Rückeis

10.15 Uhr. Patrick wirbelt in der Küche hin und her. Von der Kühlkammer zum Ofen zum Herd und wieder in die Kühlkammer. 25 Portionen Mittagessen muss er kochen. Teigtaschen mit Fleischfüllung sollen es werden.

Die Küche ist sein Reich. Kein Krümel liegt herum, darauf ist er stolz.

Patrick ist ein 35er, dem der letzte der vielen Richter, mit denen er es schon zu tun hatte, diese Chance gegeben hat: Therapie statt wieder einmal in den Knast zurück. Paragraf 35 und 36 des Betäubungsmittelgesetzes machen das möglich. In den 20 Jahren, die es das Gut Neuhof schon gibt, haben bisher circa 700 Rekuperanten ihr Jahr durchlaufen. Die einen finden ihren Weg hierher, weil Beratungsstellen wie die der Caritas es empfehlen. Die anderen, weil der Richter sie herschickt.

"Im Gefängnis hatte ich alles"

Voraussetzung: Dieser Jemand muss süchtig sein und die Straftat muss im Zusammenhang mit seiner Sucht begangen worden sein. Raub war das letzte seiner Verbrechen. Und gerade hat er richtig Schiss, weil er in ein paar Tagen wieder vor den Richter muss. Drei Monate hat er schon geschafft, nun soll er Rapport erstatten. „Der Richter ist scharf. Da kann ich nicht irgendwas erzählen“, sagt Patrick. Was Patrick gelernt hat, welche Prozesse er bisher durchlaufen hat, welche Chance er haben wird und ob er sich an die Regeln hält. „Im Gefängnis hatte ich alles: Drogen, Zigaretten, Fernsehen, Handy, einmal im Monat kam eine Frau. Hier habe ich nichts davon“, sagt er. Nicht, um anzugeben. Er sagt das, um aufzuzeigen, dass er trotz des Verzichts hierbleibt.

Patrick hat ein trotziges Kinn, Gesichtszüge wie grob in Stein gemeißelt, schiefe Zähne und zu einem kleinen Zopf gebundene Haare. Wenn er nachdenkt, hängen seine Mundwinkel in einem „U“ nach unten. Meistens wirkt er mürrisch. 32 Jahre ist er alt, 14 davon hat er im Knast gesessen. Immer wieder, mal für zwei, mal für drei, dann waren es fünf Jahre. Rein, raus, rein, raus. „Ich habe so einen Freiheitsdrang, kaum stehe ich vor dem Gefängnistor, muss ich Vollgas geben“, sagt er. Auf seinem Unterarm prangt ein Schriftzug: „Sleepers“ steht da. Sleepers, das ist ein Hollywood-Film von 1996. Jugendliche bauen Mist, müssen in den Knast, werden von ihren Wärtern missbraucht. Jahre später rächen sie sich an ihnen. „Das habe ich mir selbst gestochen, im Jugendgefängnis.“

Michael wirkt wie ein verirrter Zauberer

Wer genauer hinschaut, merkt, dass es da noch einen anderen Patrick gibt. Einen, der sich um andere kümmert. Um Michael mit dem weißen Zauselbart zum Beispiel. Michael war Dirigent und Komponist in Wien. Heute wirkt er wie ein verirrter Zauberer. Er hat durch den Alkohol sein Kurzzeitgedächtnis verloren und mit dem LSD sind ein paar Verrücktheiten in seinem Kopf eingezogen. Man findet ihn selten bei der Arbeit und oft damit beschäftigt, den Gänsechor zu dirigieren.

„Michael, iss dein Brot“, erinnert Patrick ihn am Morgen. „Michael, wo hast du deine Brille hingelegt?“, fragt er zwischendurch. „Michael, heute waschen wir deine Wäsche“, sagt er am Abend. „Michael, wann warst du das letzte Mal duschen?“, fragt er vor dem Schlafengehen.

12 Uhr. Mittagessen im großen Saal. Es werden die Worte des Tages aufgesagt: „Ohne Erwartungen lieben“. Patrick sitzt alleine an einem Tisch. In Gedanken versunken. Sein Mund wieder in U-Stellung. Plötzlich kommen zwei Kinder rein. Es ist die Familie des einen Leiters, die hier auch wohnt. Das Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, steuert auf Patrick zu und will von ihm in die Luft geworfen werden. Er knufft sie, sie lacht, dann lacht er und auf einmal ist sein hartes Gesicht ganz weich.

Carlos dekoriert die Wand im Mehrbettzimmer.
Carlos dekoriert die Wand im Mehrbettzimmer.Foto: Thilo Rückeis

Carlos sitzt einen Tisch weiter und unterhält sich mit der traditionell in Schwarz gekleideten Franziskanerin. Gestern Abend haben sie zusammen Tischtennis gespielt. Carlos hatte extra seine guten Kellen rausgeholt. Es war ein knappes Match. Sie haben gelacht und plötzlich hatte Carlos vergessen, wo er war und warum er hier war. Nach dem Essen verabschieden sich die beiden. Carlos hebt seine Faust, sie hebt ihre Faust. Ghettogruß.

13.15 Uhr. Carlos hat Einstichlöcher in der Armbeuge. Da, wo er sich all das Zeug reingespritzt hat. Jetzt, wo er am Zaun vom Schweinegehege arbeitet, sägt und mit Draht hantiert, sein T-Shirt dabei hochrutscht, sind sie besonders gut zu sehen. Sucht zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Erst fehlen ihm die Worte, dann fällt ihm ein Erlebnis ein. Er stand am Kottbusser Tor am Spritzenautomaten. Die Kugel Heroin hatte er schon. Da hörte er hinter sich eine Frau in ihrem Rollstuhl angefahren kommen. Sie hatte keine Beine mehr und Carlos erkannte sofort, dass auch sie eine Süchtige war. Es war ihre Art, zu gucken, sich zu bewegen.

Erst das eine Bein kaputt. Dann das andere

Er hat auf ihre Beine gezeigt und sie gefragt, was passiert ist. Ihre Venen am Arm seien schon völlig zerstochen gewesen, antwortete sie. Deswegen hat sie sich dann die Venen in der Leistengegend vorgenommen. „Doch das ist eine 50-zu-50-Chance“, erklärt Carlos. Schießt man daneben, kann man sich das Bein zerstören. Das hat sie gemacht. Erst das eine Bein kaputtgeschossen. Dann das andere. Und weil sie ja nicht aufstehen konnte und nicht selber an den Automaten kam, hat er erst ihr die Spritze gezogen, dann sich und sich dann den Schuss verabreicht. Das ist Sucht.

17 Uhr. Die Arbeit ist vorbei. Auf einmal steht Max vor dem Haus und umarmt Franz. Max ist ein Ehemaliger. Einer, der es geschafft hat, vor einem Jahr, und der jetzt öfter zu Besuch kommt. Er ist ein schüchtern wirkender Schlaks mit Brille. „Wenn man hier rauskommt, ist da ja nichts. Keine Jungs, keine Arbeit, kein Pfarrer“, sagt er. Erst mal hat er den gleichen Fehler gemacht, der ihn hier reingebracht hat. Sich zu überfordern und zu viel zu wollen, wie damals, als er sich gleich nach dem Abitur ins Chemie- und Pharmazeutikstudium geworfen hat, ohne zu merken, dass da etwas aus dem Ruder lief.

Jetzt hat er gelernt, auf die Pausetaste zu drücken, und sich ein Jahr überlegt, was er mit seinem Leben anstellen will. Er möchte mit seinen Händen arbeiten und draußen sein, da kommt man nicht auf so viele Gedanken. Nun hat er 30 Bewerbungen rausgeschickt. Forstwirt soll es werden.

Was fehlt? Ein Konzept für danach

Für Pfarrer Franz ist Max ein Lichtblick. Einer, der nicht nur das Jahr geschafft hat, sondern auch die Zeit danach. „Zwischen 60 und 70 Prozent bekommen wir hier durch“, sagt Franz. Deutschlandweit brechen mehr als die Hälfte ihre Therapie ab. Wie viele danach klarkommen, dazu gibt keine Zahlen. Auch Pfarrer Franz weiß es nicht für das Gut Neuhof. Es gibt keine Pflicht, sich zu melden. Er kennt jene, die wieder abgestürzt sind, und jene, die eine Familie gründen, ein gutes Leben führen.

Und er gibt zu: Ihnen fehlt es an einem guten Konzept für die Zeit danach. Die Jungs können zwar noch bleiben, gerne auch für Monate, eben so lange, wie es ihnen guttut. Sie können dann ins Internet und ans Telefon, um sich von hier aus um Wohnung, Ausbildung oder Job zu kümmern. Doch sobald sie dann da draußen sind, müssen sie alleine klarkommen.

20 Uhr. Es gab noch Abendessen, dann den Gottesdienst, nun ist Feierabend. Carlos liegt auf einer Hantelbank und stählt seine gewaltigen Arme. 50 Kilo hat er auf der Stange. Einatmen, wenn er die Gewichte nach unten Richtung Brust absenkt. Explosionsartig alles rausbrüllen, wenn er die Gewichte nach oben drückt. Rausbrüllen, was schmerzt. Der Kraftraum ist seine Kapelle. Die Hanteln seine Religion. Obwohl dieser Gott, von dem Franz immer spricht, langsam eine ernsthafte Konkurrenz wird. Von draußen schaut die Dunkelheit herein. „Ich hatte einen Job und eine Freundin. Sie und ihre zwei Kinder haben mich angenommen, obwohl sie wussten, was ich hinter mir hatte. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Doch dann war da wieder dieser Moment, in dem mir das alles egal war. Der kurze Kick ist stärker als das langfristig Gute. Dieser Kick zieht dich und füllt deine ganze Seele aus“, sagt er, während er sich im Spiegel betrachtet.

"Ich muss das Jahr schaffen. Unbedingt."

Die roten Warnlichter der Windräder blinken in die Nacht hinein. Hinter ihnen strahlt das Licht Berlins. Carlos schaut sich das alles an, ist glücklich darum, dann erinnert es ihn Crystal: „Crystal hat diese krassen Glücksgefühle hervorgebracht. Wenn hier eine Linie Crystal liegen würde, ich würde sie mir sofort ziehen.“ Dann schweigt er. „Also hier auf dem Hof nicht. Aber wenn ich draußen wäre.“ Dann schweigt er wieder. „Ich muss das Jahr schaffen“, sagt er. „Unbedingt.“

Wenn man diesen Carlos dann umarmt, diesen Kerl mit dem Pistolendurchschuss in Brust und Rücken, den er abbekommen hat, als er Drogengeld eintreiben war, wenn man ihn also umarmt und ihm sagt, dass er nicht aufgeben soll, dass ihm sein Leben immer noch offensteht, dann sagt er: „Hör auf, jetzt habe ich Tränen in den Augen. Gleich muss ich weinen.“ Dann läuft ihm eine kleine Kugel über die Wange und versickert in seinem krausen Bart.

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