• Kommentar zur Diskussion zu Kreuzberger Straßen: Namensgeber für Straßen sind gesellschaftliche Vorbilder

Kommentar zur Diskussion zu Kreuzberger Straßen : Namensgeber für Straßen sind gesellschaftliche Vorbilder

Die Würdigung von Kriegsschauplätzen durch Straßennamen muss diskutiert werden, sagt unsere Autorin. Auch könnten Straßen in einigen Fällen umgewidmet werden.

 

Die Grünen aus aus Friedrichshain-Kreuberg wollen die Yorckstraße, benannt nach Ludwig Graf Yorck von Wartenburg, unbenennen.
Die Grünen aus aus Friedrichshain-Kreuberg wollen die Yorckstraße, benannt nach Ludwig Graf Yorck von Wartenburg, unbenennen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer Straßennamen diskutieren möchte, muss eine ganz grundsätzliche Frage stellen: Welche Personen sollen in unserer Gesellschaft mit dieser besonderen Ehrung bedacht werden?

Dass eine Straßenwidmung einer Würdigung gleichkommt, lässt sich dabei nicht abstreiten: Gerade in einer Hauptstadt, deren Plätze, Straßen und Alleen nach Frauenrechtlerinnen und Widerstandskämpfern, Bundeskanzlern und Figuren der Wiedervereinigung sowie Würdenträgern der Bezirke benannt sind, geht mit einem Straßennamen eine gewisse Würdigung einher. Ein Straßenname hat etwas zu bedeuten. Er sagt: Seht her, ich habe einst etwas geleistet oder stehe für etwas, an das ihr euch immer noch erinnern sollt.

Ob das bei einigen Militärs und Kriegsschauplätzen noch immer der Fall ist, wollen die Grünen Friedrichshain-Kreuzberg mit ihrem BVV-Antrag zur „Entmilitarisierung des öffentlichen Raums“ diskutieren. Im Antrag, der am 19. März im Kulturausschuss diskutiert werden soll, geht es konkret um Yorckstraße, Blücherstraße und -platz, Horn-, Möckern-, Gneisenau-, Katzbach-, Großgörschen-, Großbeeren- und Obertrautstraße sowie Hagelberger und Eylauer Straße.

Als am 9. Juli 1864 per Kabinettsorder Straßen in Kreuzberg nach Schlachten und Militärs der Befreiungskriege gegen Napoleon benannt wurden, galten die Generalfeldmarschälle Ludwig Graf Yorck von Wartenburg oder August Wilhelm Antonius Graf Neidhardt von Gneisenau als Personen, die sich im Krieg gegen den Feind Frankreich für Preußen eingesetzt hatten und denen offenbar eine Würdigung zustand. Auch an Schauplätze von Schlachten wie Großbeeren sollte erinnert werden. Sie wurden Namensgeber Kreuzberger Straßen.

Eine andere Sichtweise auf den Krieg

Mittlerweile sind die Befreiungskriege über zwei Jahrhunderte her, die Namensgebung mehr als 150 Jahre. Geändert hat sich seither die zivilgesellschaftliche Sichtweise auf den Krieg. Der führt zu Todesopfern, Verletzten, Gewalt und Diskriminierung. Er prägt Gesellschaften und das Selbstverständnis ihrer Angehörigen über Generationen, trennt Gesellschaften und Familien. Dass Krieg keine glorreiche Sache ist, kein erstrebenswertes Ereignis, sondern ein grausames, vermeidenswertes Schicksal für alle Menschen, ist eine Betrachtungsweise, die zum Glück heute deutlich weniger umstritten ist als 1864.

Lange genug hat es gedauert, lange genug haben sich unzählige Menschen im Großen wie im Kleinen bemüht, bis die deutsch-französische Freundschaft diesen Namen auch verdient. Zurecht fragen die Grünen nun, ob im Rahmen der europäischen Einigung und der seit Langem bestehenden besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich eine Beibehaltung der prominenten militärischen Würdenträger und Kriegsschauplätze als Straßennamen sinnvoll ist.

Die Diskussion ist zweifellos wichtig und angebracht. Gerade kritisches Hinterfragen der Würdenträger sorgt dafür, dass eine solche Ehrung weiter etwas bedeutet. Sie sollte den besten Anwärtern zukommen, nicht denen, die eben schon früher da waren. Dass Kreuzberg, Berlin und die Welt seit 1894 Personen hervorgebracht haben, deren Namen eine bessere Zier für Kreuzbergs Straßen wären, kann als gewiss betrachtet werden.

Auch in anderen Bezirken gibt es Diskussionsstoff

Eine Umbenennung ist optional, wird aber im BVV-Antrag bereits als mögliches Ergebnis benannt. Erst einmal geht es nur um bestimmte Straßen in Kreuzberg, aber Diskussionsstoff gibt es auch in anderen Bezirken genug. Welche Namen taugen noch, wenn wir die Würdenträger als gesellschaftliche Vorbilder begreifen? Es würde nicht schaden, wenn sich das alle Berliner einmal fragen würden.

Straßen umzubenennen, bedeutet aber auch einen ganz praktischen Kraftaufwand, von persönlichen Dokumenten über Ladenschilder, Broschüren zu allen anderen Dingen, auf denen die Adresse verzeichnet ist, müsste alles geändert werden. Ein zeitlicher, aber auch ein finanzieller Aufwand, den so mancher Anwohner für zu groß halten dürfte.

Umwidmungen statt Umbenennungen

Doch es gibt viele weitere Optionen: In einigen Fällen könnten die Straßen schlicht umgewidmet werden. Großbeeren ist zum Beispiel nicht nur Kriegsschauplatz, sondern auch ein Ort. Zusatztafeln könnten auf die Umwidmung verweisen oder zumindest die Straßennamen in den militärischen Kontext einordnen. Wer durch Kreuzberg ginge, würde dann mehr über die Geschichte vor Ort erfahren und könnte sich selbst eine Meinung bilden.

Eine Diskussion ist unentbehrlich und kann in neuen Projekten münden, Ausstellungen oder Informationstafeln wären denkbar. Von dem Aushandlungsprozess können viele Menschen profitieren, doch müssen solche Ansätze besprochen werden. Alle Kreuzberger, aber auch andere Interessierte sollten sich an einem ergebnisoffenen, gerne kontroversen Dialog beteiligen können. Sie müssen Optionen wie Umbenennung, Umwidmung, Zusatzschilder und alle anderen Ideen aus der Zivilgesellschaft, Politik und Forschung diskutieren. Denn die Namen jetzt, da auf den militärischen Kontext so deutlich aufmerksam gemacht wurde, unhinterfragt und unkommentiert im öffentlichen Raum stehen zu lassen, käme einer erneuten Würdigung der Personen und Schlachten gleich. Eine solche Remilitarisierung des öffentlichen Raums gilt es zu vermeiden.

Ein Diskurs über Straßenumbenennungen - ist das nötig? Lesen Sie hier den Gegenkommentar zur Diskussion um die Kreuzberger Straßen.

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