Kinderbücher : Warme Geschichten gegen die Kälte

Sankt Martin neu erzählt: Die Autorin Johanna Lindemann klärt Kinder mit einem Buch über Obdachlosigkeit auf.

Jette Wiese
Gegen Vorurteile. Die Autorin Johanna Lindemann spricht mit Kindern über die harten Seiten des Lebens.
Gegen Vorurteile. Die Autorin Johanna Lindemann spricht mit Kindern über die harten Seiten des Lebens.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein kleiner Junge weint, weil seine Laterne für den Sankt-Martins-Umzug kaputt gegangen ist. Ein Obdachloser hilft aus und bastelt dem Kind eine Laterne – der Abend ist gerettet. Johanna Lindemann erzählt in ihrem neuen Kinderbuch „Die schönste Laterne der Welt“ (Ueberereuter-Verlag, 32 Seiten, 14,95 Euro) eine wärmende Geschichte über das Teilen und die gegenseitige Offenheit in der kalten Jahreszeit. Es ist das vierte Bilderbuch der Autorin, illustriert von Stephan Pricken.

Ihre eigenen Kinder stellten ihr immer wieder Fragen, auf die sie keine Antworten wisse, erzählt Lindemann. Oft gehe es dabei um die vielen Obdachlosen in ihrem Viertel in Friedrichshain. Auch wenn sie keine Lösungen wisse, wolle sie über das Buch mit den Kindern ins Gespräch kommen, sagt die zweifache Mutter. Aus der Idee des Verlags, eine Geschichte über den Laternenumzug zu schreiben, sei deshalb eine „moderne Sankt-Martins-Geschichte“ geworden. Diese handelt von einem kleinen Jungen, der eine Laterne bastelt, doch alles läuft schief. Auch sein Vater, der gestresst von der Arbeit zum Kindergarten hetzt, kann ihm nicht weiterhelfen. Ein Obdachloser sieht den Jungen weinen und schnitzt kurzerhand aus einer leeren Dose eine Laterne, die er dem Kind schenkt. So geht es neben der Erzählung über einen Laternenumzug vor allem um gegenseitige Wahrnehmung und die Überwindung von Vorurteilen, wie sie etwa der Vater des Kindes gegenüber dem Obdachlosen hat.

"Großstädte sind ein hartes Pflaster"

Obdachlosigkeit und Armut einfach auszublenden sei keine gute Antwort auf die Fragen der Kinder, sagt Lindemann. „Ich will meine Kinder nicht davor bewahren, die Realität ist eben so. Wenn ich anfange, wegzuschauen bei Menschen, denen es hier schlecht geht, wie soll ich dann Mitleid haben mit den Menschen, die im Mittelmeer ertrinken?“ Gerade Großstädte seien ein hartes Pflaster, sagt die Autorin. Darüber müsse man reden und die Kinder, die die Situation ja selbst wahrnehmen, dabei nicht ausschließen. Für gegenseitige Verständigung und Offenheit hat Lindemann außerdem 2003 zusammen mit Freunden die Onlineplattform „Restrealität“ gegründet, für Fans der Berliner Technoszene – nachdem ihr damaliger Lieblingsclub geschlossen wurde. Sie wollten eine Basis für gegenseitigen Austausch schaffen und hatten dort unter anderem eine psychologische Betreuung für die Feiernden eingerichtet, , erzählt die 45-Jährige.

Rückzug aus der Clubszene

Im Vorjahr hat sich die Autorin allerdings aus der Szene zurückgezogen. Ihr Familienleben passe nicht mehr so gut zu der Partyszene. Seither hat Lindemann in ihrem gelernten Beruf als Werbetexterin gearbeitet und Kunst produziert, bis ihre beiden Töchter sie dazu gebracht hätten, Kinderbücher zu schreiben. „Ich hatte immer schon den Drang, Geschichten zu erzählen“, sagt Lindemann.

„Offenheit zu fördern für Menschen und Ideen, die einem vielleicht erst einmal fremd und irritierend vorkommen“, diesen Gedanken habe sie aus ihrer Zeit in der Technoszene mitgenommen. Die Obdachlosigkeit sei eines der Themen, die viele Menschen ausblenden würden. Sie sei als Bewohnerin Berlins täglich damit konfrontiert, sagt Lindemann. Die Zahl derer, die auf der Straße leben, sei in den letzten Jahren massiv gestiegen. Die Gesellschaft verhärte sich, deshalb gelte es, trotzdem nicht wegzuschauen. Durch ihr Buch will die Autorin Kinder auf ihre Umwelt aufmerksam machen. Das gelingt ihr offenbar, der Band erscheint bereits in der zweiten Auflage – das nächste Buch ist schon in Planung.

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