Fußgängerunterführung am ICC : Berlins Tunnel des Grauens wird geschlossen

Die Senatsverkehrsverwaltung will den Fußgängertunnel am ICC dichtmachen. Im Bezirk findet das überwiegend positive Resonanz.

Gruselecke im Untergrund. Viele Fußgänger meiden den Tunnel am ICC, der einst eigens für sie dort angelegt wurde.
Gruselecke im Untergrund. Viele Fußgänger meiden den Tunnel am ICC, der einst eigens für sie dort angelegt wurde.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wie ein Befreiungsschlag wirkte in Charlottenburg-Wilmersdorf die Nachricht, dass die Senatsverkehrsverwaltung die Fußgängerunterführung am ICC schließen will. Der riesige Tunnel ist ständig verschmutzt, wirkt eklig und schummrig, Rolltreppen und Fahrstühle sind meist außer Betrieb. Bezirkspolitiker bezeichnen den – als Drehort gerne genutzten – Tunnel zwischen Messedamm, Masurenallee und Neuer Kantstraße als „Angstraum“, „Schmuddelecke“ und „Schandfleck“, viele Fußgänger meiden ihn. 345 000 Euro kosteten Unterhalt, Wartung und Beseitigung von Vandalismusschäden 2016. Nicht nur deshalb wird die Schließung im Bezirk fraktionsübergreifend befürwortet. Schließlich wird nun der Weg frei für die Modernisierung der Kreuzung zwischen ZOB, ICC und Messe.

„Die Passerelle wird von Fußgängern nicht angenommen“, erklärt BVV-Mitglied Ansgar Gusy (Grüne). „Die Leute wollen mit ihren Koffern nicht hinunter und wieder hoch.“ Sie vereine zudem alle schlechten Eigenschaften einer Unterführung, „gerade für Menschen, die ängstlich sind, denn man ist aus dem öffentlichen Straßenland heraus“. Viele Fußgänger überqueren daher lieber die stark befahrene sechs- und achtspurige Kreuzung. Dort konkurrieren sie mit Radfahrern um den überwiegend knappen Raum an den Straßenecken. Für Radfahrer gibt es zwar gut sichtbare Fahrbahnmarkierungen und erst kürzlich aufgerüstete Fahrradampeln, Fußgängerampeln und -überwege allerdings nicht. Laut Unfallstatistik der Verkehrsverwaltung gab es zwischen 2014 und 2016 drei Fußgängerunfälle und zehn Rad- sowie 211 Verkehrsunfälle auf der Kreuzung.

Der Tunnel sollte den Autos Platz schaffen

Der Bau des Tunnels sei ein Ausdruck des damaligen Denkens einer autogerechten Stadt gewesen, sagt Gusy. „Da haben die Bürger gestört, also hat man sie unter die Erde geschickt.“ Die BVV habe immer versucht, eine überirdische Lösung zu finden, damit man den Tunnel nicht mehr brauche. Ähnliche Signale kommen auch aus der Bezirks-SPD sowie von CDU, Liberalen und Linken.

2016 ließ der Bezirk mehrere Meter von der Kreuzung entfernt Fußgängerampeln auf der Seite des ZOB und der S-Bahnstation Messe Nord errichten – woraufhin die bestehenden Radwege in beiden Richtungen direkt durch den Wartebereich der Fußgänger geleitet wurden, ein bis heute andauerndes Provisorium. Doch die Ampel allein helfe den Fußgängern nicht, meint Gusy. Nun wartet der Bezirk auf die von der Verkehrsverwaltung ausgeschriebene Machbarkeitsstudie, die bis Ende 2018 prüfen soll, ob und wie der Tunnel geschlossen und rückgebaut und die Kreuzung barrierefrei, für Fußgänger und Radfahrer geeignet, umgestaltet werden kann.

Charlottenburgs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) ist von einer überirdischen Lösung überzeugt, wendet jedoch ein: „Für mich ist jetzt nicht ausgemacht, dass der Tunnel für den Durchgangsverkehr geschlossen werden muss. Aber die Senatsverwaltung ist auf eine Schließung aus.“ Würde man den Tunnel etwa für „Jugendkultur“ nutzen, könne die Unterführung weiterhin parallel von Fußgängern genutzt werden. Es müsse aber eine Mischung aus vielen Nutzungsmöglichkeiten geben.

„Ich glaube nicht, dass dies ein geeigneter Ort ist, um eine Möglichkeit für Jugendliche zu schaffen“, meint der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende in der BVV, Felix Recke. Der Bezirk mache es sich damit zu einfach, denn in der Konsequenz bliebe die Unterführung offen und möglicherweise entstünde wieder ein Angstraum: „Eine halbherzige Lösung für Kunst, Streetart und Jugendkultur ist aus unserer Sicht nicht zielführend.“ Niklas Schenker, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bezirk, sagt: „Mehr Platz für Jugendkultur ist zu begrüßen, aber nicht unter der Erde.“ Seine Fraktion befürworte die Schließung, „unter dem Blickwinkel des Rückbaus der autogerechten Stadt“. Dafür brauche man „andere Ansätze, die den Verkehr weiterdenken als nur den individuellen Autoverkehr“. Das gesamte Verkehrsaufkommen rund um das ICC müsse besser reguliert werden.

Auch das Autobahndreieck Funkturm wird umgeplant

Auf stärkere Belastungen müssen sich Autofahrer ohnehin einstellen. Schließlich ist auch der umfangreiche Umbau des Autobahndreiecks Funkturm in Planung. Doch „wenn die Auffahrten zum Autobahnkreuz anders gelegt würden, dann müsste auch die Kreuzung anders gestaltet werden“, sagt der Baustadtrat.

Zur Frage der Sanierung des Autobahnkreuzes heißt es aus der Verkehrsverwaltung: „Die Autobahn ist von einem Umbau der Kreuzung nicht betroffen.“ Der Untersuchungsraum der Studie stehe noch nicht fest: „Er ist vom Dienstleister so groß zu wählen, dass alle relevanten Auswirkungen erfasst sind.“

Dass die Kreuzung nicht losgelöst von ihrer Umgebung betrachtet werden darf, meint auch Felix Recke. Man müsse sich „über das gesamte Umfeld Gedanken machen“. Dafür brauche es neue Ideen: Er erinnert an die FDP-Forderung, das Stück zwischen ICC und Westkreuz über der A100 zu überbauen, um Messeflächen zu gewinnen. Auch eine mögliche Zukunft für den bestehenden U-Bahntunnel müsse berücksichtigt werden.

Die CDU-Fraktionsvorsitzende Susanne Klose erklärt: „Für uns steht und fällt das Ganze mit einem Gesamtkonzept für das ICC.“ Wenn man wisse, ob das ICC weiter als Messe- und Kongressstandort genutzt werde, könne man abschätzen, ob die Unterführung noch notwendig sei. „Das hängt aber davon ab, wie schnell der Senat ein Konzept dafür entwickelt. Ich bezweifle, dass es eine schnelle Lösung für das ICC geben wird.“ Aus der AfD in der BVV heißt es, man könne sich erst eine Meinung über die Schließung bilden, wenn konkrete Pläne für den Umbau vorliegen. Wenn dieser zulasten des Autoverkehrs geschehe, sei das keine Verbesserung.

Die Messe Berlin, die als großer Anrainer ebenfalls bei der Machbarkeitsstudie miteinbezogen werden soll, steht der Schließung positiv gegenüber: „Wir begrüßen alles, was eine Verbesserung bringt.“ Für Besucher ist der Tunnel nicht gerade ein attraktiver erster Eindruck. Die BSR reinige dort zwar, aber das reiche nicht. „Vor großen Veranstaltungen, wie zum Beispiel der IFA, reinigen wir die Unterführung derzeit auf unsere Kosten.“

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