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Kulturveranstaltungen in Corona-Zeiten : Charité-Forscher halten volle Opern- und Konzerthäuser doch für machbar

Wissenschaftler der Charité empfehlen, Konzertsäle wieder voll zu besetzen. Kultursenator Klaus Lederer reagiert überrascht, der Charité-Vorstand ablehnend.

Julius Betschka
Symbolbild: Die Wiener Philharmoniker spielen vor 100 Personen das erste Konzert mit Corona-Beschränkungen im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. In Deutschland könnten die Konzertsäle bald wieder voll sein.
Symbolbild: Die Wiener Philharmoniker spielen vor 100 Personen das erste Konzert mit Corona-Beschränkungen im Goldenen Saal des...Foto: dpa

Bislang sind Opern- und Konzerthäuser in Deutschland nur spärlich gefüllt. Wegen der Hygienevorschriften in der Corona-Pandemie wird oft nur jeder vierte Platz vergeben. In einer Stellungnahme von vier Forschern der Charité, die dem Tagesspiegel vorliegt, empfehlen diese nun, jeden Platz wieder zu besetzen. Zuerst hatte der rbb darüber berichtet.

Volle Säle wären laut der Forscher der Institute für Sozialmedizin und Epidemiologie sowie für Hygiene und Umweltmedizin möglich, wenn alle Besucherinnen und Besucher einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Das sei möglich, weil in klassischen Konzerten weder geredet oder getanzt werde.

Das Publikum von Klassikveranstaltungen sei ein besonderes, mit einem sehr aufgeklärten Verständnis und disziplinierten Verhalten, sagte Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Berliner Charité, dem Tagesspiegel. Willich ist selbst Dirigent.

Die Zuhörer säßen außerdem nicht neben einander, sie sprächen nicht während der Vorstellung. „Wir gehen davon aus, dass sie sich auch konsequent an die Verhaltensregeln halten werden.“ Das sei mit Veranstaltungen wie etwa der Love-Parade nicht vergleichbar.

Damit die Säle wieder voll besetzt werden können, fordern die Wissenschaftler strikte Regeln. Neben der Mund-Nasen-Schutz-Pflicht sollen außerdem Luftfilter eingesetzt werden. Die üblichen Hygieneregeln müssen eingehalten und Flächen desinfiziert werden. Im Foyer und auf den Toiletten sollen zudem die Abstandsregeln gelten. Auf ein Catering soll ganz verzichtet werden.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) reagierte überrascht auf die mutmaßliche Kehrtwende der Experten: „Wir stehen seit Monaten in engem Austausch mit Expert*innen, um alles, was epidemiologisch vertretbar ist, zu ermöglichen“, sagte er dem Tagesspiegel. Keiner habe jemals vertreten, dass volle Konzertsäle mit ein paar Hygienemaßnahmen unproblematisch seien.

Charité-Vorstand reagiert ablehnend

„Insofern überrascht uns diese Empfehlung aus der Charitè, von der wir über Presseanfragen erfahren haben.“ Seine Verwaltung werde die Empfehlungen aber sorgfältig prüfen und in ihre weiteren Überlegungen einbeziehen, „wie andere uns vorliegende Studien und Expertisen auch“, sagte Berlins Kultursenator.

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Der Vorstand der Charité reagierte ablehnend auf das Papier der Forscher aus dem eigenen Haus. Es gebe nicht die Position des Vorstands wieder: „Bei der „Stellungnahme zum Publikumsbetrieb von Konzert- und Opernhäusern während der COVID-19 Pandemie“  zur Wiederaufnahme des Oper- und Konzertbetriebs unter Corona-Bedingungen handelt es sich um ein nicht abgestimmtes Papier.“

Stellungnahme wurde nicht von anderen Wissenschaftlern geprüft

Der Entwurf berücksichtige nicht die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Risiken. „Das Papier ist daher nicht als Handlungsvorschlag, sondern als Grundlage einer weiteren kritischen Diskussion im Rahmen der Berliner Teststrategie zu betrachten“, teilte der Vorstand auf Tagesspiegel-Anfrage mit. Die Gesundheitsverwaltung teilte mit, ihr liege das Papier nicht vor.

Das Schreiben der vier Forscher ist keine Studie, sondern eine Stellungnahme, die nicht durch den wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess gegangen ist - hierbei werden Ergebnisse einer Arbeit von anderen Wissenschaftlern aus dem jeweiligen Feld auf Validität geprüft und im Hinblick auf die Publikationswürdigkeit bewertet.

Philharmoniker spielen vor nur 20 Prozent des Publikums

Auch für die Musiker könnte es laut des Papiers Lockerungen geben: Die Studie empfiehlt nun einen Abstand zwischen den Streichern von einem Meter (aktuell 1,5 Meter) sowie von 1,5 Meter zwischen den Bläsern (aktuell zwei Meter). Eine Trennung durch Plexiglas könne bei den Bläsern entfallen.

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Die Berliner Philharmoniker spielen Konzerte zurzeit mit kleinerer Besetzung, weniger Publikum und einen hohen Aufwand für Hygiene. In den Konzerten werde das Orchester in der Philharmonie wegen der Hygieneregelungen ohne Pause spielen und hat deswegen bisher geplante Werke ausgetauscht.

Für die neue Spielzeit sind in der Berliner Philharmonie bis zunächst Ende Oktober nur 20 bis 25 Prozent der rund 2200 Sitzplätze im Angebot, Einnahmeverluste könnten teilweise vom Bund und vom Land Berlin übernommen werden. Zum Saisonauftakt am 28. August spielt das Orchester unter Leitung von Chefdirigent Kirill Petrenko Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ sowie Johannes Brahms' vierte Sinfonie. (mit dpa)

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