Fehlfarben und Zerfall spielen Konzert in Berlin : Ost-Punk trifft West-Punk

Dirk Kalinowski von der Band Zerfall aus Ost-Berlin spricht mit Kurt Dahlke von Fehlfarben aus dem Westen. Heute spielen sie gemeinsam auf dem Alex.

Punk aus Ost und West. Dirk Kalinowski (links) und Kurt Dahlke im Friedrichshainer Proberaum der Band Zerfall.
Punk aus Ost und West. Dirk Kalinowski (links) und Kurt Dahlke im Friedrichshainer Proberaum der Band Zerfall.Foto: Mike Wolff

Ein kleiner Kellerraum in Friedrichshain, die Wände sind zugeklebt mit Postern und Platten. Hier probt die Punkband Zerfall, die sich 1983 in Ost-Berlin gründete. Auf einer durchgesessenen Couch nimmt der Sänger Dirk „Kalle“ Kalinowski Platz, neben ihm sitzt Kurt „Pyrolator“ Dahlke. Er ist Keyboarder der Band Fehlfarben, die in der Düsseldorfer Szenekneipe „Ratinger Hof“ startete und 1980 die legendäre Platte „Monarchie und Alltag“ aufnahm.

Zum ersten Mal treten beide Bands am heutigen Mittwoch auf dem Alexanderplatz gemeinsam auf, um 30 Jahre Mauerfall zu feiern. Los geht es um 19.30 Uhr mit Zerfall, um 20.15 Uhr sind Fehlfarben dran. Mehr Infos gibt es unter www.mauerfall30.berlin.

Im Interview sprechen sie über die Punkszenen in Ost und West.

Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?
Kalinowski: Ich bin im Mai ’89 nach West-Berlin gegangen über einen Ausreiseantrag, das hat lange gedauert. Ich saß in meiner Einzimmerwohnung im Wedding vor der Glotze, fertig von der Maloche. Auf einmal klingelte es wie wild an der Tür. Da stand mein Stiefbruder, der mir erzählte, dass die Grenze offen ist. Ich konnte das erst nicht glauben. Dann sind wir raus auf die Bernauer Straße. Da kamen schon die ersten Wolga-Taxis vorbei.

Dahlke: Ich hatte zu der Zeit eine kleine Independent-Plattenfirma, die fürchterlich pleitegegangen ist. Wir hatten viele Schulden, und ich musste arbeiten. Ich hatte den tollen Auftrag, für eine Künstlerin Gipsobjekte herzustellen. Fast ein halbes Jahr habe ich in einer Werkstatt im Keller Gips geschwenkt und immer den Fernseher oder das Radio mitlaufen lassen. Als dann die Grenze aufging, rollten mir die Tränen. Das war schon ein großer Moment. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin an die westdeutsche Grenze Richtung Erfurt gefahren.

Drehen wir die Uhr zurück. In den 80er Jahren waren Sie Teil der Punkszenen in Ost- und Westdeutschland. Was hat es für Sie bedeutet, Punk zu sein?
Dahlke: Ich war für die Hippies zu jung und für die Punks eigentlich schon zu alt. Ende der 70er war ich bei einem Konzert der Punkband Mittagspause. Da habe ich mir geschworen, ich höre keinen Jazz mehr. Das war so überzeugend von der Haltung und den Texten her. Man hat sich mit allen Mitteln gegen die Gesellschaft gestellt. Hätte es diese Punkbewegung im Westen nicht gegeben, wäre das auch im Osten nicht richtig losgegangen. Insofern glaube ich, dass Musik einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, dass es zu einem Aufbegehren gekommen ist. Wie siehst du das, Kalle?

Kalinowski: Ich würde damit schon d’accord gehen. Bei uns ist es aber natürlich ein bisschen anders gelaufen. Hohenschönhausen, wo ich damals wohnte, war ein gutbürgerliches Viertel. Da war ich als Punk auf dem Präsentierteller. In meiner Stasi-Akte steht, dass ich mit 14 Jahren meinen ersten Spitzel hatte, einen Mitschüler. Der hat detailliert geschildert, wie ich aussehe, dass ich in Russisch nachlasse, all so was. Für mich war der Punk eine wichtige Ausdrucksform, weil er klar auf den Punkt kam. Wir Punks haben uns immer in der Galiläakirche in Friedrichshain getroffen, dort probten auch ein paar Kumpels von mir. Irgendwann durfte jeder mal ins Mikro brüllen. Ich habe zufällig die Töne getroffen und schon war ich der Sänger.

Warum spielte die Kirche eine so wichtige Rolle in der ostdeutschen Punkszene?
Kalinowski: Die Kirche war in der DDR ein Ort, der die subversive Szene unterstützt hat, egal ob Hippies, Punks oder Rock-’n’-Roller. Keiner von uns war getauft oder bibelfest. Wir sind zur Kirche gekommen, weil sie für uns ein Freiraum war, wo wir uns entfalten und vernetzen konnten. Wir wussten, dass die Staatsorgane dieses Refugium nicht knacken würden. Klar gab es auch einen Pfarrer, der versucht hat, uns auf den richtigen Weg zu leiten (lacht). Aber der war cool. Er hat uns immer gegen die Staatssicherheit verteidigt, auch wenn wir uns nicht an alle seine Regeln gehalten haben. Zum Beispiel das Alkoholverbot.

Gab es noch weitere solcher Schutzräume?
Kalinowski: Nein. In Jugendclubs konnten wir nicht spielen, da hatte die Freie Deutsche Jugend, also der Staat, das Sagen. Ohne die Kirche als Veranstaltungsort hätten wir uns dem Staat unterordnen müssen, was ja konträr zum Punkrock wäre. Kaum hatten wir unsere Band Zerfall gegründet, hatten wir Stress mit der Polizei. Wir wurden ständig festgenommen wegen „Diskriminierung der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung“ oder „Rowdytums“. Der Staat wollte die Szene zersetzen. Wir galten als subversiv-dekadent, das durfte es nicht geben.

Dahlke: Unsere Stücke liefen teilweise im DDR-Radio. Da unsere Platte „Monarchie und Alltag“ im Westen gut ankam, wollte unsere Plattenfirma sie auch in der DDR herausbringen. Sie hat mit dem Label Amiga Kontakt aufgenommen, weil dort auch manche Westplatten erschienen. Die Stasi erstellte dann einen Bericht über unsere Texte und wollte das nicht. Die wussten gar nicht, wie sie uns einordnen sollten. Damit war das Thema Fehlfarben bei Amiga erledigt.

Kalinowski: Das Wort galt in der DDR als Waffe. Die haben verstanden, welchen Einfluss Texte auf Menschen haben können, deswegen hatten sie auch selbst ihre ganzen Slogans. In meiner Stasi-Akte habe ich ein Rundschreiben mit einer Liste von Personen gesehen. Unter meinem Namen stand „spielt in einer Punkband, textet selber“. Das ging direkt an Günter Schabowski. Das ist Wahnsinn, was das für Ausmaße hatte. Ein Texter war für die schon ein Terrorist.

Punkbands wurden in der DDR häufig von Spitzeln unterwandert. Haben Sie das auch erlebt?
Kalinowski: Ja. Ich habe durch den Einblick in meine Akte herausgefunden, dass unser damaliger Schlagzeuger IM war. Da kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich das erzähle. Ich habe das 2010 erfahren, zwei Jahre vorher haben wir noch zusammen ein Comeback-Konzert gespielt. Ich habe ihn noch nicht damit konfrontiert, will das aber noch tun. Mich haben sie auch vier Jahre lang versucht zu ködern. Ich bekam ständig Besuch zu Hause oder in der Berufsschule. Irgendwann haben sie dann eingesehen, dass es keinen Sinn hat.

Herr Dahlke, in der Punkszene in Westdeutschland wurde die DDR teilweise romantisiert. Welche Einstellung hatte Fehlfarben zur DDR?
Dahlke: Natürlich romantisiert man als junger Mensch Dinge, die man nicht aus erster Hand erfährt. Aber in dem Moment, als wir unser erstes Konzert in Berlin gegeben haben und die ganzen Repressalien erlebten, war es mit der Romantisierung schnell am Ende (lacht). Wir sind damals mit einem Tagespass die Friedrichstraße rüber.

Herr Kalinowski, in der DDR wurde ein Teil der Punkszene zu rechtsradikalen Skinheads. Haben Sie das miterlebt?
Kalinowski: Ja, da gab es einen kleinen Rutsch so ab ’87. Bei dem Überfall durch Skinheads auf Punks in der Zionskirche war ich dabei. Ich bin denen als Erster in die Arme gelaufen. Mit hat mal ein Skinhead erzählt, dass die Stasi hinter uns Punks her war, weil wir so schmuddelig waren. Die Skinheads hingegen haben sie in Ruhe gelassen, weil sie keine zerrissenen Hosen oder gefärbten Haare hatten. Dabei waren die auch nicht gerade staatskonform.

Dahlke: In Düsseldorf gab es dieses Phänomen nicht. Es gab die Rocker, die die Ratinger Straße wieder zu ihrem Bereich machen wollten. Das hat aber nicht funktioniert, weil die Punks massiv dagegengehalten haben. Die haben sich das nicht gefallen lassen

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Die westdeutsche Punkszene gilt als sehr männerlastig. Wie war das im Osten?
Dahlke: Dem muss ich heftig widersprechen. Östro 430 war die Band im Ratinger Hof, vor der wir Jungs echt Angst hatten. Jemand tafferen als die Frontfrau Martina gab es nicht. Es gab auch die Band Hans-A- Plast. Frauenbands waren gleichberechtigt, wir Jungs hatten ganz schönen Respekt vor denen.

Kalinowski: Ich würde schon sagen, dass Punks oft Machos waren. Klar gab es vereinzelte Frauen, die dir eine Ansage machen konnten. Eine hieß Danger, da war der Name Programm. Aber Frauen mussten sich ganz schön durchbeißen, viele sind auch in den Knast gekommen. Frauen hatten zu DDR-Zeiten offiziell einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, aber das war alles von oben vorgegeben. Im Grunde war das genauso eine Mackergesellschaft wie im Westen, und das spiegelte sich auch in der Punkszene wider.

Gab es einen Austausch zwischen den Szenen? Kannten Sie Ihre Bands?
Dahlke: Ja, es gab einen Austausch. Mit meiner zweiten Band Der Plan habe ich zum Beispiel ein Konzert in Budapest gegeben, da sind extra Leute aus der DDR gekommen. Zerfall kannte ich aber nicht, weil sie eher unter dem Radar geflogen sind. Das ändern wir jetzt mit unserem Konzert.

Kalinowski: Dadurch, dass wir in einer Mauerstadt lebten und uns quasi zuwinken konnten, hatten wir viel Kontakt zur West-Berliner Szene. Fehlfarben kannte ich natürlich und fand die super. Das war aber nicht die Art von Punk, den wir gehört haben. Wir haben uns an Hardcore orientiert, an Bands wie Canal Terror oder Slime. Fehlfarben haben eher New Wave gemacht. Darf ich das sagen?

Dahlke: Ja, klar. Unser Sänger Peter Hein war einer der ersten deutschen Punks. Als es dann richtig losging und alle als Punks verkleidet im Ratinger Hof einliefen, war Peter schon wieder konsequent im Matrosenanzug unterwegs. Er war einfach immer dagegen (lacht). Von der Haltung her ist das natürlich Punk.

Waren die musikalischen Einflüsse dieselben in Ost und West?
Kalinowski: Ja, ich denke schon. Auf meinen Kassetten waren neben Deutschpunk auch britische Bands wie Cockney Rejects oder Stiff Little Fingers zu hören. Auch mal was Amerikanisches wie Black Flag. Hardcore fanden wir super, wir wollten wirklich draufhauen. Ich glaube, das machen wir immer noch.

Dahlke: In England ging das Ganze ja los. Da haben sich zwei Sachen entwickelt. Erstens konnte man einfach selbst eine Platte machen, man brauchte keine Plattenfirma mehr. Zweitens waren Punk oder Ska auch musikalisch etwas ganz Neues. Damit setzte man dem Mief der 70er Jahre, dem ganzen Krautrock, etwas entgegen.

Wie haben Sie die Zeit nach dem Mauerfall erlebt?
Dahlke: Fehlfarben haben zu der Zeit nicht existiert. Das eigentliche Revival der Band kam erst 2002. In der ganzen Nachmauerzeit war diese Art von Musik nicht mehr angesagt, damals drehte sich alles um Techno.

Kalinowski: Ich gehörte damals der Anarcho-Szene an, wir haben Häuser in Friedrichshain und Alt-Stralau besetzt. Die Rückbesinnung auf den Punk kam erst später. Punk in West-Berlin ist auch ein ganz anderer. Ostpunk war tendenziell politisch. Natürlich haben wir auch getrunken, aber es war nicht so selbstzerstörerisch wie im Westen.

Dahlke: West-Berlin war zu dem Zeitpunkt sehr rocklastig. Der Punk fand eigentlich woanders statt, in Hamburg oder Hannover. Bands wie Einstürzende Neubauten oder Die Tödliche Doris, das waren völlig andere Szenen.

Kalinowski: Ja, das waren Künstler (lacht). Es gab aber ein paar Punkbands, MDK oder PVC zum Beispiel. Mit PVC haben wir 2008 unser Comeback im Kreuzberger Lido gefeiert. Jetzt ein Konzert mit den Fehlfarben auf dem Alex zu geben, ist schon toll. Als Punks in der DDR hatten wir ein Alexanderplatzverbot, weil niemand die bunthaarigen Jugendlichen sehen sollte. Wir wurden ständig mit Gewalt vertrieben. Da ist es eine Genugtuung, jetzt dort zu spielen.

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