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Der kleine Garten mit einem Pavillon am Teich stellt nach japanischen Prinzipien eine miniaturisierte Landschaft dar.
© Kai-Uwe Heinrich

Urlaub ganz nah: Japanischer Bonsai-Garten in Brandenburg – hier kommt der Geist zur Ruhe

Bäume, Wasser, Schilf: Der japanische Bonsai-Garten in Brandenburg lockt mit seiner Friedlichkeit und dem Gefühl, ganz weit weg zu sein.

Einen japanischen Garten durchläuft man nicht. Man betrachtet ihn. Mit diesem Hinweis der netten Ticketverkäuferin unter dem Sonnenschirm beginnt die Exkursion in den Japanischen Bonsai-Garten in Ferch. „Das Ferne liegt so nah!“, steht auf dem Informationsblatt mit den Namen der einzelnen Gartenteile, das sie den Gästen in die Hand drückt.

Die Atmosphäre stimmt tatsächlich auf Anhieb. Schon nach den ersten Schritten steigt vor dem inneren Auge dieser entzückende Garten wieder auf, der mal die Überraschung eines Ferientages in Osaka war. Seit 20 Jahren gibt es dieses Kleinod in Brandenburg schon. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man es von Berlin aus in einer guten Stunde. Mit dem Auto geht es je nach Verkehrslage meist noch schneller.

Und dann ist sie plötzlich da, die Stille, die Abgeschiedenheit, die so typisch ist für japanische Gärten. Sie zu betrachten, bedeutet auch, die Augen zu sensibilisieren für die Perfektion der Natur und ihre Beständigkeit. Obwohl sie hier natürlich arg gezügelt wird. Bonsai-Bäume sind Miniaturgewächse. Sie passen gut dorthin, wo wenig Platz ist für die Menschen.

Vorbei geht es an der Mädchenkiefer, am Fächerahorn, am Ginkgobaum. Alle stehen sie da, unbedrohlich und auf Augenhöhe. Wie Spielzeug, das die Natur kindlichen Seelen schenkt. Hortensien blühen in Hellblau, Weiß und Rosa wie in japanischen Wäldern.

So ein Garten braucht schon etwas Fantasie. Mal soll man in einem einzelnen Stein ein Gebirge sehen, mal in einem Baum eine Insel. Und die Insel im Koi-Teich schließlich stellt eine steinerne Schildkröte dar. „Die Schlucht von Takachiho“ werden wohl nur Insider vor Augen haben.

Eine echte Teezeremonie erleben

Einsteiger lernen zwar, wie der echte Weg zu einer Teezeremonie aussieht: Man läuft über unebene Steine, um den Geist zu stärken und empfänglich zu machen für die Umgebung. Bis man vom Teemeister empfangen wird, kann man die Last des Alltags abschütteln dabei und sich fühlen, als absolviere man den steinigen Weg zu einer Berghütte.

Das Teehaus im Bonsai-Garten ist dankenswerterweise über einen schlichten Holzweg zu erreichen. Die unebenen Steine kommen später auf dem Weg zum Pavillon. Dafür wird die Stille jetzt durchbrochen von Familien mit Kindern, die erstaunlicherweise kein Eis wollen, sondern – Tee. Klar, die Atmosphäre ist wirklich fesselnd.

Der japanische Garten im brandenburgischen Schwielowsee-Ferch bei Potsdam.
Der japanische Garten im brandenburgischen Schwielowsee-Ferch bei Potsdam.
© Arno Burgi/lbn

Und das Teehaus wirkt zu einladend. Kleine Tische mit Hockern stehen davor, innen steht Tee zum Verkauf und köstlich aussehendes Gebäck. Am schönsten ist die hintere Terrasse zum Zen-Garten hin. Hier sitzt man an normalen Tischen oder – sehr schön – auf flachen, fast ebenerdigen Holzsesseln unter einem japanischen Schirm, wie er früher in Miniaturform die Eisbecher zierte.

[Wozu in die Ferne schweifen, wenn Berlin und die Umgebung so viel zu bieten haben? Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge und geben Tipps. Lesen Sie hier alle Beiträge unserer Sommerserie „Urlaub ganz nah“.]

Leise klingt ein Windspiel, und man kann sich nach Art der japanischen Zen-Priester in den Anblick des weißen, sorgfältig geharkten Kieses vertiefen. Dieser Klassiker aller Betrachtungsgärten verfehlt in der ihm gebührenden Kargheit seine entschleunigende Wirkung nicht.

Traditionelle Spezialitäten kosten

In aller Gemütsruhe wartet man auf den Kocha, den Schwarztee mit Kirschbaumblättern, der korrekt am Tisch aufgegossen wird. Dazu passt Sakura Mochi – das in ein Kirschblatt eingewickelte Küchlein aus Klebereis mit einer Füllung aus süßen Bohnen wird auf einem landestypischen Porzellantablett serviert.

Weiter geht's zum Wolkenmeer-Garten mit seinen kniehohen Kiefern, die teils schon über 100 Jahre alt sind. Der gleißend leuchtende weiße Quarzsand wird jeden Tag gefegt und neu geharkt, um die Spuren von Füchsen und Igeln zu beseitigen, versichert Tilo Gragert.

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Der Herr über den Garten wurde bei einer Studienreise nach Japan dermaßen vom Bonsai-Fieber gepackt, dass er das Familienhobby zum Beruf machte. Die Algen, die den Teich grün und trübe aussehen lassen, sind gewollt, sie sollen die kostbaren Koifische vor Fressfeinden schützen, vor Waschbären, Mardern, Reihern und neuerdings auch Fischadlern.

Der japanische Garten ist voller Bonsais.
Der japanische Garten ist voller Bonsais.
© Kai-Uwe Heinrich

Man kann die Fische von der Veranda des Pavillons aber sehr schön beobachten, wie sie auftauchen wie Mini-Wale und mit ihren rund geformten Mäulern nach Luft und Nahrung zu schnappen scheinen. Und schon steckt man wieder mitten drin in einem Akt der Meditation, indem man hier auf den runden Bastmatten verweilt und lange aufs Wasser blickt.

Im Pavillon selbst erfreuen rosarote und weiße Azaleen die Betrachter. Während in den klassizistischen Gärten Europas die geometrischen Formen dominieren, züchten die Japaner künstlich natürliche Formen. „Jede Pflanze wird von Menschenhand gestaltet und ist ein Kunstwerk für sich“, beschreibt Gragert das Prinzip.

Die Kunst des Bonsais

Später wird man noch einiges über die wichtigsten Irrtümer über Bonsai lernen. Dass zwar der Name aus Japan kommt, es die kleinen, beschnittenen Bäume aber schon im 4. Jahrhundert in China gab. Wer glaubt, dass Bonsais eine Verstümmelung der Natur sind, wird hier eines Besseren belehrt. In Felsspalten wuchsen Natur-Bonsais, die klein blieben, weil sie immer wieder zurückgetrocknet sind. Aus ihnen entstanden in Japan dann die wertvollen Bonsais, die in Schalen weiter kultiviert wurden.

Ja, dies ist ein guter Ort, um sich fremd zu fühlen, einzutauchen in eine andere Welt. Aber wenn man nach oben schaut, sieht man von Ferne die hohen Baumkronen in Ferch als mächtige Zeugen der Freiheit des unbeschnittenen Wuchses. Man hat nicht nur den langen Flug gespart, man erlebt zwei Natur-Kulturen mit einem Blick.

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Vorbei geht es schließlich an winzigen Laubbäumen, an chinesischem Wacholder und mehr Ginkgobäumen zu einer nicht unwichtigen Station. Man kann hier nämlich auch Reisemitbringsel kaufen. Tee und Keramik, aber auch Bonsais. Die Wildoliven oder die Granatapfelbonsais mit den schönen roten Blüten kosten 49 Euro. Wer etwas mehr ausgeben möchte, kann zum Beispiel zur 16-jährigen japanischen Stechpalme für 198 Euro greifen.

Bevor es nach Hause geht, sollte man noch den schönen Uferweg am Schwielowsee entlang testen. Einfach an dem leuchtend orangefarbenen Haus auf der anderen Straßenseite runter gehen zum See. Dort kann man herrliche Urlaubsfotos machen. Weiter Blick, Wasser, Schilf: die Ferne eben, hier zum Greifen nah. Fercher Straße 61, Schwielowsee. Mit dem Regionalexpress oder der S-Bahn bis Potsdam Hauptbahnhof fahren. Dort umsteigen in den Bus Nr. 607 (Gleis 6) nach Ferch. Direkt an der Endhaltestelle Ferch-Mittelbusch befindet sich der Bonsai-Park. Geöffnet Di-So von 10-18 Uhr. Eintritt 6 Euro für Erwachsene.

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