• Engagement macht Demokratie: „Die Menschen kritisieren, aber sie bringen sich nicht selber ein“

Engagement macht Demokratie : „Die Menschen kritisieren, aber sie bringen sich nicht selber ein“

Der Staat lebt vom Bekenntnis der Menschen zu ihm – wir alle sind der Staat, nicht nur die Politiker. Doch derzeit herrscht mangelnde Bereitschaft. Ein Kommentar.

Tagesspiegel-Autor Gerd Nowakowski.
Tagesspiegel-Autor Gerd Nowakowski.Foto: Kai-Uwe Heinrich

In wenigen Wochen begeht Berlin feierlich den Tag der Maueröffnung vor 30 Jahren. Ein unvergänglicher Moment, als die SED-Führung vor friedlich demonstrierenden Menschen kapitulieren musste, weil selbst ihre diktatorische Unterdrückungsmaschinerie keinen Schrecken mehr verbreitete. Bezwungen von Menschen, die sich Freiheit und Selbstbestimmung wünschten, dafür auf die Straße gegangenen waren und auch die Repressionen in Kauf nahmen.

Gegen ein Volk kann keine Diktatur auf Dauer herrschen. Doch ohne das Volk kann auch eine Demokratie nicht gedeihen. Der Staat lebt vom Bekenntnis der Menschen zu ihm – wir alle sind der Staat, nicht nur die Politiker. Es ist bedrückend, dass 30 Jahre nach dem Mauerfall eine wachsende Entfremdung von Menschen zu diesem Staat beobachtet werden kann. Die Menschen kritisieren, aber sie bringen sich nicht selber ein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das in ihrer Rede zum Einheitstag als mangelnde Bereitschaft zur Mündigkeit angesprochen. Demokratie lebt vom Mitmachen, vom sich Einmischen und auch davon, dass wir uns gemeinsam für sie verantwortlich fühlen, betonte auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller als Schirmherr der vom Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband organisierten Freiwilligentagen „Gemeinsame Sache“. Die standen in diesem Jahr deswegen auch unter dem Motto „Engagement.Macht.Demokratie“.

Es kann zum Mauerfall-Jubiläum auch daran erinnert werden, dass ehrenamtliches Engagement damals in beiden Teilen der Stadt unterentwickelt war. Zwar gab es auf beiden Seiten der Berliner Mauer Menschen, die sich für ihre Nachbarn und ihre Nachbarschaft engagierten, doch es war eine Minderheit.

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In beiden Stadthälften war das Ideal der vollversorgende Sozialstaat – in West-Berlin wurden soziale Wohltaten finanziert mit den Milliardensubventionen aus Bonn. Und im Ostteil Berlins wurde das selbstgewählte ehrenamtliche Engagement von den Staatsorganen eher misstrauisch beobachtet. Dafür wurden die DDR-Bürger zu Sobotniks, so genannten freiwilligen Arbeitseinsätze, gedrängt – was eine so nachhaltig negative Erinnerung ist, dass es manche Ost-Berliner bis heute graust. Auch die Zahl der Stiftung war beim Mauerfall 1989 in West-Berlin deutlich geringer als im Rest der Bundesrepublik.

Das hat sich geändert. Und wie. Heute gibt es in allen Bezirken rührige ehrenamtliche Initiativen und Vereine und eine entwickelte Infrastruktur für Engagierte, etwa den bezirklichen Freiwilligenagenturen. Anlässlich der Feiern zum Mauerfall am 9. November vor 30 Jahren ist auch dies ein Grund zum Feiern.  

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