Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg : Christian Stäblein wird neuer Bischof der EKBO

Das „gesellige Gemeindehauschristentum“ werde an Bedeutung verlieren, sagt Christian Stäblein. Trotzdem will er dem Mitgliederschwund entgegenwirken.

Christian Stäblein, Theologe und designierter Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Christian Stäblein, Theologe und designierter Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.Foto: Gregor Fischer/dpa

Zuhören will er. Hingucken. Und nahe bei den Menschen sein. Am heutigen Samstag wird der 52jährige Christian Stäblein in einem Fernsehgottesdienst in der Berliner Marienkirche am Alexanderplatz in das Amt des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eingeführt. Im April hatte ihn die Landessynode schon im zweiten Wahlgang zum Nachfolger von Markus Dröge gewählt, der aus Altersgründen aus dem Amt scheidet.

 Geboren ist der neue Bischof in Niedersachsen. Seine Stiefmutter ist die als „Wort zum Sonntag“-Sprecherin bundesweit bekannt gewordene, frühere Landessuperintendentin von Ostfriesland, Oda-Gebbine Hölze-Stäblein. Stäblein wollte sich erst etwas abnabeln, studierte Jura, fand dann aber wieder den Weg zur Theologie. Er wurde Pfarrer in Nienburg, leitete das Predigerseminar im Kloster Loccum. Und seit 2015 ist Stäblein Propst im Berliner Konsistorium, also der theologische Leiter der Berliner Kirchenverwaltung.

Das klingt nach Schreibtischtäter – doch genau das war Stäblein nie: Als Propst fuhr er viel über Land, war in den Gemeinden an der Basis präsent. Der künftige Bischof predigte bei Dorfkirchenjubiläen, besuchte Kreissynoden, kennt die Landeskirche schon wie seine Westentasche. Und er organisierte Veranstaltungen zu kritischen Fragen, zum Beispiel zum Thema Abendmahl: Denn die Frage „Wer darf wann am Abendmahl teilnehmen?“ wird in vielen Gemeinden lebhaft diskutiert.

Die Evangelische Kirche schrumpft

Stäblein spricht sich für vorsichtige Öffnungen aus: Menschen, die auf der Suche seien und über eine Kirchenmitgliedschaft nachdenken, könnten zum Abendmahl zugelassen werden. Und was ist eigentlich mit jenen, die zwar getauft, aber ausgetreten sind, und zur Goldenen Hochzeit von Tante Berta nun doch zum Altar mit nach vorne gehen? Solche Fragen sind es, die den neuen Berliner Bischof bewegen. Sogar eine zeitweise ruhende Kirchenmitgliedschaft für Menschen, die eigentlich ganz austreten wollen, kann sich Christian Stäblein vorstellen.

Der neue Bischof macht sich Gedanken zur Zukunft der Kirche – und das muss er auch, denn die EKBO ist von 1,2 Millionen Kirchenmitgliedern im Jahr 2004 auf nur noch 940.000 geschrumpft. Und eine im Sommer veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern um den Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen sagte den Kirchen voraus, bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder zu verlieren – und hielt zugleich fest: Wenn sich die Kirchengemeinden um jüngere Menschen bemühen, könnte der Absturz weniger schlimm sein.

Noch können die Kirchen gegensteuern. Deswegen kündigte Stäblein kürzlich an, als Bischof vor allem die 18 bis 35jährigen in den Blick nehmen zu wollen. Er will auf Menschen zugehen, die nach der Konfirmation die Kirche verlassen, auf junge Familien, die nicht überall in den Gemeinden Ansprechpartner und Anknüpfungspunkte finden.

Feiern mit der Kirchenfamilie

„Wir wissen alle: Die Kirche ist im Strukturwandel“, sagt Stäblein. Weiße Flecken werde es auch künftig nicht geben: Überall in Berlin, Brandenburg und Ostsachsen werden Kirchenmitglieder Taufen, Trauungen und Bestattungen in Anspruch nehmen können. „Aber das Netz des parochialen Systems wird immer weiter“. Das „gesellige Gemeindehauschristentum, wie wir es kennen“ werde an Bedeutung verlieren.

Wichtiger werden für den neuen Bischof andere Orte, an denen die Kirche in der Gesellschaft präsent ist: Als Beispiel nannte er kürzlich evangelische Schulen, um die herum sich neue Formen von Gemeindeleben entwickeln könnten. Und auch Tauffeste will Stäblein wieder verstärkt feiern: Also Feiern, bei denen die Kirche nicht nur den Gottesdienst, sondern auch Kaffee und Kuchen im Gemeindehaus danach organisiert. Denn viele Menschen können sich eine große Familienfeier nicht mehr leisten – und Alleinerziehende oder Geschiedene scheuen manchmal den Moment, wo sie mit ihrem Kind ganz allein am Taufstein stehen.

Klares Zeichen gegen Antisemitismus

Politisch wird Stäblein den Kurs seines Vorgängers Markus Dröge, der vor allem durch seine Abgrenzung zur AfD bekannt wurde, fortsetzen. Die antisemitischen Anschläge von Halle hätten ihn schockiert, sagte Stäblein kürzlich. Nach dem offenen Antisemitismus der letzten Zeit stelle sich ihm persönlich die Frage, was man versäumt habe. Die Kirche müsse wohl noch stärker deutlich machen, dass „Antisemitismus für Christen in keiner Weise möglich ist“, sagt Stäblein.

Der künftige Bischof ist deswegen auch dankbar für das „House of One“ in Mitte, wo Christen, Juden und Muslime gemeinsam unter einem Dach beten. Oder das interreligiöse Engagement von Gemeinden in Tiergarten oder Neukölln. Und Stäblein privat? Der künftige Bischof spielt Kontrabass und Tischtennis. Doch die Gelegenheiten, bei denen Christian Stäblein für den VfL Tegel die Kelle herausholen konnte, sind in den letzten Monaten doch deutlich weniger geworden. Denn Berliner Bischof zu sein, ist nun einmal ein Vollzeitjob.

 

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