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Der Bezirk will das Kottbusser Tor verkehrsberuhigen – reicht das?
© Kitty Kleist-Heinrich

Platz da!: Folge 4: Kottbusser Tor

Der "Kotti" gilt als Treffpunkt für viele: Touris, Junkies, Anwohner, Nachtschwärmer. Er ist Unfallschwerpunkt, Moloch und Attraktion. Der Bezirk will ihn verkehrsberuhigen – reicht das?

Von Daniela Martens

Rosa und weiß blühen die Kirschbäume. An den Tischen vor der Bäckerei Simitdchi tunken Frühstücker Sesamkringel in ihr Teeglas. Am Gemüsestand neben der Einfahrt zum nordwestlichen Teil der Reichenberger Straße werden gerade die Tomaten ausgepackt, und zwei Passantinnen begrüßen sich fröhlich an der Ampel am Anfang der Adalbertstraße. Es funktioniert: Man kann das Kottbusser Tor als einen angenehmen Ort erleben – vor allem, wenn man es sich an einem sonnigen Frühlingsmorgen ansieht und nicht in der Nacht.

„Das Kottbusser Tor ist ein Lebensumfeld, mit dem sich viele Bewohner identifizieren. Viele nennen es „Kotti“ und empfinden den Platz als sehr lebenswert“, sagt Thomas Werner vom Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg. Es habe sogar „internationales Renommee“ und sei in den letzten Jahren ein „Attraktionsort“ geworden. „Obwohl das nicht zu erwarten war.“ Denn lange wurde der Kotti nur als großes Problem wahrgenommen. Vor allem über das Neue Kreuzberger Zentrum, auch NKZ genannt, ist viel Negatives gesagt worden, „Bausünde“ war noch das Harmloseste. Immer wieder gab es Bestrebungen, den zwölfgeschossigen Häuserblock, der zwischen 1969 und 1974 über die Adalbertstraße hinweg wie ein Tor gebaut wurde, abzureißen. Er fällt vielen als Erstes zum Kottbusser Tor ein – wenn sie nicht an Drogendealer und Junkies denken oder den mörderischen Verkehr.

Bilder: Platzda! Die Leserdebatte zu Berlins Stadtplätzen

Laut Statistik der Dekra fanden 2011 die meisten Unfälle von Fahrradfahrern in Berlin genau dort statt. Wer sich auch nur eine Viertelstunde ansieht, wie chaotisch sich das Verkehrskarussell dreht, kann gut verstehen, warum. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beschreibt das Kottbusser Tor als „Verkehrsknotenpunkt“. Als einen Ort der Durchfahrt also. Um die zu optimieren, sollen dort noch im Mai Bauarbeiten beginnen: Es gibt ein neues Verkehrskonzept.„So ein Platz erfüllt viele Aufgaben“, sagt der zuständige Bezirksstadtrat Hans Panhoff (Grüne). „Bei dem Umbau geht es vor allem um die Verkehrssicherheit.“ Die Straße wird so umgebaut, dass Autofahrer abbremsen müssen, um in die Adalbert- und die Reichenberger Straße abbiegen zu können. Außerdem sollen bessere, breitere Radwege und zusätzliche Ständer gebaut werden. Neue Ampeln werden aufgestellt – auch für Radfahrer.

Als das Konzept im Januar den Anwohnern beim Quartiersmanagement vorgestellt wurde, habe es Unmut gegeben, sagt Quartiersmanager Werner. „Weil der Bezirk keine Bürgerbeteiligung mit eingeplant hat.“ Inhaltlich jedoch hätten die Anwohner nichts gegen das Konzept: „Die Leute wollen den provisorischen, chaotischen Dauerzustand beenden. Sie wollen einen verkehrssichereren Kotti – und das nicht nur für Autofahrer“, sagt Werner.

Am Kotti gibt es vor allem das Gentrifizierungsproblem

Licht an! Ein erleuchteter Hochbahn-Bereich ist eine Maßnahme, die die Landschaftsarchitekten des Büros „Gast.Leyser“ zusammen mit Torsten Rullmann von „Schlotfeldt Licht“ für das Kottbusser Tor vorschlagen, um „Angsträume zu beseitigen“. Der Platz selbst könnte an der Nordseite entstehen, strukturiert von runden Baumbänken. Um Passanten, Radfahrern und Händlern mehr Raum zu geben, müsste die Straße enger an die U-Bahn herangelegt werden. Kurz: Der Kreisel käme weg, die beiden Hauptverkehrsadern verliefen in je einem kleinen Schwenk am Kottbusser Tor entlang. Das ist auf den beiden Plänen links – unten die alte Situation, oben die neue – gut zu erkennen.
Licht an! Ein erleuchteter Hochbahn-Bereich ist eine Maßnahme, die die Landschaftsarchitekten des Büros „Gast.Leyser“ zusammen mit Torsten Rullmann von „Schlotfeldt Licht“ für das Kottbusser Tor vorschlagen, um „Angsträume zu beseitigen“. Der Platz selbst könnte an der Nordseite entstehen, strukturiert von runden Baumbänken. Um Passanten, Radfahrern und Händlern mehr Raum zu geben, müsste die Straße enger an die U-Bahn herangelegt werden. Kurz: Der Kreisel käme weg, die beiden Hauptverkehrsadern verliefen in je einem kleinen Schwenk am Kottbusser Tor entlang. Das ist auf den beiden Plänen links – unten die alte Situation, oben die neue – gut zu erkennen.
© promo

„Türken fahren kaum Fahrrad“, findet Alper Karasahin. „Von Verbesserungen für Radfahrer haben sie also wenig. So läuft das oft.“ Der 30-jährige Sozialpädagoge, der in Kreuzberg aufgewachsen ist, arbeitet als Familienhelfer in den Häusern rund um das Kottbusser Tor. Außerdem hat er sich der Initiative „Mütter ohne Grenzen“ angeschlossen, in der sich vor einigen Jahren vor allem türkischstämmige Anwohnerinnen aus dem Kiez um das Kottbusser Tor zusammengetan haben, um zu verhindern, dass Kinder als Drogenkuriere missbraucht wurden. Mit Taschenlampen „bewaffnet“ gingen sie auf Streife. Das sei heute vorbei, sagt Alper Karasahin. Inzwischen beschäftige sich die Initiative mit Bildung und Antidiskriminierungsarbeit.

Er sieht am Kottbusser Tor vor allem das Gentrifizierungsproblem, hat bemerkt, dass die Anwohner zunehmend mit der Angst vor Verdrängung lebten. Genau deshalb hat er etwas gegen eine Aufwertung des Platzes: „Man muss immer fragen, für wen Verbesserungen gedacht und was ihre Folgen sind.“ Viele Anwohner könnten sich die Mieten nicht mehr leisten. „Es sind schon sehr viele weggezogen, auch ärmere Biodeutsche“, sagt er, während er gut gelaunt eine Fahrradfahrerin grüßt. Sie grüßt zurück.

Karasahins Sorge: „Irgendwann sind alle türkischen Anwohner weg, und auch alle alternativen Biodeutschen, alle Obdachlosen und Drogenabhängigen.“ Die beiden Letzteren sieht er nicht als Problem: „Das Kottbusser Tor ist ein Treffpunkt für alle möglichen Menschen aus den umliegenden Straßen. Viele verstehen nicht, dass genau sie es sind, die die Besonderheit des Platzes ausmachen.“ Das Miteinander sei das Wichtigste am Kottbusser Tor. „Hier kennen sich alle.“ Das sieht er bedroht. Die neuen Cafés, die in letzter Zeit im Neuen Kreuzberger Zentrum aufgemacht haben, sieht er mit Skepsis. „In die gehen viele Türken nicht hinein.“

Spricht man mit Stadtrat Panhoff über die Entwicklung des Platzes, klingt das aber gar nicht nach Verdrängung. Das Anliegen des Bezirks sei es, das Nebeneinander von unterschiedlichsten Gruppen zu ermöglichen. „Dazu gehören auch Drogen- und Alkoholkranke. Wir wollen so eine Art Café für sie auf die Mittelinsel bringen.“ Wann dieses „Projekt im Ideenstadium“ realisiert wird, ist fraglich: „Wir können wegen der Umbauarbeiten nicht über die Fläche verfügen.“

Selbst wenn gerade nur wenige Junkies, Alkoholiker und Bettler zu sehen sind, kann man auch an einem sonnigen Frühlingsmorgen die dunkle Seite des Kotti erleben. Zwei Mal in einer Stunde sprinten durchtrainierte Polizisten in kugelsicheren Westen vorbei. Sirenen heulen. Die Jagd ist in beiden Fällen erfolgreich. Beim zweiten Mal gibt es ein Gerangel mit einem Schwarzen mit Dreadlocks. Alltag am Kottbusser Tor.

Die nächste Folge unserer Serie erscheint am Donnerstag, 3. Mai. Dann geht es um einen entlegeneren Treffpunkt: den „Schlossplatz“ am U-Bahnhof Tegel.

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