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Das Rechenzentrum und die Baustelle des Garnisonkirchturms in Potsdam.
© Ottmar Winter PNN

Nach jahrzehntelangem Streit: Kompromiss zum Umgang mit Potsdamer Garnisonkirche gefunden

Lange wurde über den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche diskutiert. Nun scheint es eine Einigung zu geben.

Die Freude war groß bei Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert, als er unlängst verkünden konnte, dass es nun ein Konzept gebe für den Umgang mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche und dem Künstlerhaus Rechenzentrum. „Das hätte ich nicht erwartet“, sagte der SPD-Politiker bei einer Pressekonferenz.
Jahrzehnte lang war die Potsdamer Stadtgesellschaft in dieser Angelegenheit gespalten: dem originalgetreuen Wiederaufbau der Garnisonkirche, den eine dafür gegründete Stiftung umzusetzen begann, zunächst mit dem Ende 2017 begonnenen Bau des Kirchturms. Das Problem war nur: Ein kompletter Wiederaufbau ließ sich nicht damit vereinbaren, das nebenan von Künstler:innen seit 2015 genutzte Rechenzentrum zu erhalten.

Denn der DDR-Bau steht in Teilen genau dort, wo sich einst die Militärkirche befand, bevor sie 1945 in der sogenannten „Nacht von Potsdam“ nach einem britischen Luftangriff ausbrannte und die verbliebene Ruine 1968 vom SED-Regime gesprengt wurde. Bis 2023 – so war es bislang geplant – hätte das Rechenzentrum abgerissen werden sollen. Dann wäre auch Platz gewesen für das Kirchenschiff in seiner ursprünglichen Form, wie es zum Beispiel viele Vertreter:innen der Potsdamer Bürgerinitiative „Mitteschön“ jahrelang gefordert hatten. Zumal in der Nähe bereits an einem Kreativquartier als Ersatz für das Rechenzentrum gearbeitet wird.

Allerdings traten viele Künstler:innen vehement dafür ein, das Rechenzentrum zu erhalten – auch als Zeugnis der DDR-Geschichte Potsdams. Wegen ihrer Vergangenheit als Militärkirche gab es zudem immer wieder Kritik am Wiederaufbau der Garnisonkirche, dem einst höchsten Bauwerks Potsdams. Eine gute Lösung schien aussichtslos. Als Rathauschef Schubert im Wahlkampf vor seinem Amtsantritt 2019 das Ziel ausgab, den Streit endlich zu lösen, glaubten denn auch wenige daran, dass es ihm gelingen könnte, einen Kompromiss zu finden.

Anfang 2022 soll dem Kompromiss offiziell zugestimmt werden

Umso größer war die Spannung, als Schubert die angestrebte Lösung vor eineinhalb Wochen gemeinsam mit der Stiftung Garnisonkirche und dem Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum präsentierte. Und die sieht so aus: Statt das Rechenzentrum abzureißen, soll es saniert und weitgehend erhalten bleiben. Nicht wiedererrichtet wird hingegen das Kirchenschiff. Geplant ist stattdessen ein verbindendes „Haus der Demokratie“ mit einem Plenarsaal für die Stadtverordneten, weil der derzeitige im Stadthaus zu klein ist.

Außerdem soll es zusätzliche Räume für das Potsdam Museum geben. Zeitplan und genaue Finanzierung sind noch unklar. Sicher ist nur: Es sollen unter anderem Landes- und Bundesfördertöpfe angezapft werden. Der Kompromiss steht zudem noch unter dem Vorbehalt, dass die Gremien der Stiftung Garnisonkirche und des Rechenzentrums sowie die Stadtverordneten zustimmen müssen. Letzteres soll Anfang 2022 geschehen – dann „können wir in das Raum- und Funktionsprogramm einsteigen“, sagte Schubert. Bis zu neun Monate rechnet er dafür ein. In Arbeitsgruppen soll es um die technischen Anforderungen an einen modernen Plenarsaal gehen.

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Im Anschluss könne die Machbarkeitsstudie in Form eines internationalen Architekturwettbewerbs ausgeschrieben werden. Dieser soll das ganze Forum an der Plantage – das neue Haus der Demokratie, dessen Verbindung zu Turm und Rechenzentrum, sowie die Sanierung des Kulturhauses – umfassen. Schubert brachte bereits den Stararchitekten Daniel Libeskind ins Spiel. „Bis Ende 2023 sollen die planerischen Grundlagen stehen.“ Wie alle Parteien des Kompromisses hob er die konstruktiven Gespräche hervor. Das Ergebnis sei nur durch eine „Selbstrücknahme“ aller Beteiligten möglich geworden.

Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert (r.) mit dem Altbischof Wolfgang Huber bei der Vorstellung des Konzepts für den Wideraufbau der Garnisonkirche.
Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert (r.) mit dem Altbischof Wolfgang Huber bei der Vorstellung des Konzepts für den Wideraufbau der Garnisonkirche.
© Ottmar Winter PNN

Geht alles seinen Gang, hat die Stiftung Garnisonkirche den größten Schritt getan, indem sie von ihrem Wunsch abgerückt ist, das Kirchenschiff wiederaufbauen zu wollen. Deren Kuratoriumsvorsitzender Wolfgang Huber sagte auf Anfrage bereits vor der offiziellen Präsentation: „Wir gehen diesen Weg aus Überzeugung.“ Der neue Ort solle für „zeitgemäßes verantwortliches Christsein“ stehen, so der Altbischof. Ein Kirchenschiff sei an der Stelle jedenfalls nicht nötig – an Kirchen im Umfeld gäbe es „keinen Mangel“. Was „jetzt vorgestellt wird, ist die sinnvollste Nutzung“ der Fläche des Kirchenschiffs. Die geplante Nutzung durch die Stadtverordnetenversammlung sei Ausdruck gelebter Demokratie, der Kompromiss erfülle ihn als Demokraten und Christen „mit sehr viel Hoffnung“.

Und nicht nur Huber und Schubert, sondern auch andere Mitglieder des 15-köpfigen Kuratoriums haben sich bereits zu dem Konsens bekannt. Etwa Matthias Dombert, Chef der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau. Auch Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatte bereits gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“ erklärt, die Idee sei „gut“ und passe zu den Herausforderungen der Zeit. Mindestens drei weitere Mitglieder des Gremiums werden voraussichtlich zustimmen, wie sie auf Anfrage bestätigten.

Auch Steinmeier begrüßt Kompromiss

Zufrieden zeigte sich auch Anja Engel, Hausmanagerin des Rechenzentrums. Immerhin könnten die Kreativen das Künstlerhaus mit der Lösung weiter nutzen – zusätzlich zum entstehenden Kreativquartier. Der Kompromiss ermögliche, so drückte es Engel aus, einen „zukunftsorientierten Ort, der langfristig gestaltbar ist“. Selbst von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gab es Rückendeckung.

Eine Sprecherin des Bundespräsidialamts sagte auf Anfrage, Steinmeier als Schirmherr zum Wiederaufbau des Turms der einstigen Barockkirche begrüße es, „dass die Stadt Potsdam, die Stiftung Garnisonkirche und das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum ein gemeinsames Konzept für das Areal an der Plantage vorgelegt haben“. Damit hätten sich alle Seiten bewegt und einen Kompromiss gefunden. Aus Steinmeiers Sicht könne „ein Erinnerungsort entstehen, der von historischer Aufklärung, demokratischer Debatte und kultureller Kreativität geprägt wird“.

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Mit der Rückendeckung des Staatsoberhaupts dürfte es für Gegner des Kompromisses schwerer werden, dagegen anzugehen. Denn die gibt es durchaus.

Gegen den Kompromiss hatten zuletzt vor allem die besagte Bürgerinitiative Mitteschön, die CDU und auch AfD-Vertreter gewettert – und für das Kirchenschiff einen originalen Wiederaufbau gefordert, was im Stadtparlament allerdings nicht mehrheitsfähig ist. Von einem „Überrumpelungsversuch“ sprach der CDU-Kreischef Oliver Nill. Befürworter des Kirchenschiffs und damit weite Teile der Bürgerschaft seien außen vor gelassen worden, die Vorfestlegung auf eine Kirche ohne Schiff entspreche auch nicht dem vereinbarten Verfahren. „Die Stadtgesellschaft wird dem Oberbürgermeister diesen Husarenritt nicht durchgehen lassen.“

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